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Frauen und Mädchen in der extremen Rechten

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Die Rechtsextremismusforscherin Johanna Sigl.
Die Rechtsextremismusforscherin Johanna Sigl. © Screenshot: Brock

Kempten – „Allgäu Rechtaußen“, eine Organisation, die es sich zur Aufgabe macht, die Umtriebe der Rechten in unserer Gegend zu dokumentieren, hat die Hamburger Rechtsextremismusforscherin Johanna Sigl zum vor Kurzem virtuellen Gespräch eingeladen.

Schwerpunkt des Livestreams war die Frage, welche Rollen Frauen bei Vereinigungen der Neonazis und verwandten Gruppierungen spielen. 

Vorab gab der Journalist Sebastian Lipp einen kurzen Einblick in das, was er in letzter Zeit im Zusammenhang mit den sogenannten „Spaziergängen“ dokumentieren musste. Auch wenn diese laut Polizeiberichten „friedlich und ohne Zwischenfälle“ verliefen, werden dabei problematische, z. B. transfeindliche Botschaften transportiert, sind Nazisymbole zu sehen, ist Musik des Antisemiten Xavier Naidoo zu hören und laufen natürlich reichlich AFD-Leute aus dem Milieu der „Querdenker“ mit. Von Allgäu Rechtsaußen gibt es dazu ein Video mit dem sprechenden Titel: „Geht doch nicht den Spaziergängern wieder auf den Leim!“

Sigl gehört seit 15 Jahren zum Forschungsnetzwerk „Frauen in der rechtsextremen Szene“, hat deren Lebensgeschichten recherchiert und gefragt, weshalb sie dort mitmachen. Dass sich auch Frauen in der rechtsextremen Szene bewegen, war in Sigls Familie bislang völlig undenkbar.

Gesichert ist jedoch, dass Frauen in nahezu allen Bereichen des Rechtsextremismus engagiert sind. Sie übernehmen sowohl angeblich typisch weibliche soziale Aufgaben als auch Führungspositionen und politische Ämter. Frauen agieren als Influencerinnen in den sozialen Netzwerken und treten vereinzelt als gewaltbereite Täterinnen in Erscheinung.

Auch wenn man beim Thema Rechtsextremismus zuerst an kämpferisch auftretende, gewaltbereite Männer denke, denen Frauen „den Rücken frei halten“, spielen diese als stabilisierende Faktoren eine entscheidende Rolle. Sie sind auf der Hinterbühne aktiv, bleiben im Alltag oft unauffällig und tarnen sich in gut bürgerlichen Berufen. Wenn sie im Erziehungsbereich tätig sind, etwa an freien Schulen, können sie ihr rassistisches, antisemitisches und antidemokratisches Gedankengut weitgehend ungestört verbreiten. Sie werden nicht als Problem wahrgenommen.

„Rechtsextreme Ideologie stellt Geschlechtsrollen nicht in Frage; es werden Stereotype von Männlichkeit und Weiblichkeit perpetuiert“, so Sigl, und das wirke für manche Frauen anziehend. Rechtsextreme Männerbünde, wie „Voice of Anger“ rücken von ihren Weiblichkeitsbildern ab und gestehen Frauen auch einen exponierten Platz zu, sofern sie nicht mit Männern konkurrieren und ihren übergeordneten Zielen dienen.

Das Kerntrio der NSU, Uwe Bönhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe, wirkte weniger bedrohlich, weil es mit einer Frau unterwegs war. Die drei haben sich gezielt die Tatsache zunutze gemacht, dass einer Frau in der öffentlichen Wahrnehmung keine neonazistischen Gewalttaten zugetraut werden.

Es waren vor allem Frauen, die in der HNG („Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene“, 2011 als rechtsextreme Organisation verboten) aktiv gewesen sind. Sie lebten den fürsorgenden Aspekt, das klassische weibliche Attribut, und verfolgten dabei knallharte politische Ziele.

Für Mädchen und Buben, die in rechtsextremen und völkisch verorteten Familien aufwachsen, ist es äußerst schwer, sich daraus zu lösen. Sigl dazu: „Sie werden in die Ideologie hineinsozialisiert und können diese nur unter hohen Kraftaufwand wieder verlassen. Wer als Kind Hakenkreuze aus Knete gebastelt hat, bleibt später oft in diesem Umfeld.“ Für Pädagoginnen und Pädagogen gibt es Beratungsstellen und Schulungen, damit sie nicht blind und hilflos sind, wenn sie feststellen müssen, dass ihre Schützlinge rechtsextrem indoktriniert werden.

Was die rechtsradikale Szene für Frauen so attraktiv mache, wollte Lipp gegen Ende des Gesprächs von der Expertin wissen. „Auch Frauen können antifeministisch sein und sind je nach Einzelfall wegen oder trotz des Antifeminismus die Stützen des rechtsextremen Systems“, hat Sigl festgestellt. Sie plädiert dafür, die Sichtbarkeit von Frauen in den rechtsextremen Kreisen zu erhöhen, Problembewusstsein zu entwickeln und sie mit ihrer Ideologie zu konfrontieren, damit sie nicht weiter „unter dem Radar laufen“.

Elisabeth Brock

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