"Gar kein Geheimbund"

Unter anderem erklären Wolfgang Böhm (Mitte), Meister vom Stuhl der Kemptener Freimaurer-Loge „Zum Hohen Licht“, erster Aufseher Markus Kaltenmeier (rechts) und zweiter Aufseher Dr. Jürgen Rogalla am Freitagabend das Wesen von Ritualen im Freimaurertum. Foto: Tröger

Preußenkönig Friedrich II. war einer; Freiherr von Knigge, der Maler Marc Chagall, Fliegerlegende Charles Lindbergh oder der Komponist Wolfgang Amadeus Mozart ebenfalls: Freimaurer. Ein Begriff, der sich gern mit Geheimniskrämerei, Ritualen oder gar undurchsichtigen Machenschaften verbindet. Viele Vorurteile, aber „eigentlich kein Wissen darüber“ stellte auch OB Dr. Ulrich Netzer (CSU) zur Eröffnung der Ausstellung „Im Geist der Aufklärung – 225 Jahre Freimaurer im Allgäu“ fest. Umso mehr begrüßte er, dass Kemptens Loge „Zum Hohen Licht“ anlässlich des Jubiläums beschlossen habe „an die Öffentlichkeit zu gehen“ und das Freimaurertum, auch durch „zahlreiche Begleitveranstaltungen“, transparenter zu machen.

Circa 45 Mitglieder zählt die Freimaurerloge „Zum Hohen Licht“ derzeit, wie Wolfgang Böhm, Meister vom Stuhl – quasi der Vorsitzende – gegenüber dem KREISBOTEN erklärte. In der Regel kämen neue Mitglieder über Internetsuche, Literatur – unter anderem seien Manns „Zauberberg“ oder Lessings „Freimaurerliteratur“ – oder auch auf Empfehlung. Den zweifelhaften Ruf der Freimaurer sah Böhm nicht zuletzt darin begründet, dass diese im Dritten Reich verfolgt worden und auch bislang kaum an die Öffentlichkeit gegangen seien. Dabei „ist es eigentlich gar kein Geheimbund“, betonte er. Nur die Rituale selbst seien geheim, da sie wegen der großen Bedeutung von Symbolen, von Außenstehenden nicht verstanden würden. Blick hinter die Kulissen Im Drei-Jahres-Turnus werden laut Böhm die Amtsträger gewählt: Der Stuhlmeister und der erste und zweite Aufseher als die drei „Hammer führenden Meister“, von denen jeder bestimmte Aufgaben zu erfüllen habe. Allerdings sind sie mit den anderen Mitgliedern gleichgestellt. So war es auch der Zeremonienmeister, der die Abendgäste hinauf in das einer „Loge“ nachempfundene Foyer im ersten Stock des Zumsteinhauses bat. Dort erhielten sie einen kleinen Einblick in das Ritualgeschehen und die Werte der Freimaurer. Ob das große Geheimnis heute auch preisgegeben werde, lautete eine Frage des Stuhlmeisters an den ersten Aufseher, Markus Kaltenmeier: „Das freimaurerische Geheimnis besteht im persönlichen Erlebnis“ und könne somit hier nicht preisgegeben werden. Auch Rituale selbst wurden angedeutet – wie das genau festgelegte entzünden der Kerzen – die dazu dienen, Verstand und Gemüt anzusprechen und eine kontemplative Atmosphäre zu schaffen. Ein kurzer Vortrag Böhms erklärte „was Freimaurerei ist“, die aus der alten Tradition der Steinmetzgilden hervorgegangen und im 18. Jahrhundert in einen philosophischen Zirkel übergegangen sei. „Das Ideal des freien Mannes von gutem Ruf“ werde auch heute noch sehr ernst genommen. „Freiheit im Denken, Toleranz und Mitmenschlichkeit“ nannte Böhm als Grundwerte, betonte aber, dass Freimaurer „weder idealisierende Schwärmer noch verbohrte Weltverbesserer“ seien. Jeder arbeite auf der Suche nach Wahrheit „vor allem an sich selbst“ und widme sich der Reflektion und Auseinandersetzung mit der Welt. Freimaurerei sei „eine Lebensschule“, die Wege offen lasse aber Möglichkeiten zeige und Impulse gebe. Humanität im Vordergrund Nicht als Hierarchie, sondern als symbolische Grade des Reifeprozesses wollte Böhm die drei Grade auf dem Weg der Freimaurer verstanden wissen: der Lehrling, der Geselle und schließlich der Meister, der „über sich und die Welt nachdenkt, ohne an ihr zu verzweifeln“. Freimaurer verstünden sich als „philosophischen-ethischen Bund“, in dessen Mittelpunkt die individuelle Entwicklung und Entfaltung des Einzelnen stehe. Jeder wirke seinem Gewissen folgend aus der freimaurerischen Haltung heraus, sei aber frei in seinen Entscheidungen und Bewer- tungen. Von der Verantwortung spreche ihn aber keine Autorität frei, denn die Freimaurerei sei weder Religion noch Religionsersatz und biete somit auch kein Erlösungsangebot. Es gehe um das konkrete Leben im Hier und Jetzt, wobei die ethische Ausrichtung im Geist der Aufklärung „heute so wichtig und notwendig wie zu Kants Zeiten“ sei. „Humanität besteht darin, dass nie ein Mensch dem Zweck geopfert wird“, stellte er mit den Worten Albert Schweizers den Wettlauf nach immer mehr und immer schneller in Frage. Der bequemen Angepasstheit setze man „das kritische Denken gegen den Mainstream, den Mut, einen eigenen Standpunkt zu vertreten“ entgegen. Das Streben nach dem Humanen zeichne „die feine Trennlinie zwischen zivilisatorischem Fortschritt und drohendem Rückfall in die Barbarei“, schloss er. „Starkes Interesse gerade von jüngerer Menschen“ an freimaurerischen Werten bekundete zweiter Aufseher Dr. Jürgen Rogalla gegenüber dem KREISBOTEN. Frauen stehe der Zugang zum eigentlich reinen Männerbund allerdings nur in wenigen Frauenlogen offen. Noch bis zum 31. Oktober jeweils donnerstags und sonntags von 10-12 und 14-16 Uhr, gibt die Ausstellung im Kemptener Zumsteinhaus noch Einblicke in die Grundideale und das Selbstverständnis des ethischen Bundes der Freimaurer.

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