Der Frühling kam erst nach der Pause

Der Orchesterverein spielt sein Frühjahrskonzert 

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Kempten – Der vielzitierte Frühling, der sich draußen wie ein kleiner Sommer anfühlte, wollte am vergangenen Samstagabend drinnen beim Frühjahrskonzert des Orchestervereins im Stadttheater erst mit einiger Verzögerung, dann aber umso schöner erblühen.

Das erste Werk, Franz Schuberts Vorspiel zum ansonsten vergessenen Melodram und Ritterspiel „Die Zauberharfe“ ist eine romantische Ouvertüre, die sich 1820 bereits von der zu dieser Zeit noch üblichen Formensprache entfernt hatte, sie lebt nicht von der klassischen Themendurchführung, sondern ist eine freie Aneinanderreihung Schubertscher Melodieerfindungen. Außer der lyrischen Grundhaltung ist kein außermusikalisches Programm impliziert, weshalb die Ouvertüre geeignet war, nicht nur dem ursprünglich damit verbundenen Sprechstück vorangestellt zu werden, sondern auch dem romantischen Schauspiel „Rosamunde“. 

Der Orchesterverein unter der Leitung von Mary Ellen Kitchens begann das Stück etwas beengt, es entstand kein musikalischer Raum zwischen den Tönen, anfängliche Intonationsschwierigkeiten kamen hinzu. Schuberts unendliche Melodie benötigt hier orchestrale Weite, um ihren Zauber zu entwickeln, was sie bekam, war etwas wenig Luft zum Atmen, fast hatte man den Eindruck, ein großes Orchester spielte Kammermusik. Dass der Orchesterverein dies besser kann, zeigt der Rückblick auf das letzte Konzert im vorigen November, als das Ensemble bei Hector Berlioz von Anfang an den richtigen Ton getroffen hatte.

Das nächste Stück sollte der vorweggenommene Höhepunkt des Abends werden. Die Zutaten waren wohlbereitet, mit Raphaela Gromes, eine Solistin, deren jugendliche Bühnenpräsenz das Publikum vom ersten Zurechtrücken auf ihrem Stuhl an aufsehen ließ. Mitgebracht hatte sie ein Instrument, dessen Klangvolumen, aber auch dessen feiner Ton neben jedem Orchester der Welt bestehen konnte (ein Violoncello von Jean-Baptiste Vuillaume, gebaut Mitte des 19. Jhd.) und – was die Erwartung und Neugierde des Musikliebhabers besonders anregte – das verschollene Werk eines Spätromantikers, das die Cellistin selbst aus unbeachteten Archiven ausgegraben und zur Herausgabe in einem Musikverlag untergebracht hat. 

Der Komponist dieser Neuentdeckung, Julius Klengel, war erster Cellist des berühmten Gewandhausorchesters in Leipzig und außerdem Schöpfer einer Vielzahl von Werken mit Cellobeteiligung, von denen der Hymnus für zwölf Celli zumindest in Cellistenkreisen der bekannteste sein dürfte. Heute also sein 1895 geschriebenes Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 3 in a-moll. Konzentriert begann Gromes neben der Dirigentin ihr Spiel, die Musik zeigte sich von Beginn an als stark vom Soloinstrument her komponierte Musik, bei der das Orchester den Hintergrund für ein immer im Vordergrund spielendes Soloinstrument abgibt. 

Das Cello darf sich virtuos unter Ausnutzung seines ganzen Tonumfangs ausbreiten und ist doch mit dem Orchester so verwoben, dass es nie alleine dasteht. Die spätromantische Tonsprache ist ständig präsent. Etwas schnell und ohne Übergang zogen die drei Sätze am Zuhörer vorbei, man spürte die musikalische Substanz des Werks, man spürte das Können der Solistin und man spürte den Willen des Orchesters, hier auf hohem musikalischen Niveau beitragen zu wollen. 

Am Ende blieb man jedoch etwas auf dem Eindruck sitzen, dass sich alle Beteiligten bemüht hatten, dass man aber noch mehr aus diesem Stück hätte herausholen können. Vielleicht gelingt das Raphaela Gromes ja bei ihrer geplanten CD-Einspielung dieses Stücks mit dem Radio-Symphonie-Orchester Berlin. Den Samstagabend beschloss sie mit der Zugabe eines kleinen Celloduetts von Pablo Casals.

Nach der Pause stand dann für das verbliebene Orchester nun wieder ohne Solistin die erste Sinfonie op. 38 von Robert Schumann auf dem Programm. Wie ein Frühlingsanfang nach einem langen Winter begann für Robert Schumann 1840 die glücklichste Zeit seines Lebens, er hatte seine Frau Clara gegen die Widerstände ihres Vaters Friedrich Wieck, der sein Klavier- und Kompositionslehrer war, geheiratet. 

Schumann entwirft in nur vier Tagen seine erste Sinfonie, in der bereits alles enthalten ist, was ihn in seinen späteren sinfonischen Kompositionen ausmachen sollte und nennt sie „Frühlingssinfonie“. Mary Ellen Kitchens gelingt es vom ersten Takt weg, Schumanns musikalisches Programm – Glück, Freude, Neubeginn – aus ihrem Orchester herauszuholen. 

Der Orchesterklang ist offen und weit. Das anfängliche Trompeten- und Hörner-Motiv im Andante un poco maestoso läutet einen Reigen musikalischer Stimmungsbilder ein, dem alles Starre, Unbewegliche und Kalte fremd ist. Fast scheint es, als würden die Musiker des Orchestervereins zu neuem Leben erwachen. Die vier Sätze haben nur noch nach außen hin die Form einer klassischen Sinfonie, nach innen sind sie eine Abfolge von musikalischen Motiven, die sich statt durch formale Durchführung in einem Rhythmus empfindsamer Gefühlsbeschreibungen auseinander ergeben.

Die dreißig Minuten Spieldauer ziehen ebenso schnell vorüber wie das kürzere Klengel-Werk vor der Pause, der Zuhörer fühlt sich befriedigter. Das Publikum zeigt dies durch langen Applaus. Als Zugabe gibt es noch den Frühlingsstimmenwalzer. Passender hätte man diesen Abend nicht beschließen können.

Jürgen Kus

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