Die 100 Jahre sieht man ihr nicht an

"Der Kopf ist noch ganz"

+
Wahrer Schönheit kann das Alter nichts anhaben – Die 100-jährige Frieda Seifert neben einem Foto aus jungen Jahren, das an der Badezimmertüre der Jubilarin klebt.

„Der Kopf ist noch ganz, bloß die Beine gehen nicht mehr so ganz mit“, scherzt Frieda Seifert. Die gepflegte, außerordentlich fitte Jubilarin feierte am 03. September ihren 100. Geburtstag. 

Gerne gewährte sie an diesem Ehrentag sowohl dem gratulierenden 2. Bürgermeister als auch den „Damen von der Presse“ kurze Einblicke in ihr langes, bewegtes Leben, das während des 1. Weltkrieges in der Nähe von Chemnitz begann. Wenn man Frieda Seiferts gemütliche Zwei-Zimmer-Wohnung im Betreuten Wohnen in Dietmannsried betritt, fällt der erste Blick auf das vergilbte Schwarz-Weiß-Foto einer bildhübschen jungen Frau in einem karierten Kleid aus den 1930er Jahren, das blonde Haar perfekt onduliert. Im Wohnzimmer sitzt dieselbe Frau, noch immer sehr gepflegt, aber mittlerweile mehr weiß als blond und rund 75 Jahre älter. Umgeben von hübsch drapierten Erinnerungsstücken und zahlreichen Blumensträußen, liest die 100- jährige Jubilarin aufmerksam die vielen Glückwunschkarten, die sie zu ihrem Wiegenfest erhalten hat. „Meine Augen funktionieren noch gut, nur wenn ich die Brille abnehme, sehe ich sie zweimal dastehen“, lacht sie mit Blick auf Otto Schmid. Der 2. Bürgermeister der Marktgemeinde Dietmannsried ist gekommen, um die Glückwünsche (samt Silbermedaille mit dem Antlitz der Patrona Bavariae) des Bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer zu überbringen und im Namen des Landrats Toni Klotz sowie der Gemeinde Blumen und Geschenke zu überreichen. Frieda Seifert, die seit mehr als 80 Jahren von Freunden „Uschi“ genannt wird, freut sich über den Besuch. Und über die Fragen nach ihrem Leben, das nicht immer eitel Sonnenschein war. Die als Frieda Meyer geborene Sächsin wuchs mit sieben Geschwistern in Schönau bei Chemnitz auf. „Nach dem Schulabschluss mussten alle Kinder helfen, Geld zu verdienen“, erinnert sie sich. „Ich wurde Strickerin.“ Ihren ersten Mann Erich, den sie 1933 mit 18 Jahren heiratete, verlor sie im 2. Weltkrieg. Genauso wie zwei ihrer Brüder und einige Cousins. Ihr zweiter Gatte stammte aus Frankfurt am Main. Mit ihm bekam sie ihren einzigen Sohn Jürgen – „mein ein und alles“, wie sie sagt. Doch da die Eheleute sich aus beruflichen Gründen nur selten sehen konnten, hielt diese Ehe nicht lang. Auf einer Tanzveranstaltung, zu der ein Bekannter sie spontan eingeladen hatte, traf Amors Pfeil schließlich zum dritten Mal: Frieda Seifert lernte ihren dritten Mann Heinz ken- nen, den sie 1953 in Berlin heiratete und mit dem sie bis zu dessen Tod glücklich verheiratet blieb. In den 50er Jahren kam das Paar nach Wolfertschwenden, als die Erich Pester Platinenfabrik, in der die beiden in Chemnitz gearbeitet hatten, hier ein neues Werk errichtete. Später wurde Heinz Seifert Handelsreisender, seine Frau brachte jungen Frauen das Stricken auf der Strickmaschine bei. 2002 zogen die beiden ins Betreute Wohnen in Dietmannsried, kurz darauf starb Heinz Seifert. Selbstständiges Leben Frieda Seifert selbst ist topfit für ihr Alter. Die Hundertjährige lebt selbstständig, putzt und kocht selbst, geht bisweilen alleine mit dem Rollator zum Einkaufen, macht jeden Morgen Gymnastik und strickt immer noch filigrane Deckchen aus feinem Garn. Das aktuelle Zeitgeschehen interessiert sie sehr. Einzig ein Sturz vor acht Jahren macht ihr bis heute zu Schaffen. Trotzdem war „Uschi“ immer für lieb gewonnene Nachbarinnen da. Von denen lebt heute leider keine mehr. „Mehr als 40 sind in den letzten Jahren weggestorben. Meine Verwandten blieben damals im Osten. Jetzt bin ich ganz alleine und habe niemanden mehr, dem ich mein Herz ausschütten kann oder der versteht, wie es in mir drinnen aussieht“, bedauert sie. Doch zum Glück hat sich für den Abend „ihr lieber Junge“, der mittlerweile 73-jährige Sohn Jürgen samt Familie angekündigt. „Da gehen wir schön essen.“  Sabine Stodal

Meistgelesen

Shawn James im "mySkylounge"
Shawn James im "mySkylounge"
Wohnungseinbrüche: Jeder Hinweis kann helfen
Wohnungseinbrüche: Jeder Hinweis kann helfen
Demokratie unter Beschuss
Demokratie unter Beschuss
LKW-Fahrer mit 2,5 Promille erwischt
LKW-Fahrer mit 2,5 Promille erwischt

Kommentare