"Das schaffen wir" – der Zivilgesellschaft sei Dank

Fünf Jahre "Engagiert für Integration"

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Landrätin Indra Baier-Müller gab in ihrer damaligen Funktion als Geschäftsführerin und Vorstand der Diakonie Kempten-Allgäu den Anstoß für eine hauptamtliche Stelle, die den Engagierten beratend zur Seite steht.

Kempten – Am 29. September 2015 fand die erste Veranstaltung von „Engagiert für Integration“ statt.

Am vergangenen Freitag, also knapp fünf Jahre und 55 Veranstaltungen später, blickten die Diakonie Kempten-Allgäu und das Evangelische Bildungswerk Südschwaben als Organisatoren der Veranstaltungsreihe auf das zurück, was seitdem geschaffen worden ist. Im Fokus der Jubiläumsfeier stand immer wieder der unermüdliche Einsatz von hunderten ehrenamtlich Engagierten.

So auch bei der Begrüßung durch Anke Heinroth, Leitung Asyl und Migration der Diakonie Kempten-Allgäu. „Das Engagement zu sehen und zu begleiten, gibt auch mir immer wieder Motivation, meine Arbeit zu machen.“ Außerdem erwähnte sie das vor vier Jahren gegründete Amt für Integration, das ihre Tätigkeit seitdem deutlich erleichtert habe. Viele Ehrengäste ließen es sich nicht nehmen Grußworte an die rund 60 Gäste zu richten, die sich streng an die Hygienevorschriften in Zeiten der Pandemie hielten. Allen voran Erna-Kathrein Groll, 3. Bürgermeisterin der Stadt Kempten, die von einer „bunten und fröhlichen Gesellschaft in Kempten, die sich durch Vielfalt auszeichnet“ sprach, wobei sie dem interkulturellen Austausch einen besonderen Stellenwert einräumte. 

2015 sei ein besonderes Jahr gewesen, das alle in Atem gehalten habe. Nach wie vor sei die Integration ein sensibler Prozess, für den alle miteinander im Gespräch bleiben müssten. Auch auf die dramatische Situation nach dem Brand in Moria kam die Bürgermeisterin zu sprechen, die sie als „weitere Herausforderung an Politik und Gesellschaft“ bezeichnete. Während der Jubiläumsveranstaltung konnten die Gäste eine aufgestellte Spendenbox nutzen, um den Menschen in Moria über die Organisation „Wave of Hope for the Future“ Soforthilfen zukommen zu lassen. Roland Heinle, Diakonievorstand für Wirtschaft, Verwaltung und Recht, dankte unter anderem der anwesenden Landrätin Indra Baier-Müller, die in ihrer damaligen Funktion als Geschäftsführerin und Vorstand eine erste Teilzeitstelle geschaffen habe, die den Ehrenamtlichen bei Fragen zu ihrer Arbeit mit den Geflüchteten beratend zur Seite stand. 

Baier-Müller wandte sich im Anschluss selbst an die Gäste und erinnerte sich an das Jahr 2014 zurück, als sie bei einer Geschäftsführerkonferenz zum ersten Mal mit dem Thema Flucht und Asyl konfrontiert worden sei. Ein Jahr später seien dann tatsächlich viele Menschen gekommen und das „Wir schaffen das“ sei nicht der Politik oder den Hauptamtlichen zu verdanken gewesen, sondern der Zivilgesellschaft. Zwischenzeitlich, vor dem Brand in Moria, sei die Thematik in der Öffentlichkeit in den Hintergrund gerückt, doch auch in Zukunft gebe es in dem Bereich ein „dickes Brett zu bohren“, wie die Landrätin prophezeite. Dazu zähle einerseits, weniger darüber zu streiten, wer wie viele Geflüchtete aufnehmen könne und andererseits, die Fluchtursachen zu bekämpfen. Dekan Jörg Dittmar unterstrich in seinem Grußwort die Bedeutung der ehrenamtlichen Helfer, von denen 70 Prozent einen christlichen Hintergrund hätten. 

Er kritisierte die vielen Anfeindungen, die die als „Gutmenschen“ abgestempelten Engagierten über sich ergehen lassen müssten. „Es gibt Menschenrechte, nicht nur Deutschen-, Polen- oder Ungarnrechte.“ Doch gerade dieses Signal werde in die Welt gesendet, was zu einem gefährlichen Bumerang werden könne, der „viel gefährlicher ist, als die Menschen aufzunehmen“, meinte der Dekan. Vor dem Büffet blickten die Ehrenamtlichen selbst humorvoll und überspitzt auf das, was sie in den vergangenen fünf Jahren alles erlebt hatten, zurück. In einem selbstgeschriebenen Lied beleuchteten die drei Engagierten Dr. Susanne Betz sowie Ramona und Peter Würzle die Sichtweisen der Geflüchteten und die der Deutschen gleichermaßen. So sangen sie in Bezug auf die Motivation während des Deutschunterrichts: „Von 25 teilnehmenden Syrern waren es nach 14 Tagen nur noch zwei“ und kritisierten andererseits die schwierigen Rahmenbedingungen für all jene, die sich in die Gesellschaft einbringen wollten: „Achmed wollte Altenpfleger werden. Der Weg dorthin war schlimmer als die Flucht.“ Die nächste Veranstaltung von „Engagiert für Integration“ findet am 29. September um 19.30 Uhr im Haus International statt. Prof. Dr. Ulrich Bauer von der Hochschule Kempten wird zum Thema „Integration? Klare Regeln statt schlechtes Gewissen oder Wut“ referieren. 

Dominik Baum

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