»Sozialer Anker für die Stadt«

Freie Allgäuer Kunstszene stellt Konzept für Allgäuhalle vor

Auf Rinder folgt Kultur? Die Zeiten, in denen die Allgäuhalle für
Großviehauktionen genutzt wird, geht 2022 zu Ende. Nun stellte
der Verein „Künstlerquartier Allgäu e.V.“ sein Konzept zur Nachfolgenutzung vor
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Auf Rinder folgt Kultur? Die Zeiten, in denen die Allgäuhalle für Großviehauktionen genutzt wird, geht 2022 zu Ende. Nun stellte der Verein „Künstlerquartier Allgäu e.V.“ sein Konzept zur Nachfolgenutzung vor.
  • VonJörg Spielberg
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Kempten – Im Juli 2021 haben Kulturfreunde und Künstler in Kempten einen Verein gegründet, um die Interessen der freien Kulturszene in der Allgäumetropole und dem Allgäu zu bündeln.

Der Verein „KQA – Künstlerquartier-Allgäu e.V.“ hat sich u.a. deshalb gebildet, weil Kenner der freien Kunstszene in Kempten und dem Allgäu wissen, dass es für künstlerische, kreative Betätigung in der Region schlichtweg an Raum fehlt, der für diese Zwecke genutzt werden kann. Nun tut sich im kommenden Jahr eine große Chance auf. 

Der gegenwärtige Pächter der Allgäuhalle, die Allgäuer Herdebuchgesellschaft, die dort regelmäßig Großviehauktionen und Kälbervermarktungen durchführt, lässt den Pachtvertrag Mitte 2022 auslaufen und somit stehen die vorhandenen Bestandsgebäude mitsamt des 11.000 Quadratmeter großen Areals für eine andere Nutzung zur Verfügung. Die Stadt Kempten befasst sich seit Frühjahr 2020 mit Alternativen für eine mögliche Nachnutzung. In der Werkausschusssitzung des Kemptener Stadtrats vom 20. Juli 2020 wurde ein Beschluss zu einer Grundlagenermittlung und einer Bedarfsanalyse für mögliche künftige Nutzungsszenarien beschlossen. Derzeit stehen vier Nutzungsszenarien zur Diskussion: „Kultur-Quartier-Allgäuhalle“, „Special-Event-Location bigBOX+“, „Allgäuer-Markt-und-Slowfood-Halle“ und „Freiraum Allgäuhalle“. 

Kunst braucht Heimat

Eine dieser möglichen Nutzungsszenarien wollte der Verein „Künstlerquartier Allgäu e.V.“ nun in einer Zusammenkunft in der Skylounge seinen Mitgliedern und Freunden des Vereins vorstellen. Rund 70 Interessierte versammelten sich über den Dächern der Stadt, um den Ausführungen des Vorsitzenden Stephan A. Schmidt und des Profimusikers und Vereinsmitglieds Andreas Schütz zuzuhören.

Als weitere Fürsprecher in der Sache konnten u.a. der Vorsitzende und Intendant von CLASSIX Kempten Dr. Franz Tröger und der Geschäftsführer und Vorstand des Caritas Verband Kempten-Oberallgäu Christoph Nunner gewonnen werden. Durch den bewusst locker gestalteten Abend führte Mandy Montalbano, Vorsitzende des Theaterfördervereins Stupor Mundi e.V. und stellvertretende Vorsitzende des Kulturquartier Allgäu.

Zuerst sprach Stephan A. Schmidt zu den Gästen, unter denen sich auch Kulturamtsleiter Martin Fink befand, und fasste das Vorhaben des Vereins zusammen: „Ein Quartier ist nicht nur ein Stadtviertel“, sondern „eine Heimat. Und das Allgäu muss mehr denn je, insbesondere nach den Schäden durch Corona, endlich eine Heimat für seine Künstler:innen, für eine kreative Szene werden, denn sonst sind die weg – vor allem der Nachwuchs. Und da bietet sich nebst all der dringend notwendigen Lobbyarbeit ganz real und als einmalige Chance ein großes Rettungsschiff an: Das 2022 freiwerdende Areal um die Allgäuhalle in Kempten.“

Freiraum für alle

Für Schmidt und seine Mitstreiter bietet sich mit dem Areal an der Kotterner Straße die Möglichkeit eine innerstädtische Fläche nicht wieder kommerziell, sondern kulturell zu nutzen. Und das im Idealfall für lebende Künstler, für eine freie Szene, für eine Subkultur, mit Angeboten für Bürger mit niedrigschwelligen Angeboten an sieben Tagen die Woche. Zudem bestünde die Möglichkeit die unrühmliche Geschichte des Platzes, auf dem Ende des 2. Weltkrieges ein Außenlager des KZ Dachau mit bis zu 800 KZ-Häftlinge stand, tiefer zu behandeln, als es bis dato durch eine Erinnerungstafel an der Allgäuhalle getan wird. Schmidt rechnet bei seiner Präsentation am Abend vor: Für die Renovierung des Kornhauses sind derzeit 16 Millionen Euro einkalkuliert, für die neue Bibliothek rund 28 Millionen Euro, beides Orte, die mit klassischen Kulturevents bespielt werden und die der Allgäuer Subkultur keinen Raum geben. „Nur drei Prozent ihres Haushaltbudgets gibt die Stadt Kempten für die Kultur im Allgemeinen aus, davon wiederum nur einen geringen Anteil für die freie Szene“, so Schmidt.

