»Streitbarer« und umstrittener Maler

Franz Weiß, der Facettenreiche

Die Aktmalerei von Franz Weiß im Bestand der Kemptener Museen zeigt vermutlich die erste Ehefrau des Malers
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Die Aktmalerei von Franz Weiß im Bestand der Kemptener Museen zeigt vermutlich die erste Ehefrau des Malers.
  • VonChristine Tröger
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Kempten - Am 1. Juni waren es exakt 30 Jahre, die seit dem Tod des Kunstmalers Franz Weiß vergangen sind.

Im Kreisboten erschien zum Jahrestag eine Geschichte über die Rettung zahlreicher Kunstwerke des Malers aus dem Haus Bavaria, in dem er gearbeitet und mit seiner Frau Rita gelebt hatte. Nach deren Tod im Juni 2018 wurde das Haus von den Erben öffentlich zum Kauf angeboten, von einem Investor erworben und ist seit Kurzem dessen Neubauplänen an der Ecke Bodmanstraße/Adenauerring gewichen. Präsent ist Franz Weiß sowohl als Maler wie als Person dennoch und das nicht nur wegen seiner zahlreichen Werke im öffentlichen Raum.

Da gibt es 1. eine noch frühere Bergung von Kunstwerken aus genanntem Haus; 2. die mehr oder weniger starke Verquickung von Künstler und Werk mit der NS-Zeit und dann ist da 3. noch ein Konvolut, das vom Kemptener Kulturamt erworben wurde, aber teilweise erstmal noch restauriert werden muss.

Die erste Kunstbergung

„Ich war der Erste, der drin war“, ist sich Antiquitätenhändler Joachim Gorlik sicher, da sich die Erben direkt nach der Freigabe des Testaments bei ihm gemeldet hätten. Zimperlich dürfe er in seinem Job nicht sein, aber die Warnung, er solle „nicht erschrecken“, sei bei dem Haus in einem „katastrophalen Zustand“ durchaus angebracht gewesen. „Das Dach war eingebrochen“ und ins zweite und dritte Stockwerk habe es hineingeregnet – über Jahre. Gesundheitlich sei das schon „grenzwertig“ gewesen, berichtet Gorlik, der „seit 35 Jahren im Geschäft ist“, wie er erzählt, von Schimmelsporen überall und toten Vögeln. „Unter dem Dach haben mindestens 100 Tauben gewohnt“, erinnert er sich auch an „Berge von Katzenfutter“, an private Fotos und Briefe, und dass „es barbarisch gestunken hat“, u.a. nach Moder. Die drei Erbinnen hätten sich vor dem Haus „geekelt“, erklärt er verständnisvoll.

So habe er aus Respekt vor der Privatsphäre – das Ehepaar Weiß war für einen etwas lockeren Lebensstil bekannt – die persönlichen Dinge auch nicht herausgeholt; die „ganz wichtigen Dinge“ dagegen schon: z.B. Entwürfe von der Bemalung an Hausfassaden, Plakate, Werbegrafiken, u.a vom Schuhhaus Salamander, einer „Weltfirma“. Auch schwärmt Gorlik von den Arbeiten zur Innengestaltung der Gasträume und des Brauereigebäudes des Münchner Hofbräuhauses, von Werbegrafiken wie der vom „Büble Bier“ und der „Gesamtgestaltung der Allgäuer Festwoche, die ohne Weiß nicht vorstellbar wäre“. Viele Objekte hat Gorlik inzwischen verkauft – „in die ganze Welt“, wie er sagt. Einige Dinge hat der selbst auch Sammler aber behalten. Aus dem Fundus der geretteten Gemälde auch aus Weiß’ Münchner Zeit zeigt Gorlik eine Aktmalerei aus dem Jahr 1927, auf der Weiß seine erste Ehefrau verewigt hat.

„Große Teile des Nachlasses waren kaputt“, sagt Gorlik. Er habe einfach „versucht herauszuholen, was noch zu retten war“. Drei Monate sei er dafür ein Mal pro Woche für zwei bis drei Stunden im Haus gewesen. „Länger war gar nicht auszuhalten“, sagt er. Deshalb habe er sich auch einen Kollegen aus Sonthofen mit ins Boot geholt.

