Viele Möglichkeiten für ein würdevolles Leben im Alter

Wie wir im Alter leben

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Auch bei Geschirr und Besteck wurden die besonderen Bedürfnisse älterer Menschen berücksichtigt.

Selbstbestimmt und Zuhause, hoffen die meisten. Denn die heutigen Senioren sind so fit wie nie. Über das Altern mag sich keiner so gern Gedanken machen. Doch es gibt ein Problem.

Bei uns, in einem der reichsten Länder der Welt, herrscht die schlechteste Pflegesituation im internationalen Vergleich. Was können wir tun, um allen ein würdevolles Altern zu ermöglichen?

Wir sind umgezogen. In ein schönes kleines Häuschen. Dabei wollten die Vorbesitzer hier alt werden. Doch zu viele Treppen und Stolperfallen ließen ihren Traum zerplatzen. „Und was machen wir dann im Alter?“, frage ich besorgt meinen Mann.

Alterspilz statt Pyramide

„Künstliche Hüftgelenke“ murmelt er, und „medizinischer Fortschritt.“ Aha. Vermeidungs-Taktik. Wie viele schiebt er das unangenehme Thema alt werden schnell weg. Oder ist er einfach optimistisch? In den letzten 30 Jahren haben wir schließlich sieben Jahre Lebenszeit hinzugewonnen. Senioren heißen heute „silver surfer“, werden von der Werbung umgarnt und sind dank moderner Medizin und geringerer körperlicher Belastung so fit und unternehmenslustig wie nie. Alt werden heißt nicht automatisch pflegebedürftig sein. Laut statistischem Bundesamt ist nur jeder Zwanzigste im Alter zwischen 70 und 75 Jahren pflegebedürftig. Erst ab neunzig Jahren nimmt das Risiko deutlich zu, rund 66 Prozent in der Altersgruppe benötigen dann Pflege, sagt das statistische Bundesamt.

Eigenheim oder Alters-WG?

Bis zum Schluss in den eigenen vier Wänden zu bleiben wünscht sich fast jeder. „Einen alten Baum verpflanzt man nicht“, pflegte meine Oma zu sagen. Doch ein selbstbestimmtes Leben hängt sehr vom geeigneten Wohnraum ab. Es lohnt sich daher, beim Immobilienkauf die Schwellenfreiheit im Blick zu behalten. Oder bei einer Sanierung auch auf die Barrierefreiheit zu achten. Oft hilft es schon, Bad und WC umzubauen, damit ein Umzug vermieden werden kann. Doch nicht jeder, der plötzlich gesundheitlich beeinträchtigt oder schwerbehindert ist, hat die nötigen finanziellen Mittel. Was viele nicht wissen: Für Menschen mit geringem Einkommen gibt es für so einen Umbau finanzielle Unterstützung vom Freistaat Bayern. Offiziell heißt die Maßnahme „staatliche Förderung bei Wohnraumanpassung für behinderte Menschen“. Dazu zählt beispielsweise der Einbau von begehbaren Duschen, Treppenliften oder Rampen für Rollstühle. Bis zu 10.000 Euro pro Wohnung werden gefördert, wenn die Voraussetzungen erfüllt sind. Informationen und Hilfe bei der Antragstellung bietet die zuständige Behörde, in Kempten wendet man sich an das Amt für Wohnraumförderung.

Groß ist auch die Nachfrage nach schwellenfreiem Wohnraum im Allgäu, im Bereich der mittleren Mieten übersteigt sie das Angebot derzeit deutlich, erklärt mir Ralf Kehrer von der Bau- und Siedlungsgenossenschaft (BSG) Allgäu. Auch schwellenfreie Stadtwohnungen, wie die Neubauten der Sozialbau an der Jakobswiese und am Stiftsgarten sind stark nachgefragt. Viele Senioren sorgen vor und kümmern sich um eine altersgerechte Wohnung.

In Kempten sind wir nicht zuletzt dank verschiedener sozialer Bauträger gut aufgestellt, findet auch der Seniorenbeauftragte der Stadt, Lothar Köster.

