Tischgespräch mit Katharina Schulze

Frauen haben ein Recht auf Schutz vor häuslicher Gewalt

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(v.l.) Roswitha Ziegerer, hauptamtliche Mitarbeiterin des Frauenhauses Kempten, Amelia Ulbrich, für die aufsuchende Beratungsarbeit zuständig, Theresia Wildegger, Vorsitzende des Vereins „Frauen helfen Frauen“, Katharina Schulze, MdL und Fraktionsvorsitzende der Bayerischen Grünen sowie Stadträtin und Bundestagskandidatin Erna-Kathrein Groll.

Kempten – Dank des Vereins „Frauen helfen Frauen“ gibt es seit 1983 in Kempten ein autonomes Frauenhaus, eine Kriseneinrichtung für Frauen, die akut Schutz suchen von häuslicher Gewalt. MdL Katharina Schulze, die Fraktionsvorsitzende der Bayerischen Grünen, und Stadträtin Erna-Kathrein Groll, die Bundestagskandidatin der Grünen, haben zu einem Tischgespräch mit Expertinnen zu diesem Thema eingeladen.

Sowohl Roswitha Ziegerer, eine der Gründungsmütter und seither hauptamtlich im Frauenhaus tätig, als auch die Vorsitzende des Vereins, Theresia Wildegger und Amelia Ulbrich, die in Teilzeit die aufsuchende Beratungsarbeit leistet, konnten Schulze und den beiden regionalen Abgeordneten, Thomas Gehring und Ulrich Leiner eindrucksvoll aus ihrem Alltag berichten – und der sei „mühsam“, wie sie mehrfach betonten.

Politisch habe sich seit den Gründungsjahren dieses Frauenhauses enorm viel getan, so Ziegerer. Zum Beispiel werde die Gewaltdebatte differenzierter geführt und das neue Gewaltschutzgesetz verschaffe betroffenen Frauen Anspruch auf ihre Wohnung. Trotzdem suchen viele Frauen noch die Schuld bei sich, wenn sie psychisch und physisch gequält werden. Die Tatsache, dass in Deutschland täglich eine Frau vom Partner ermordet wird, zeigt, wie real die Gefahr und wie brisant das Thema ist. Tatsache ist auch, dass Frauenhäuser extrem viele Frauen abweisen müssen, zum einen wegen Platzmangels, zum anderen, weil sie räumlich und vor allem personell Frauen mit akuten psychischen Problemen, mit Behinderungen und Suchtproblemen nicht gerecht werden können.

Das Frauenhaus Kempten verfügt über fünf Zimmer, jeweils für eine Frau mit ihren Kindern; die durchschnittliche Aufenthaltsdauer beträgt 30 Tage. Ziegerer ist „relativ zufrieden mit der Situation“, doch die Zeiten ändern sich: „Wir hätten gerne mehr Platz, über den wir freier verfügen können und neue Finanzierungsrichtlinien, die uns mehr Spielraum gewähren.“ Auch können die wenigen Ehrenamtlichen die vielfältigen Aufgaben, etwa den 24-Stunden-Bereitschaftsdienst, nicht mehr auf unbegrenzte Zeit stemmen. Sie fordert, vor allem in Ballungsgebieten deutlich mehr Frauenhausplätze zu schaffen. Auf der anderen Seite sollten sich auch die speziellen Einrichtungen sehr viel intensiver mit der Problematik auseinandersetzen und Präventions- und Interventionsangebote machen. Zu den Fachstellen gehören z.B. Wohnheime für Frauen mit intellektuellen oder körperlichen Einschränkungen und die Bezirkskrankenhäuser, in denen etwa 80 Prozent der Patientinnen Gewalt erfahren haben, aber auch die Unterkünfte für Geflüchtete und Asylsuchende. Überall dort, wo Frauen von Männern abhängig sind, sei es finanziell, wegen ihres Aufenthaltsstatus oder ihrer Pflegebedürftigkeit, müssen sie besser geschützt und niedrigschwellig Zugang zu professioneller Beratung und Begleitung haben.

Auch in Kempten müssen Frauen oft länger als unbedingt nötig im Frauenhaus bleiben, einfach weil sie keine bezahlbare Wohnung finden.

Die neuen Internet-Kommunikationsmittel haben dem Typ „kontrollierender Mann“ auch neue Bedrohungsmöglichkeiten geschaffen, wie Ulbrich aus ihrer Beratungstätigkeit weiß. Mit Ortungsapps ausgestattete Smartphones ermöglichen eine komplette Überwachung der Frau, eine „absolut gruslige“ Art von Stalking.

Schulze versäumte es nicht, den Vorkämpferinnen für ihre Arbeit zu danken. Von den Praktikerinnen bekamen sie und die beiden Politiker auf den Weg, sich für zeitgemäße Rahmenbedingungen für den Schutz von Frauen vor Männergewalt einzusetzen. Dazu gehöre zwingend, dass es bei der Pauschalfinanzierung der Häuser bleibe und nicht etwa eine Tagessatzfinanzierung eingeführt werde, die z.B. die Anonymität der schutzsuchenden Frauen nicht gewährleiste. Die Tagessatzfinanzierung, um die sich die Frauen selbst kümmern müssten, sei eine zu hohe Hürde für eine Frau, die Schutz vor der Gewalt ihres Partners sucht.

Die Abgeordneten der Grünen im Bayerischen Landtag haben zur Aufgabe „Gewalt gegen Frauen bekämpfen“ ein Reihe von Anträgen gestellt und ein Sonderinvestitionsprogramm gefordert, um den bedarfsgerechten Ausbau der Schutzeinrichtungen und Therapieangebote zu ermögliche und die „unwürdige Situation im reichen Bayern“ zu beenden.

Elisabeth Brock

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