Treffpunkt für Kammermusik

Gästebuch der ehemaligen Kremser-Villa zeugt von "Hochkarätern" im Kempten ab den 1922ern

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Gästebucheintrag mit Autogrammkarte von „Wolfi“ Schneiderhan.
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Im Gästebuch verewigt: das Amar-Quartett mit den Brüdern Rudolf und Paul Hindemith.
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Anzeige im Allgäuer Tagblatt für zwei „Hochkaräter“ der Klassik-Szene: Adolf Busch und Rudolf Serkin.
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Alfred Kremser.
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Foto von der Kremser-Villa im Winter 1940/41.

Kempten – Langezeit war es in Vergessenheit geraten. Das Gästebuch der Villa Kremser aus den Jahren 1922 bis 1944, in dem sich so viele Prominente der Zeit finden, von Heinrich Brauns, Reichsarbeitsminister von 1920 bis 1928, von Textilunternehmern, aber vor allem von berühmten Musikerinnen und Musikern – Sängerinnen und Sängern überwiegend aus dem Münchner Staatsopernbetrieb, Geigern und Pianisten, die solo oder als Ensemble im Kemptener Kornhaus konzertierten.

Das lag nicht nur daran, dass Kommerzienrat Alfred Kremser, 35 Jahre lang alleiniger Vertretungsberechtigter der Spinnerei und Weberei Kottern, ein großer Freund und Förderer der Künste war. Besonders die klassische Musik hatte im Haus von Alfred und Laura Kremser einen hohen Stellenwert. Oskar Krug erinnert sich noch gut an die vielen Schellackplatten, die Sonntagabend immer gespielt wurden. Der Sulzberger hat einen guten Teil seiner Kindheit bei den Großeltern verbracht. 

Das Gästebuch war ihm wieder in den Sinn gekommen, als er mit seiner Frau Marianne wieder einmal eines der Kemptener Meisterkonzerte besuchte. Deshalb brachte Krug das Gästebuch zu Dr. Franz Tröger, der das klassische Konzertleben der Stadt als Veranstalter und Organisator seit 1963 stark mitprägt. „Ich wusste“, sagt er gegenüber dem Kreisboten, „dass bei Kremser häufig Künstler übernachtet haben, aber nichts über die Brisanz der Konzerte.“ Beim Durchblättern des mit Silber beschlagenen, ledergebundenen Gästebuchs, das sich wie das „Who-is-Who“ der klassischen Musikszene liest, stößt Tröger auch immer wieder auf Namen, die er selbst später nach Kempten verpflichtet hatte. 

Neben dem Pianisten Claudio Arrau (einer der letzten Schüler von Franz Liszt) zum Beispiel der Russische Pianist Nikita von Magaloff (1912-1992), der sich, damals noch weitgehend unbekannt, nach einem Konzert im Kornhaus am 3. März 1931 mit „Avec mon meilleur souvenir“ im Gästebuch bedankt. Der Aufenthalt war so eindrücklich, dass er ihm bei seinem nächsten Konzert in Kempten, 43 Jahre später, im April 1973 (ein weiteres folgte 1990), noch präsent gewesen ist. 

Tröger erzählt, er habe ihn vom Bahnhof (damals noch dort, wo heute das Forum Allgäu steht) abgeholt und sich beim kurzen Fußmarsch die Bahnhofstraße hinunter bei ihm dafür bedankt, dass er „als berühmter Pianist auch erstmals nach Kempten“ gekommen sei. Daraufhin habe ihm der stattliche Mann auf die Schulter geklopft und gemeint: „Junger Freund, ich habe schon in Kempten gespielt, da haben Sie noch gar nicht gelebt.“ 

Magaloff habe sich sogar noch genau daran erinnert, dass er damals im Kornhaus aufgetreten sei und sogar an das Repertoire, das der damals noch junge Pianist zusammen mit seinem späteren Schwiegervater und bereits berühmten Geiger Josef Szigeti gespielt habe. Und das, obwohl ihn der Rezensent der lokalen Zeitung mit dem Kürzel „F. Bd.“ in seiner Kritik vom 4. März 1931, wenngleich wohlwollend, erst ganz zum Schluss bedacht hatte. Während er Szigetis Spiel ausführlich und in den höchsten Tönen lobte sowie den Geiger als „mutigen Menschen“ würdigte, „der ein wagemutiger Vorkämpfer für moderne Violinwerke geworden ist“, schrieb er über dessen Klavierbegleiter schlicht: „Am Kain-Kantator-Flügel aus dem Pianohaus Hornberger in Kempten saß als vollwertiger Partner Nikita von Magaloff. Besonders im Mozart-Violin-Konzert zeigte er sich als feinsinniger, tief schürfender Pianist.“ Woher der Rezensent das „Von“ in Magaloffs Namen nimmt, wird wohl ein Geheimnis bleiben.