Alternativen sind Projekte wie „Integriertes Wohnen“ der Sozialbau in der Brennergasse in Kempten. Dort leben Menschen mit und ohne Behinderung, Jung und Alt. Die Räume sind weitgehend barrierefrei und es gibt eine Tagespflege im Haus Gemeinschaftsräume und ein Bewohner-Café sollen die Idee des nachbarschaftlichen Miteinanders fördern.

Was gibt es noch für alternative Wohnformen? Alters-WGs, also Wohngemeinschaften für Senioren, überlege ich. Als Student habe ich meist in WGs gewohnt und schätzte es, dort immer jemanden zum Reden oder gemeinsamen Kochen zu haben. Auch die BSG-Allgäu wollte eine solche Alters-WG auf die Beine stellen. Aber es gab nicht genügend Interessenten für das Konzept und so liegt das Projekt wieder auf Eis. So frage ich mich, ob ich wieder in ein kleines Zimmer zurück wollte. Der Wohnraum, den man für sich hat, ist in WGs nicht sonderlich groß. Man bezahlt auch die Gemeinschaftsflächen, die man teilt. Mit den Mitbewohnern auskarteln, wer wann kocht oder welches Spiel gespielt wird? Sicher nicht jedermanns Sache.

Eine Senioren-Wohnung der Zukunft hat die FH Kempten jüngst vorgestellt. Sie ist nicht nur barrierefrei, sondern dazu mit High-Tech Hilfe ausgestattet, die den Alltag erleichtern soll. „Assistant ambiant living“ heißt das Fachwort für die technischen Helferlein. An der Fachhochschule gibt es sogar einen eigenen Schwerpunkt dafür. Zur Ausstattung gehören etwa höhenverstellbare Schränke, Sensoren zur Sturzerkennung und eine Toilette mit Vitalfunktionen. Die FH ist im bayerischen „Care-Regio“-Netzwerk fleißig und hat noch viele weitere Projekte auf dem Schirm. Unter anderem arbeitet sie an einem Rollstuhl, der selbstständig Treppen bewältigen kann. Ihre Vision: Die Menschen mittels technisch-digitalen Assistenz-Systemen so gut wie möglich unterstützen – eine „Digitalisierung in der Pflege“. Über drei Jahre ist das Care Regio Projekt angelegt und wird vom bayerischen Staatsministerium mit vier Millionen Euro gefördert. Das wird meinem Mann sicher gefallen. Hightech statt Heim. Doch ein barrierefreies Zuhause und Assistenzsysteme allein reichen selten aus. Wenn der Alltag nicht mehr so leicht von der Hand geht, wird vor allem menschliche Betreuung wichtig.

Wohnen wie im Hotel

Eine typische Wohnform im Alter ist das „betreute Wohnen“. Der sperrige Begriff ist nicht geschützt, deshalb sind die Angebote sehr unterschiedlich. Manche sind eng an ein Altenheim angebunden, andere bieten Hotel-Komfort mit Sauna und Wellness. Die Preise schwanken dementsprechend. Die Pflegekosten können je nach Pflegegrad und Pflegeaufwand über die Krankenkasse oder die Pflegekasse bezogen werden. Man lebt in der eigenen Wohnung und kann auf Service-Angebote für Haushalt, Pflege und Freizeitgestaltung zurückgreifen. Ein Teil der Leistungen läuft über eine Pauschale, der Rest wird individuell abgerechnet. In Kempten gibt es derzeit sechs Anbieter für betreutes Wohnen. Das Konzept sieht ein selbstbestimmtes Leben in der eigenen Wohnung vor. Im Fall der Fälle hilft ein Pflegedienst aus und man kann diverse Freizeitangebote nutzen. Eine weitere solche Wohnanlage, das „Casa Philia“, entsteht gerade auf dem ehemaligen Brauhausgelände im Stadtzentrum Kemptens. Die Kalt-Mieten der stilvoll ausgestatteten Immobilie in der Stadtmitte sind mit rund 15 Euro pro Quadratmeter angesetzt. Die Wohnungen können von Personen „Ü65“ oder, bei Pflegebedarf, auch früher bezogen werden. Im Haus steht den Bewohnern ein vernetztes Notruf-System 24 Stunden am Tag zur Verfügung. „Weitere Pflegeleistungen oder Hauswirtschafts-Hilfe kann man sich dann ganz individuell dazu- buchen“, erklärt mir Alexander Hörmann vom Bauträger, der BiNova Gruppe. Es gibt auch hier Gemeinschaftsräume und einen Gemeinschafts-Innenhof mit Terrasse.