Der Vorsitzende des „KQA“ hat gemeinsam mit seinen Vorstandskollegen einen möglichen Plan zur Umgestaltung des Areals entworfen. Dieser Vorschlag beinhaltet zwei Varianten, eine „normale“, wie Schmidt betont, als auch eine „kleine“ Variante. Bei der „normalen“ Variante sollen die Allgäuhalle, die angrenzende Kälberhalle und die ehemalige KfZ-Zulassungsstelle ins Nutzungskonzept einbezogen werden. Bei der kleinen Variante in einem ersten Schritt nur die Allgäu- oder Kälberhalle. Die Sanierungsarbeiten an beiden letztgenannten Bestandsgebäuden taxiert Schmidt auf 260.000 Euro. Die Außenbereiche zwischen den Bestandgebäuden könnten begrünt und als Ruheräume für alle Bürger zur Verfügung gestellt werden. Schmidt, Montalbano und Thomas Wirth, Initiator des Kulturquartiers Allgauhalle (KQA), Immobilienentwickler und Veranstalter, stellen dezidierte Entwürfe vor, wo sich welche Funktionsräume in den Gebäuden unterbringen lassen würden. „Diese Präsentation haben wir bereits den Vertretern aller im Stadtrat vertretenen Pateien so präsentiert“, sagt Schmidt zum interessiert zuhörenden Publikum. Wichtig ist es dem „KQA“ zu verdeutlichen, dass ihre Idee einer Nachfolgenutzung für alle Bürger voll zugänglich ist und dass der Non-Profit-Gedanke im Vordergrund steht. „Bei uns sollen die Bürger auch picknicken dürfen, ohne etwas zu bestellen“, so der Vorsitzende von „KQA“. Schmidt und seine Mitstreiter betonen, dass die Zeiten in denen ausschließlich der Einzelhandel das Leben der Innenstädte bestimmt, passé sind, wie sich derzeit auch im Rahmen des Förderprogramms „Starke Zentren“ des STMWi zeigt, an dem die Stadt Kempten teilnimmt.

Bekannte Fürsprecher

In der Person von Dr. Franz Tröger haben die Mitglieder des „KQA“ einen gewichtigen Fürsprecher gewinnen können. Tröger spricht im Anschluss nach Schmidt zu den Gästen. „Ich habe mich in meinem Leben viel um die Hochkultur in unserer Stadt bemüht und darüber wohl ein wenig vergessen, wie wichtig auch niederschwellige Kulturangebote an alle BürgerInnen sind“, entschuldigt sich der Mann, der u.a. das Classix-

Festival etabliert hat und klassische Musik in Kempten ‚hoffähig‘ gemacht hat. Nun verspricht er, dass er sich trotz seines hohen Alters als frisch gewonnenes Mitglied um die Sache kümmern möchte. Dabei kann er auf seine Erfahrung als ehemaliger Stadtrat und dessen Kulturbeauftragter zurückgreifen. Er mahnt zu Geduld und Augenmaß, versprüht aber zugleich Optimismus, wenn er sagt: „Lasst uns die Dinge angehen.“ Nach Worten der Unterstützung durch den Geschäftsführer des Caritasverbands KE-OA Christoph Nunner und dem Vorsitzenden der Allgäuer Trockenschwimmer e.V. Sebastian Ziolko, sprach der Historiker und Vorsitzende des Heimatvereins Kempten Markus Naumann noch über das ehemalige KZ-Außenlager Kempten unter der Überschrift: „Gedenken statt Vergessen“.

Im Nachgang konnten die Gäste Fragen stellen. Hierbei ging es darum, wie u.a. die Chancen eines Zuschlags stehen, wie die Reaktion der Stadt ausfiel und mit welcher Rechtsform das „KQA“ geführt werden soll. Hier befürworten die Vorstände die Gründung einer gGmbH. „Eine gemeinnützige GmbH schreibt vor, dass alle Erträge nur für gemeinnützige Zwecke verwendet werden dürfen und Gewinnerzielung als Ziel ausgeschlossen sei“, so Schmidt. Ein bisschen Kritik gab es von einem Gast, der wissen wollte, ob im Falle eines Zuschlags nicht immer wieder die gleichen Künstler zum Zuge kommen und die Dinge bestimmen würden. Zumindest an diesem Abend konnte Stephan Schmidt die Anwesenden diesbezüglich beruhigen.

Mehr Infos

Wer sich ein Bild verschaffen möchte, was sich die freie Künstlerszene unter ihrem „KQA“ vorstellt, der sei auf die Webseite des Vereins www.kqa.events und die der Stadt Augsburg verwiesen. Dort erklärt die Fuggerstadt das Konzept für ihr Künstlerquartier „Gaswerk Augsburg“, das am Abend in vielen Wortmeldungen als Vorbild genannt wurde.

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