Das Philharmonische Orchester Breslau spielt unter Daniel Raiskin

Großes Theater beim fünften Meisterkonzert

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Es reichte, wenn Drigent Daniel Raiskin das Breslauer Orchester allein mit den Bewegungen seiner Hände und seines Körpers durch die Stücke führte.

Kempten – Würde man zu diesem Abend sagen, dass er von einem Ritterspiel, einer Widmung an einen geliebten Menschen und einer Beschwörung des menschlichen Schicksals gehandelt hat, so hätte man wohl nicht ganz ins Schwarze getroffen.

Zwar waren dies die Ausgangslagen, aus denen heraus die drei Werke des Programms von ihren Komponisten geschrieben worden waren, aber das, was dann die Freude und sogar Begeisterung der Zuhörer hervorrief, war doch mehr musikalischer als literarischer oder biographischer Natur.

Beschreiben wir also diesen Konzertabend (Meisterkonzert 5), der am vergangenen Montag im ausverkauften Kemptener Stadttheater stattfand, aus der Sicht der Musik, denn unabhängig von außermusikalischen Zutaten haben wir großartige und vor allem großartig dargebotene Musik gehört. Der Star des Abends war ohne Zweifel das Philharmonische Orchester Breslau, in seiner Heimat nennt es sich NFM Wrocław Philharmonic. Ein großes Sinfonieorchester, das neben dem Nationalen Symphonieorchester des polnischen Rundfunks zu den bedeutendsten Klangkörpern Polens zählt. 

Immer gefragt und oft unterwegs spielt es 2018 für mehrere Konzerte in Deutschland mit Daniel Raiskin zusammen, der bereits 2003 mit dem gleichen Orchester in Kempten aufgetreten ist. Dieser aus St. Petersburg stammende und vielbeschäftigte Dirigent ist auf den Konzertbühnen der Welt zu Hause, in Kürze tritt er eine Stelle als musikalischer Leiter des Winnipeg Symphony Orchestra an. Er und das Breslauer Orchester verstanden sich an diesem Abend wie im Schlaf und es reichte, wenn Raiskin ohne Taktstock nur mit den Bewegungen seiner Hände und seines Körpers das Orchester durch die Stücke führte.

Das Konzert begann mit Carl Maria von Webers Ouvertüre zur Oper Eryanthe. Ein schwungvolles Werk, 1822 komponiert, das in neun Minuten das große sinfonische Können Webers zeigt, indem es die Handlung der ganzen Oper, der sie vorangestellt ist, einleitend zusammenfasst. Die Oper selbst gilt zwar wegen eines missglückten Librettos um ein Ritterthema aus dem 12. Jahrhundert als nicht mehr aufführbar, ihre Ouvertüre zählt aber neben den Ouvertüren zu Freischütz und ­Oberon zu den Höhepunkten von Webers orchestralem Schaffen. 

Das Orchester war vom ersten Takt an präsent, ihm gelang von der tuschartigen Tuttieinleitung bis zum abschließenden Fugato eine musikalisch spannende und abwechslungsreiche Darbietung, in der besonders die klangfarblichen Möglichkeiten eines so großen Orchesters begeisterten.

Danach stand Antonín Dvoráks Konzert für Violoncello und Orchester op.104 auf dem Programm. Der 1994 geborene, rumänische Cellist Andrei Ionita betrat mit seinem Violoncello die Bühne und versprühte von Beginn an Unbekümmertheit und jugendlichen Charme, die sich dann im Fortgang des Stücks in Konzentration und emotionale Versenkung verwandelten. 

Wie Ionita sich selbst in dieses umfangreiche Werk hineinspielte, war faszinierend zu hören und anzuschauen. Dvoráks Meisterwerk stellt einen Höhepunkt in dieser Gattung dar. 1895, noch in den USA lebend, hat er unter dem Eindruck von Krankheit und Tod seiner insgeheim geliebten Schwägerin ein Stück geschrieben, das alle klassischen Zutaten eines Solokonzerts enthält: griffige Themen, Zwiesprache zwischen Soloinstrument und Orchester und virtuose Solopassagen. Es ist aber darüber hinaus ein fast sinfonisches Werk mit einem Orchestersatz voller Feinheiten. Da werden Instrumente für verschiedenste Klangfarben gruppiert, und nahezu jedes Ins-

trument des Orchesters erhält neben dem Soloinstrument auch einmal eine Solostelle. Das Philharmonische Orchester Breslau bewegte sich mit technischer Leichtigkeit durch die schwierige Partitur und bewahrte gleichzeitig einen wachen Sinn für das Zusammenspiel mit dem Solisten. Der Dirigent war der zurückhaltende, aber stets präsente Vermittler zwischen Orchester und Solisten. 

Solist Ionita zeigte nach dieser gewiss auch körperlich anstrengenden Darbietung, dass er nicht für sich spielte, sondern für das Publikum, und trug noch zwei Stücke von Bach als Zugaben vor, eine der zweistimmigen Inventionen zusammen mit dem ersten Geiger und die Sarabande aus der ersten Cellosuite. Beides wurde gebührend beklatscht, bevor es in die Pause ging.

Nach der Pause dann Peter Tschaikowskys 4. Sinfonie in f-Moll op. 36, 1878 geschrieben. Sie zählt neben der fünften und sechsten Sinfonie zu seinen bedeutendsten ­Sinfonien. Tschaikowsky äußerte sich ausnahmsweise zu seinem Werk, indem er es als „seinem innersten Wesen entsprungen und mit echter Inspiration von Beginn bis zum Ende versehen“ bezeichnet. 

Die vier Sätze des 40-minütigen Werks haben jeder für sich einen ganz eigenen Charakter, den das Orchester und Raiskin musikalisch plastisch jeweils so spannend herausarbeiteten, dass man gar nicht erst auf die Idee kam, Tschaikowskys Musik fälschlicherweise als sentimental zu empfinden. Bei dieser perfekten Interpretation empfand man sie vielmehr als farbenreich, voller melodischer Erfindungskraft und trotz der Schwere der musikalischen Themen mit Sinn für das Leichte. Beispielhaft zeigte dies der dritte Satz, Scherzo pizzicato ostinato, in dem nacheinander Holzbläser und Blechbläser über einem rhythmisch und intonationstechnisch präzisen, durchgängig in pizzicato gehaltenen Streichersatz spielten. Nach dem wuchtigen Schluss des vierten Satzes gab es stürmischen Beifall, wofür die Musiker sich mit einer ganzen Orchesterzugabe bedankten: Bachs Air aus seiner dritten Orchestersuite.

Ein Abend ohne Höhepunkte ging zu Ende, das Philharmonische Orchester Breslau, Daniel Raiskin und Andrei Ionita hatten aus dem Abend einen einzigen Höhepunkt gemacht. Große Unterhaltung! Großes Theater!

Jürgen Kus

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