Machtspiele im TheaterInKempten

Ränkespiele der Könige

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Der gehezte König Henry IV. fühlt sein Leben „ein bisschen mechanisch“.

„Der König ist tot, lang lebe der König“ – und wieder bestieg ein neuer Herrscher Englands Thron. Ein Mann, fünf Könige.

Und nicht nur das, auch in die bisweilen recht kreativ umgesetzten Nebenrollen schlüpfte Michael Miensopust in der letzten TIK-Eigenproduktion, die er zusammen mit der scheidenden künstlerischen Leiterin Nikola Sta- delmann (Co-Regie Felix Schmidt) in der Reihe „Große Stoffe im kleinen Format“ auf die Bühne des THEaterOben brachte: „Kings“, untertitelt mit „Ein Abend mit fünf Königen sehr frei nach William Shakespear“. Vergangenen Freitagabend feierte es Premiere – eine Woche später als geplant.

 „Wenn das Projekt eben noch nicht passt, ist es besser zu sagen, wir schieben es“, erklärte Stadelmann beim Einführungsgespräch und stieß damit auf Verständnis. Ihrer Anmerkung, fünf Handlungsstränge in ein Stück zu packen, sei „eigentlich Wahn- sinn“, dürfte wohl kaum Jemand widersprochen haben, der die fünf zugrundeliegenden und recht umfangreichen Historiendramen Shakespears kennt. Der Zusatz „sehr frei nach...“ traf die Sache dann auch ziemlich präzise und wer sich von den historischen Originalen löste, dem präsentierte die Wandlungsfähigkeit des einmal mehr grandiosen Miensopoust einen Parforceritt durch fünf spannende wie unterhaltsame Facetten von Macht, die- durchaus so gewollt - gar nicht so weit von der Jetztzeit entfernt erschienen. Klar, dass nicht jede historische Überlieferung in den eingedampften Königsleben zum Zuge kommen konnte, auch wenn erstaunlich viele Details mindestens in symbolischen Andeutungen ihren Platz in den Rangeleien um die Macht zwischen den Adelsfamilien York und Lancaster fanden. Ein Fest für Freunde von Charakterstudien lieferten die sehr unterschiedlichen Herrscher, wie sie zwischen Aufstieg und Fall durch ihre Leben jonglierten. Sie faszinierten nicht zuletzt durch einen Darsteller, dessen Intensität man sich nur schwer entziehen konnte, nachdem er sein Publikum eingeladen hatte: „Folgt uns nun in des großen Shakespears Welt, wenn dieser große Vorhang fällt.“ 

Und schon zog einen Richard II. in seine Welt aus Intrigen und Kriegen. Erst als er die Macht verloren hat, beginnt der selbstgefällige und rücksichtslose König über sein Handeln zu reflektieren und eine geradezu poetisch-philosophische Seite zu entwickeln. Johann Bolingbroke setzt den unfähigen König Richard II. ab und besteigt als erster Lancaster Englands Thron. Getrieben und immer am Rande von Burn-Out hetzt der nun Henry IV. von einem Telefon zum anderen. „Ja ich fühle mein Leben ein bisschen mechanisch.“ Sein Therapeut, sein Sohn, der Erzbischof, Meldungen über Aufstände – Sorgen rauben ihm den Schlaf, schwer lastet die Verantwortung auf ihm: „Schlummere sanft glücklicher Bettler, das Haupt, das die Krone trägt, wiegt schwer“, resümiert er. 

Ganz anders präsentiert sich da schon Henry V., der - auch optisch - etwas von einem heimatverbundenen Popstar hat. Kaum kann der eitle und coole Thronanwärter erwarten seinen siechen Vater zu beerben. Dieser will und will einfach nicht sterben. Immer wieder schreckt er – als schon sehr bleiche Puppe an der Hand von Miensopoust – hoch, um zu verkünden: „Ich bin noch nicht tot.“ „Ich sterbe in Jerusalem, das wurde mir prophezeit.“ Dass er im „Jersualemzimmer“ vor sich hinsiecht, wie Harry ihm mitteilt, beschleunigt die Sache dann ungemein und siehe da: „So wurde aus dem Skandalprinzen Harry der Vorzeigekönig Heinrich V.“ Ein Tennisball vom Dauphin in Frankreich – ein Affront - und schon geht es in die Schlacht. Die Chancen stehen nicht zum Besten für Henry, dessen Heer dem des Feindes zahlenmäßig weit unterlegen ist und auch nicht die beste Kampfmoral zeigt. Für den charismatischen Herrscher kein Problem. Von seiner flammenden Motivationsrede inspiriert, tragen die Engländer einen triumphalen Sieg davon. Es ist kein Gemetzel, das Miensopoust hier zeigt, sondern der in Zeitlupe choreographierte Schwert-Kampf eines kultivierten Mannes. Vielleicht zum Lohn, darf der Held als einziger der fünf Herrscher, zwei Jahre später, eines natürlichen Todes sterben. 

Zeit für den gerade einmal neun Monate alten Henry VI., „nach Beendigung der Rosenkriege“ den Thron zu besteigen. Mit dickem roten Lippenstift, eine rote und eine weiße Rose in der Hand, umgeben von Stofftieren, die zugleich die Figuren in den ihn umgebenden Ränkespielen mimen, sitzt Miensopoust als ziemlich unglücklicher König auf dem Thron (Boden) Englands, das in Wahrheit doch von anderen regiert wird. 

Böse durch und durch 

Eine spannende Figur ist zu guter Letzt Richard III., eine fiese Type, „entstellt, verwahrlost – hässlich“ und Bösewicht aus Langeweile. Wer seinen Machenschaften und Plänen im Weg ist, wird beiseite geräumt, egal ob Freund, Familien- mitglied oder die eigene Ehefrau. Als Noten auf seinem Klavier stehen die Portraits von Baschar al-Assad und Kim Jong-un während er zum Geklimper auf der „Klaviatur der Macht“ wonnevoll singt „Ich mach sie alle fertig, ich mach sie alle hin, jetzt wo ich König bin...“. Immer loyal ist einzig die Wache, die wie ein Fels in der Brandung als Schwert im Boden der, trotz minimalistischer Ausstattung, sehr wandelbaren Bühne steckte und seine Stimme ebenfalls von Miensopoust erhielt. Richard III. stirbt auf dem Schlachtfeld. Der Wachmann entfleucht – in die Kantine.  Christine Tröger

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