Meinem Mann, eher Typ „einsamer Präriewolf“ graust es vor solch einer Lösung. „Da hab ich lieber meine Ruhe und bleibe allein Zuhause“, ist sein Kommentar. Gut, aber wer pflegt uns, wenn wir plötzlich Hilfe brauchen? Ein wachsender Teil der Bevölkerung erfreut sich zwar bis ins hohe Lebensalter bester Gesundheit. Doch mit zunehmendem Alter steigt das Risiko einer Pflegebedürftigkeit. Krankheiten wie Alzheimer, Demenz oder Diabetes treten vor allem im höheren Alter auf. Aktuell sind rund 3,3 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig – Tendenz steigend. Und die Generation 60 plus wird im Jahr 2030 schon 40 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Besonders wächst die Gruppe der über 80-Jährigen. Also die mit einem vermutlich höheren Pflegebedarf. Und da gibt es ein großes Problem: Die Pflegefachkräfte, die sie versorgen sollen, reichen schon jetzt nicht aus.

Daheim statt im Heim

Bei den Pflegebedürftigen in Bayern geht jetzt bereits nichts ohne die Familie. Sie kümmert sich Zuhause um zwei Drittel der Pflegebedürftigen. Es ist keine Überraschung, dass typischerweise Frauen Angehörige pflegen. Früher waren diese traditionell Zuhause, heute kommt oft noch ein Halbtags-Job hinzu, ohne den der Hauskredit nicht zu stemmen ist. Meist sind es die Töchter oder Schwiegertöchter, die stark gefordert sind. Nicht wenige opfern sich in der Pflege auf, klagen über Erschöpfung und Zeitmangel. Von der Pflegekasse gibt es Pflegesachleistungen und Pflegegeld. Fünf Pflegegrade definieren die Höhe des Pflegegeldes, je nach Schwere der Erkrankung. Das Durchboxen der richtigen Pflegegrade ist nicht immer leicht. Wenn die Oma bei der Beurteilung stolz zeigt, „was sie noch alles alleine kann“, resultiert das in weniger Unterstützung, als vielleicht nötig wäre. Vom Bürokratie-Dschungel bei der Beantragung ganz zu schweigen. Seit letztem Jahr gibt es ein neues Beurteilungs-System: Fünf Pflegegrade statt drei sollen individuelle Fähigkeiten und Bedürfnisse besser berücksichtigen. Dazu gibt es nun auch Pflege-Lotsen, die durch den „Bürokratie-Dschungel“ der Anträge leiten. Und eine Familien-Pflegezeit ist möglich, also eine Auszeit vom Job für die Zeit der Pflege.

Auch im Allgäu nimmt die häusliche Pflege zu. Die Stadt Kempten will ihre Bürger dabei unterstützen. Ihr „Seniorenpolitisches Gesamtkonzept“ soll bis 2020 umgesetzt sein. Es sieht etwa vor, Anlaufstellen für Pflegende und Senioren in den Stadtteilen zu schaffen. Nachbarschaftliche Treffs und Beratungsstellen in den Quartieren sollen pflegende Angehörige entlasten. Erste positive Erfahrungen gibt es bereits. Lothar Köster, Initiator des Konzepts, freut sich, dass immer mehr Angebote entstehen. Doch ehrenamtliche Engagements allein reicht nicht, auch für die häusliche Pflege ist professionelle Unterstützung nötig. Vor allem bei Langzeit-Pflegenden. Doch es fehlen jetzt schon tausende Fachkräfte und die Lücke wird immer größer. Bei den ambulanten Diensten werden laut Caritas ganze 26.000 zusätzliche Kräfte bis 2030 fehlen. Wer unterstützt dann Berufstätige, wenn deren Familien-Pflegezeit ausgeschöpft ist? In der Politik hört man stets „ambulant vor stationär“. Natürlich ist das auch ein Wunsch vieler Pflegebedürftiger und Angehöriger. Für Köster ist Familie eine wichtige Säule. Pflege zuhause empfindet er als eine Aufgabe, die in unserer Gesellschaft selbstverständlich sein sollte. Pflege jedoch nur auf die Schultern der Familie zu verteilen ist „kein alleiniges Allheilmittel“, so Köster. Viele ältere Menschen sind alleinstehend und haben schlichtweg niemanden, der sie pflegen kann.

