Früher war nicht alles besser

Um eine Antwort auf seine Vortrags-Frage „Werden die Menschen immer verrückter?“ zu finden, analysierte Prof. Dr. Peter Brieger, Ärztlicher Direktor des BKH Kempten, die Veränderung von Häufigkeit und Auswirkungen psychiatrischer Erkrankungen sowie die Inanspruchnahme von Hilfe in den vergangenen Jahren. Damit eröffnete Brieger vergangene Woche im Kornhaus offiziell die „Tage der seelischen Gesundheit 2010“.

Viele Menschen glauben, „dass unsere Zeit viel schlechter ist und früher alles besser war“. Kann diese Behauptung auch auf den Bereich „Häufigkeit seelischer Erkrankungen“ erweitert werden? Brieger kam zu einem anderen Fazit: „Es gibt keine Hinweise darauf, dass die klar definierten Krankheitsbilder, wie zum Beispiel Demenz, Suchterkrankungen, Psychosen oder Depressionen zugenommen haben.“ Er schlussfolgerte diese Annahme aus verschiedenen Gründen: Zum einen habe die Zahl der Selbstmorde seit 1980 kontinuierlich abgenommen. „Die Suizidzahl hat sich in den letzten 27 Jahren von 20000 auf 10000 halbiert“, so Brieger. Allerdings habe man es im Allgäu mit einer erhöhten Suizidrate im Vergleich zum restlichen Deutschland zu tun. Den Gründen hierfür werde im Moment nachgegangen. Auch die Zahl der Drogentote und der Alkoholverbrauch pro Kopf zeigten einen eindeutigen Rückgang in den letzten Jahren. Zurückführen könne man die sinkenden Zahlen unter anderem darauf, dass ein großer Teil psychiatrischer Erkrankungen heutzutage behandelbar sei. Dennoch seien aktuelle Erhebungen schockierend: 42,6 Prozent aller Menschen leiden demnach mindestens einmal im Leben an den Symptomen einer seelischen Erkrankung. Ursachen derer können bereits eine Partnertrennung oder eine Angsterkrankung sein. Angsterkrankungen sind dabei neben somatoformen Störungen (körperliche Beschwerden, die sich nicht hinreichend auf organische Erkrankungen zurückführen lassen) und Depressionen am häufigsten vertreten. Dennoch stellte der Professor fest, dass die Inanspruchnahme psychiatrischer Behandlungen, gemessen an den Tagen im Krankenhaus, in den letzten 80 Jahren um fast 70 Prozent zugenommen habe. „Wir haben in den Kliniken das Problem, dass wir aus allen Nähten platzen“, so Brieger. Auch Krankschreibungen wegen psychiatrischer Erkrankungen hätten deutlich zugenommen. Demenz und Alzheimer Brieger erläuterte auch die Folgen des demographischen Wandels auf die Häufigkeiten seelischer Erkrankungen. Wegen der veränderten Altersstruktur habe man es vermehrt mit den Krankheitsbildern Demenz und Alzheimer zu tun. Dagegen könne man eine Abnahme der Schizophrenie-Kranken verzeichnen. Eine weitere Veränderung sei die Entdeckung neuer Krankheitsbilder, so zum Beispiel die „Depression des Mannes“, mit Symptomen wie exzessivem Sportdrang, Alkohol zur Entspannung oder Schlafstörungen. Durch die Umstrukturierung der Arbeitswelt sei auch eine Veränderung gegeben. Der steigende Druck führe zu Überlastungssituationen und Depressionen, diese wiederum zu Arbeitsunfähigkeit und Frührente. Brieger dazu: „Es ist ein Teufelskreis.“ Doch um auch die Ressourcen und das Positive an psychischen Erkrankungen zu sehen, wies der Professor abschließend auf Aristoteles hin, der schon fragte: „Warum sind außergewöhnliche Männer in Philosophie, Politik oder Kunst Melancholiker?“ Der Vortrag war einer der ersten Programmpunkte des Projektes „Tage der seelischen Gesundheit 2010“, das nun das zweite Jahr in Folge in Kempten und dem Oberallgäu stattfindet. Laut der Koordinatorin des Gemeindepsychiatrischen Verbunds, Sylva Schneller, sei das Ziel der Veranstaltungsreihe, der breiten Öffentlichkeit Aufklärung und Informationen zu psychischen Erkrankungen und die Fachkompetenz der Institutionen vor Ort zur Verfügung zu stellen. Die Aufklärungsthemen gehen von Komasaufen über Depression und Psychosen bis hin zu Demenz und Alzheimer und werden im Rahmen von Dichterlesungen, Kabaretts, Kunstausstellungen und weiteren Formen dargeboten.

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