"Frauen haben der Polizei gut getan"

Polizeipräsident Hans-Jürgen Memel erinnerte an den langen Weg der Frauen in der bayerischen Polizei. Foto: Dathe

Im März 1990 wurden die ersten 158 Frauen in Bayern für den uniformierten Polizeidienst eingestellt. Doch bis dahin war es ein langer Weg. Mittlerweile sind die Frauen eine „Selbstverständlichkeit und gehörten zum alltäglichen Erscheinungsbild der Bayerischen Polizei auf den Straßen und in den Dienststellen“, erklärte der Präsident des Polizeipräsidiums Süd/West, Hans-Jürgen Memel, vergangenen Dienstag anlässlich seines Vortrages „20 Jahre Frauen im uniformierten Dienst der Bayerischen Polizei“, zu der die Kemptener CSU-Süd eingeladen hatte.

Memel selbst war damals ein Gegner von Frauen bei der Polizei. Heute sei er wie vom „Saulus zum Paulus“ gewandelt. Seine anfängliche Skepsis und Ablehnung seien gewichen und er der Meinung, dass Frauen der Polizei seither „einfach gut getan haben“. Sie seien aus diesem Beruf nicht mehr wegzudenken, ja sie prägten geradezu das Bild einer bürgernahen und professionellen Polizei. Die erste Polizistin in „Deutschland“ war 1903 Henriette Arendt. Mit 29 Jahren wechselte sie vom Stuttgarter Hilfspflegerinnen-Verband zum Stadtpolizeiamt Stuttgart und begann als Polizeiassistentin. Arendt wurde vornehmlich bei der Betreuung jugendlicher Gefangener, bei Delikten von Kindesmisshandlung oder Gewalt gegen Frauen eingesetzt. Allerdings quittierte sie den Dienst nach nur sechs Jahren, da sie geltende Gesetzt als „Hohn“ gegenüber Frauen empfand und Dienstvorschriften eigenmächtig auslegte. In Köln gab es 1923 bereits die erste nur mit Frauen besetzte Dienststelle, die sogenannte „Wohlfahrtspolizei“. Grund für die Entstehung einer eigenen weiblichen Polizeieinheit waren die Versuche zur Reglementierung der Prostitution nach dem Ersten Weltkrieg. In Bayern wehrte man sich dagegen hartnäckig gegen die Übernahme von Frauen in den Dienst der Kriminalpolizei. „Man traute Frauen eine selbständige kriminalistische Arbeit nicht zu und sah deren Moral, Tugendhaftigkeit und sexuelle Reinheit in Gefahr“, erläuterte Memel. Daher wurde das Konzept der Polizeipflegerinnen bei behalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg gestalteten die Besatzungsmächte die Polizeien in den damaligen Besatzungszonen nach ihren Vorstellungen. Eine uniformierte weibliche Schutzpolizei wurde lediglich als Übergangslösung angesehen. Soweit diese in den einzelnen Ländern aufgestellt wurden, überführt man die weibliche Schutzpolizei Anfang der 50er-Jahre in die Fachdienste „Weibliche Kriminalpolizei“ – kurz WKP. Erst 1973 wurden die Kriminalbeamtinnen in Bayern auf die verschiedenen Kommissariate verteilt. Mitte der 70er-Jahre lösten einzelne Bundesländer die WKP schrittweise auf und ermöglichten den Frauen und Männern eine gleichberechtigten Zugang zu allen Aufgaben der Kriminalpolizei und später auch zu den Aufgabenbereichen der Schutzpolizei. Lange Diskussionen Damals wurde viel diskutiert und man setzte nur wenig auf die positiven Erfahrungen, die mit dem Einsatz von Frauen gemacht wurden. Vielmehr wurden wieder auf vermeitliche Ausschlusskriterien wie „Frauen fehle die entsprechende Körperkraft“, „Frauen hätten familiäre Ausfallzeiten“ und „Frauen wiesen eine geringere physische Belastbarkeit auf“, hingewiesen, erklärte Memel. Auf Dauer konnten diese vorgebrachten Argumente nicht gehalten werden. Vor allem nachdem immer mehr über Gleichberechtigung von Frauen und Männer diskutiert wurde. Am Ende war Bayern das letzte Bundesland, das zögerte Polizistinnen in den uniformierten Dienst einzustellen. Im Dezember 1989 wurde endlich im Bayerischen Ministerrat beschlossen, Frauen zum uniformierten Dienst zuzulassen. Bereits im darauffolgenden März wurden die ersten 158 Frauen an den Standorten Eichstätt, Würzburg und Königsbrunn eingestellt. Edmund Stoiber stellte damals fest, dass es keinen Grund gäbe, Frauen von diesem Beruf auszuschließen. Gleichzeit vertrat er das Grundprinzip, es solle für Frauen „keine Extrawurst“ und ebenso „keine Amazonenhundertschaften“ geben. Hinter den Kulissen musste die Polizei aber einige neue Herausforderungen meistern. Die Quartiere wurden baulich verändert, damit die Frauen adäquat und räumlich getrennt von ihren männlichen Kollegen untergebracht werden konnten. Darüber hinaus hatten die weiblichen Beamten andere Ansprüche als ihre männlichen Kollegen. So verlangten sie eine Kochplatte zum Warmmachen von Milch oder Tee. Auch war es für die Polizistinnen eine Selbstverständlichkeit, ihre Wäsche selbst zu waschen und vermissten in diesem Zusammenhang eine Waschmaschine und Trockner. In Eichstätt machte das Küchenpersonal die Erfahrung, dass die neuen Polizistinnen gerne und regelmäßig frühstückten. Daraufhin wurde das Frühstück auch für männliche Polizisten wieder interessant. Beim Thema Einkleidung gingen die Herausforderungen dann weiter. „Vorbehalte gegenüber den weiblichen Kolleginnen waren keine Seltenheit. Für den ein- oder anderen Kollegen mag zunächst vielleicht die polizeiliche Männer-Welt zusammen gebrochen sein, doch die meisten stellten sich auf die Frauen ein“, betonte Memel. Memel berichtete außerdem, dass sich auch die Bürger erst an den Umgang mit Polizistinnen gewöhnen mussten. Nicht selten wurden diese nicht ernst genommen oder nach dem Vorgesetzten verlangt. Insgesamt gibt es in Bayern über 35 000 Polizeivollzugsbeamte und -beamtinnen. Mittlerweile sind über 4500 Frauen im bayerischen Polizeivollzugsdienst tätig, davon rund 800 bei Dienststellen der Kriminalpolizei bzw. beim Landeskriminalamt. Die Frauenquote liegt insgesamt bei 14,5 Prozent der insgesamt in Bayern tätigen Polizisten. Die Zahlen für das Präsidium Schwaben Süd/West liegen beim Frauenanteil in etwa im Landesdurchschnitt. Von insgesamt 1680 Beschäftigten sind 244 Frauen. 84 Prozent der Frauen gehören dem mittleren Polizeivollzugsdienst an. 16 Prozent, das entspricht 42 Frauen, sind im gehobenen Polizeivollzugsdienst. Bei der Polizeiinspektion Kempten sind mit 36 Frauen die meisten Polizistinnen im Einsatz.

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