Weiter im »Tanz des Lebens« 

Freier Kunstverein Kempten zeigt neue Arbeiten in der Galerie Kunstreich 

Eine Besucherin betrachtet die Objekte von Begonia Crespo Vidal; links eine Arbeit von Barbara Reule, rechts ein Gemälde von Xaver Weindl.
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Eine Besucherin betrachtet die Objekte von Begonia Crespo Vidal; links eine Arbeit von Barbara Reule, rechts ein Gemälde von Xaver Weindl.
  • VonAntonia Knapp
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Kempten – Es muss „weitergehen“. Am Freitagabend eröffnete Stephan A. Schmidt, Vorsitzender des Vereins artig, die „gefühlt zweite Ausstellung in den letzten 100 Jahren“ in der Galerie Kunstreich: „Weitergehen“ – eine Schau des Freien Kunstvereins Kempten. 

Er wolle heute Abend „keine Grabrede auf die Kultur“ halten, sagte Schmidt den vor der Galerie versammelten Gästen. Aber nachdem „das System“ während der Pandemie monatelang „aufs Vegetative, auf Essen, Schlafen und Shoppen heruntergefahren“ war, freue er sich wirklich, dass nun „ein Anfang gesetzt“ sei und es weitergehe. „Kunst machen wir sowieso, müssen wir machen“, nun aber kann man sie endlich auch wieder zeigen, erleben und erwerben. Xaver Weindl, Kunstlehrer am Allgäu-Gymnasium und Erster Vorsitzender des „kleinen, aber feinen Vereins“, der seit 22 Jahren besteht und aktuell acht Mitglieder hat, stimmte ihm zu: Die Ausstellung mache „nach langem Ausgebremstsein Hoffnung“. Schmidt habe während der von vielen Unsicherheiten geprägten Vorbereitungen, „immer Zuversicht ausgestrahlt“ und die sehr unter- schiedlichen Arbeiten schließlich, gemeinsam mit seiner Vorstandskollegin Susanne Praetorius, gekonnt auf drei Ebenen platziert. „Wo Gemeinschaft entsteht, entsteht Energie“, beschreibt Ursula Lachner, Gründungsmitglied und „Klassenälteste“, die Bedeutung des Vereins. „Malen gehört zum Tanz des Lebens“ und Kreativität ist Teil des Überlebens: ein Licht geht auf und man gibt es weiter“.

Im Laufe der Jahre haben die Vereinsmitglieder zahlreiche Ausstellungen organisiert, Workshops veranstaltet und Exkursionen unternommen; vor allem aber haben sie sich untereinander ausgetauscht und einander inspiriert. Sie malen in ihrem gemeinsamen Atelier, einem großen Raum am Kleinen Kornhausplatz 1. Zwar sei aus regelmäßigen gemeinsamen Malstunden zu acht bisher nichts geworden, bedauert Weindl, aber allein die Werke der anderen vor Ort anzuschauen und ihre künstlerische Entwicklung mitzuverfolgen, sei immer wieder bereichernd und inspirierend.

Der Freie Kunstverein Kempten v.l.: Sylvia Kubecka, Inge Mauthe, Ursula Lachner, Begonia Crespo Vidal, Xaver Weindl, Alexandra Gerhold und Wolfgang Schneider. Auf dem Bild fehlt Barbara Reule.

Abgesehen von einigen japanisch inspirierten Kleinplastiken von Begonia Crespo Vidal zeigt der Kunstverein dieses Mal ausschließlich Malerei. Alle Ausstellungsstücke sind erst in den vergangenen ein, zwei Jahren entstanden. Crespo Vidal, die Zweite Vorsitzende, hat neben ihren Objekten, die an Meerestiere oder pflanzliche Strukturen erinnern, auch mehrere Gemälde in teils knalligen Farben beigesteuert, auf denen der Betrachter unwirkliche Landschaften erkunden kann. Figürlich malt auch Weindl, der Szenen aus einem Bamberger Varieté aufgreift. Dort hat er die Artisten und Schauspieler zunächst fotografiert, um die träumerischen Momentaufnahmen dann im Atelier in leuchtenden Farben zu bannen. Bunter noch sind die Arbeiten von Lachner, die auf ihren großformatigen, abstrakten Bildern ein vielfarbiges Feuerwerk entzündet. Offenbar hat sie den Malgrund auch mal auf den Fußboden gelegt, um ihn mit mal körnigen, mal pastosen mäandernden Formen zu bedecken. Sylvia Kubecka hat, bevor die Pandemie begann, eine Zeitlang in Australien gelebt und zeigt sich inspiriert vom tiefen, nuancierten Blau des Ozeans bei Sydney. Alexandra Gerhold hingegen taucht mit ihren aktuellen Arbeiten u.a. in den Mikrokosmos eines Komposthaufens ein. Ihre gemalten Nahaufnahmen locken den Betrachter in einen Dschungel aus scheinbar wild wucherndem Grüngut und welken Blüten und umkreisen so einmal mehr ein Lieblingsthema der Kunstpädagogin: die Verwandlung der Dinge. Inge Mauthes abstrakte Experimente erzeugen mit ganz anderen Mitteln eine eigentümliche Spannung: Ihre Kompositionen aus Linien und flächigen Strukturen wirken kraftvoll und elegant zugleich. Auch Barbara Reule malt abstrakt, aktuell in warmen erdigen Tönen, die im Gemäuer der Alten Münze gut zur Geltung kommen. Die Bilder von Wolfgang Schneider könnten einem poetischen Tagebuch entnommen sein: In mehreren Malschichten scheinen sich Landschaften oder Muster, Zeichnungen, handgeschriebene Texte, Schriftzeichen oder Musiknoten zu assoziativen Protokollen etwa des Monats „Mai 2021 zu kalt“ zusammenzufügen.

Die Ausstellung ist bis 11. Juli in der Galerie Kunstreich, Schützenstraße 7, zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag, 16 bis 20 Uhr, sowie Samstag und Sonntag, 11 bis 17 Uhr. Die aktuellen Hygieneregeln sind einzuhalten. Für Sonntag, 11. Juli, ist ein Künstlergespräch geplant. Weitere Infos hier.

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