Gorlik bedauert, dass die „Erben das Haus an einen Makler übergeben haben, bevor ich fertig war“ und dieser das Betreten des Hauses mit der Begründung untersagt habe, dass es nicht mehr zu vertreten sei. Seines Wissens habe die Stadt „kein Interesse“ an dem ihr zuvor angebotenen Gebäude gehabt und auch „nicht reagiert“, als die Kunstwerke auf dem Markt angeboten wurden. Aus dem Kulturreferat heißt es, dass es bezüglich des künstlerischen Nachlasses „nie ein richtiges Angebot gegeben hat“.

Weiß und die NS-Zeit

Gorlik sieht in Franz Weiß, dessen Bruder 1944 gefallen sei, „ein ganz normales Kind seiner Zeit“, einen „jungen Künstler, der den Zeitgeist aufgegriffen hat“. Er habe vor allem „große Märchenbilder“ gemalt, die 1942 auf der Großen Deutschen Kunstausstellung verkauft worden und von Weiß „toll umgesetzt“ worden seien. So seien auch „diverse Nazigrößen auf ihn aufmerksam geworden“ und hätten ihn nach Obersalzberg und auf die Ordensburg in Sonthofen eingeladen. „Das war ja eine Auszeichnung“, ebenso dass Bilder auf der großen Ausstellung verkauft wurden, setzt Gorlik den erzielten Bildpreis in Relation: Rund 4000 Reichsmark habe Weiß dafür bekommen; ein Siedlungshaus habe in den 1930ern 6000 Reichsmark gekostet.

Mit dem Umbruch habe er sich von dieser Art Kunst distanzieren müssen, was er auch äußerlich getan habe. Allerdings habe er sein Schaffen aus dieser Zeit nicht vernichtet, sondern habe sie gesondert und „versteckt“ in einem Verschlag aufbewahrt, den er übertapeziert und zugenagelt vorgefunden habe. „Warum auch sollte er diesen Teil seines Lebens weglassen?“, verwies Gorlik beispielsweise auf einen Plakatentwurf für die Ski-WM in Oberstdorf 1936. NS-Devotionalien habe er in den Sachen des Franz Weiß jedenfalls keine gefunden, „nur sein eigenes Schaffen“ sowie Ausstellungskataloge.

Der Person Franz Weiß bescheinigt Gorlik einen „streitbaren Kopf und unangenehmen Verhandlungspartner“, was schon aus den Korrespondenzen hervorgehe.

Weiß und die Spruchkammer

Für „viele facettenreiche Persönlichkeiten“ steht der Künstler aus Sicht von Kulturamtsleiter Martin Fink. Er hat sich zur Causa Weiß die Akten der „Spruchkammer Kempten-Stadt“ angesehen – wohlweislich ohne sie zu bewerten. Das will er lieber der neu ins Leben gerufenen Kommission zur Erinnerungskultur überlassen. Aus den Unterlagen geht hervor, dass der „Mitläufer“ Franz Weiß ab dem 1. Mai 1933 Mitgliedsbeiträge an die NSDAP bezahlt hat und zum 1. März 1942 aus der Partei ausgetreten ist; wie es heißt, „nach einer Auseinandersetzung mit der Gestapo“. Warum? „Gründe für Austritte sind heute schwierig zu bewerten“, sagt Fink, „wir wissen zu wenig darüber, nur Schlaglichter. Wie die zu bewerten sind, wissen wir nicht“. Deshalb steht für ihn außer Frage, dass es „Forschung und Aufarbeitung“ braucht, um die „Fakten wissenschaftlich zu bewerten“. Den entsprechenden Entschluss habe die Stadtpolitik mit der Kommission ja gefasst, ein Schritt, den „viele Mittelstädte“ auch angehen würden.

Die Akte der Spruchkammer zu Franz Weiß.

Über die Zeit vor 1945 wisse man von Franz Weiß wenig. Er habe guten Kontakt zu einem jüdischen Inhaber eines Geschäfts für Kinoreklame in Berlin gehabt, das er übernommen habe, um dem Freund das Weiterarbeiten zu ermöglichen. Im Moment sehe es deshalb, „auch gut belegbar“, danach aus, dass er ihn wirklich unterstützt habe.