"Konzertverein Kempten e.V."

Dass auch so hochkarätige PianistInnen wie Rudolf Serkin oder Li Stadelmann, die als eine der sehr wenigen – darüber hinaus renommierten – Cembalistinnen den Spitznamen „das Cembalo“ trug, berühmte SängerInnen wie Heinrich Rehkemper, Karl Erb, Maria Ivogün, Geiger wie Florizel von Reuter, Wolfgang Schneiderhahn oder Karl Brückner (der Großvater von Gidon Kremer) das Kulturleben Kemptens in den Jahren 1922 bis 1944 mit Kammermusik, vor allem Violin-, Klaviermusik und Gesang in unterschiedlichen Konstellationen, bereicherten, ist der regen Tätigkeit des am 24. Juli 1922 gegründeten „Konzertverein Kempten e.V.“ zu verdanken; und den guten Beziehungen seines Vorstands von 1925-1930, dem „Lebemann“ Alfred Kremser, der, so Krug, unter anderem mit dem Opernsänger Karl Erb „sehr befreundet war“. 

Selbst der als Komponist für Neue Musik berühmt gewordene Paul Hindemith (1895-1963), ein ebenfalls guter Freund der Familie, findet sich im Gästebuch verewigt. Auch er hatte in Kempten konzertiert und zwar mit dem Amar-Quartett, in dem er in jungen Jahren als Bratschist spielte, sein Bruder Rudolf Cello, Licco Amar die erste Geige, die zweite Walter Caspar. Zu viel mehr Text als den vier Unterschriften hatte es bei den wohl eher Noten affinen Tonkünstlern nach dem Konzert am 18. Oktober 1926 aber nicht gereicht. Das Allgäuer Tagblatt berichtete von einem „Ereignis für alle musikverständigen Kreise“.

"Stabilitätsanker" in Notzeiten

Gerade zur Zeit der Währungsreform ab 1923 sei die gut laufende Textilfabrik Kremsers für den Verein ein „Stabilitätsanker“ gewesen, denn „es gab ja kaum Hotels oder zu Essen“ damals. Das Haus seines musikinteressierten Großvaters „bot zusammen mit dem Auto alles, was die Künstler zum Wohlfühlen brauchten“, erzählt Krug: Platz zum Übernachten, „die Köchin Mathilde hat ja bestens gekocht“ und „der Whisky ist geflossen“, weiß Krug von so manch feucht-fröhlicher (heutzutage unter „After-Show-Party“ laufenden) Feier nach Konzerten. 

Es sei eben „alles sehr privilegiert“ gewesen bei der gerne auch als „Buddenbrooks von Kempten“ bezeichneten Familie, die „immer auf großem Fuß gelebt“ und in der man das Geld lieber ausgegeben, statt zur Seite gelegt habe. So war es in der auch für die Musiker elenden Zeit ein Segen, in Kempten auftreten zu dürfen und in den Genuss der Privilegien zu gelangen, wovon die Einträge im Gästebuch zeugen.

Ende 1945, wurde der als „Freund der Arbeiter“ bezeichnete Direktor der Textilfabrik „auf Druck der Amerikaner“ entlassen und starb im Jahr darauf im Alter von 68 Jahren. „Er hat alles verloren, was ihm die Möglichkeiten gegeben hatte – und vielleicht auch die Lebensfreude“, meinte Krug. Der letzte Eintrag im Gästebuch datiert am 8. Februar 1944.

Ebenfalls untrennbar mit dem klassischen Konzertleben in Kempten verbunden ist der Name des Buch- und Musikalienhändlers Albert Klein, musikbegeistertes Gründungsmitglied und des seit 1901 bestehenden Orchestervereins Kempten und Geschäftsführer des Konzertvereins Kempten, der wohl immer wieder auch als eigenständiger Konzertveranstalter aktiv war. Aber das ist, wie auch die der Rolle der Theatergemeinde, für Kemptens Kulturleben, wieder eine andere – eine eigene – Geschichte. 

Christine Tröger

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