In Teil 2 des Artikels wird es darum gehen, wie wir im Alter leben wollen, was sich eine Gesellschaft leisten sollte und wie es um die Finanzierung bestellt ist. All das erfahren Sie auf der nächsten Grünen Seite des Kreisboten am 21. März 2018.

Nützliche Infos: 

Barrierefrei wohnen

Das Haus ist nicht barrierefrei, die Umbaukosten hoch? Für Menschen mit geringem Einkommen bietet sich die Prüfung einer Förderfähigkeit durch die BayernLABO an. Der Freistaat Bayern hilft mit einer Wohnraum-Förderung für behinderte Menschen. Gefördert werden Anpassungen oder Umbauten, z.B. Rampen, sanitären Anlagen oder Treppenlifte. Die Förderung (bis zu 10.000 Euro) ist bei Erfüllung der Kriterien durch einem leistungsfreies Baudarlehen (zins- und tilgungsfrei) möglich.

Kontakt Kempten

Amt für Ausbildungsförderung, Senioren- und Wohnungsfragen – Wohnraumförderungen – 6.OG, Zimmer 603, Gerberstraße 2, 87435 Kempten;

Ansprechpartnerin: Ellen Köhler, Tel: 0831/25 25 300, Email: wohnungswesen@kempten.de

Bei Mietwohungen hilft die Regierung von Schwaben, Fronhof 10, 86152 Augsburg; Website: www.wohnen.bayern.de

Wohnungsanpassung Lkr. Ravensburg /Isny

Verschiedene Handwerksbetriebe im Landkreis Ravensburg haben sich unter dem Aktion „Fachbetrieb leichter leben“ zertifiziert. Sie beraten beim Umbau, damit man sich im Alter sicher und frei im eigenen Heim bewegen kann. Informationen zu den teilnehmenden Betrieben gibt die Kreishandwerkerschaft Ravensburg, auf ihrer Internetseite findet man auch eine Liste aller Betriebe.

Kontakt: Aktion Kreishandwerkerschaft Ravensburg, Zeppelinstrasse 16, 88212 Ravensburg, Tel: 0751/36 14 20, Website: www.kreishandwerkerschaft-rv.de

Rat und Hilfe für Senioren

Informationen zu Angeboten für ältere Menschen geben die Seniorenbeauftragten der Stadt. Auch Wohnangebote kann man bei den Anlaufstellen erfragen. Betroffene und Angehörige können sich hier bezüglich ambulanter, teilstationärer oder stationärer Hilfsmöglichkeiten informieren. Auch die Leistungen der Pflegeversicherung, Sozialhilfe und anderer Leistungsträger werden erklärt.

Stadt Isny

Seniorenbeauftragte Anita Gösele, Stadtverwaltung Isny, Wassertorstrasse 1-3, 88316 Isny

Tel: 07562/984 –148, Email:

anita.goessle@isny.de

Stadt Kempten

Anlaufstelle für ältere Menschen:

Kordula Amann-Fischer, Tel.; 0831/25 25 8128, Email: kordula.amann-fischer@kempten.de, Schützenstraße 2, 87435 Kempten;

Elke Reisacher, Tel.: 0831/25 25 672 (nur vormittags), Email: elke-reisacher@kempten.de, Gerberstraße 2, 6.Stock, Zi.607, 87435 Kempten.

Die Broschüren „Älter werden in Kempten“ und der „Wegweiser für altere Menschen in Isny“ bieten einen Überblick der Beratungs- und Freizeit-Angebote für Senioren in Kempten. Man bekommt sie bei der jeweiligen Stadtverwaltung oder unter www.kempten.de bzw. www.isny.de

Steffi Koller

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