Gorliks Einschätzung, Weiß sei ein „normales Kind seiner Zeit gewesen“, wird in der Begründung untermauert, die die Spruchkammer zum Parteibeitritt aufgenommen hat: „Der Betroffene gibt zu, dass er im Jahre 1933 ohne Druck der Partei beigetreten ist und dass der Beitritt für ihn auch aus beruflichen Gründen nicht notwendig war; er war vom damaligen Zeitgeschehen sehr beeindruckt und hat nach den gegebenen Versprechungen gedacht, nichts Falsches zu tun;...“ Erwähnt werden auch ein gewisser Rechtsanwalt Kemmeter, der Weiß seit 1931 kenne und eidesstattlich erklärt habe, dass dieser „niemals irgendeine Begeisterung für die Partei gezeigt“ oder an einer Parteiversammlung teilgenommen habe sowie einige weitere Leumundszeugen. Ganz unbescholten kommt Weiß aber nicht weg. Es melden sich auch Zeugen zu Wort, die ihn mit mehr oder weniger Erfolg zu belasten versuchen.

Unbestritten bleibt, dass Weiß Hitler mehrfach getroffen hat. Ob nur zweimal und „keine persönliche“ Begegnung, wie in seiner Aussage steht? Seine Besuche in der Ordensburg und auf dem Obersalzberg sind durch Entwürfe für dortige Wandmalereien, Standarten etc. glaubhaft.

„Den Supernazi“ habe es ja selten gegeben, sagt Fink, „es gab aber eine unüberschaubare Anzahl an Profiteuren und Sympathisanten, die das System getragen haben, auch in Kempten“. Vom Bild des stumpfen SA-Schlägers müsse man weg, „das komplette Portfolio erfüllt kaum jemand“. Dennoch könne am Ende bei Vielen herauskommen, dass sie wirklich nur Mitläufer waren. Und, ist Fink sich sicher, „es wird auch viele Bereiche geben, die wir nicht beantworten können“. Aber man müsse sich auch davon verabschieden, „dass die Einstufungen der Spruchkammer glaubwürdig sind“. Ein „wichtiges Dokument“ seien sie dennoch. Kempten habe allerdings im Gegensatz zu vielen anderen Städten „verhältnismäßig wenig Akten zum Nationalsozialismus“.

Umfassende Sammlung

Einen „Altbestand“ an Werken von Franz Weiß nennt die Stadt schon seit längere Zeit ihr eigen. Dem konnte Museumsleiterin Dr. Christine Müller Horn inzwischen noch einiges hinzufügen. Einmal habe man über eine auf Nationalsozialismus spezialisierte Auktion u.a. Skizzen aus der Ordensburg erwerben können. Durch den Tipp von Guido Weggenmann habe man einem Sammler in Sonthofen einen Großteil abgekauft und schließlich habe Franz Schröck kurz vor Abriss des Haus Bavaria noch eine ganze Reihe an künstlerischem Material – vor allem aus dem Schuttcontainer – geborgen, das über den Heimatverein schließlich an die Kemptener Museen gegangen sei. Er habe immer wieder bei der zunehmend dementen Witwe des Malers, Rita Weiß, wegen des künstlerischen Nachlasses angeklopft; aber es sei wohl schon zu spät gewesen, erklärte Stadtheimatpfleger Tilmann Ritter froh darüber, dass ein guter Teil am Ende so doch noch in die Hände der Stadt gelangt ist, wenn auch in „sehr schlechtem Zustand“.

Laut Müller Horn hätten die Erben keinen Kontakt mit dem Kulturamt aufgenommen, „niemand hat uns angesprochen“ und es sei auch „keinerlei Angebot eingegangen“. Natürlich hätte man gekauft, hätte es ein Angebot gegeben, versichert sie, „sonst hätten wir ja auch jetzt nicht gekauft“.

Im kommenden Jahr sollen die geretteten Werke zunächst von einer Restauratorin gereinigt und befestigt und dann von einer Kunsthistorikerin archiviert werden. Vor allem aber müsse das gesamte Werk „historisch aufgearbeitet werden“, auch die Zeit während des Nationalsozialismus. Schließlich sei Weiß ja „eine spannende Figur“, so Müller Horn. Und erst „dann kann man daraus auch eine Ausstellung machen“, kündigte sie schonmal vage an.

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