Streitthema Unkrautbekämpfung

Gasbrenner sind umweltschonend, aber deshalb auch ökologisch sinnvoll?

Stehen lassen oder Beseitigen? Muss Unkraut in Pflasterfugen wie hier in der Liegnitzer Straße unbedingt mit dem Gasbrenner entfernt werden? Anwohnerin Sieglinde Seidel fordert ein Umdenken.

Kempten – Sieglinde Seidel ist verärgert. Seit 36 Jahren wohnt die ältere Dame mittlerweile mit ihrem Mann in Kempten - St. Mang.

Von klein auf hat sie nicht nur einen grünen Daumen, sondern auch eine leidenschaftliche Liebe zur Natur und zum Garten. Umso unverständlicher ist für die 80-Jährige deshalb, warum einige Mitbürger und auch die Stadt Kempten stellenweise Gasbrenner zum Abflammen von Unkraut im Bereich der Verkehrsflächen einsetzen. „Ich kann das einfach nicht verstehen, dass immer alles gleich zerstört werden muss. Das bisschen Grün in den Fugen am Straßenrand kann man doch entweder stehen lassen oder eben mit einer Unkrautharke vorsichtig aus den Pflasterfugen entfernen. Muss da gleich eine Gasflamme zum Einsatz kommen?“, fragt sich Seidel empört. 

Der Abteilungsleiter des Städtischen Bauhofs, Michael Kral, hat auf die Frage eine klare Antwort. Der Bauhof ist mit seinen Fachbereichen Straßenreinigung und Straßenunterhalt für die Unkrautbekämpfung im Bereich der Verkehrsflächen zuständig. „Wir können das Unkraut in den Fugen nicht einfach stehen lassen, weil sonst Schäden an der Straße oder am Gehweg entstehen können, die Folgen haben. Außerdem geht es hier ein Stück weit auch um optische Gründe, denn die Flächen sollen eine gepflegten Eindruck hinterlassen.“ 

Seidel hat dafür wenig Verständnis. „Ich finde einfach, dass Kempten generell keine grüne Stadt ist. Mein Mann und ich kommen viel herum und wenn ich mir im Vergleich dazu andere Städte anschaue, sind die alle viel grüner und ökologischer als Kempten. Woanders gibt es deutlich mehr Grünflachen oder etwa einen Botanischen Garten und bei uns? Wir haben hier mal einen Blumentopf stehen und da mal einen Trog und das war‘s. Das ist doch schon fast peinlich“, beklagt sie sich. Sie plädiert weiter dafür, das „bisschen Unkraut in den Fugen“ einfach stehen zu lassen und nicht in die Natur einzugreifen. Notfalls solle, wenn überhaupt, die Unkrautharke zum Einsatz kommen, aber keinesfalls ein Gasbrenner. 

Schnell und effektiv, aber nicht ungefährlich 

Gasbrenner werden nicht nur von der Stadt, sondern auch von Privatleuten vorzugsweise genutzt, um unerwünschtes Unkraut aus Pflasterfugen von Einfahrten, Gehwegen oder Terrassen zu beseitigen. Beim Abflammen kommt keine Chemie zum Einsatz, die in den Boden oder ins Grundwasser gelangen könnte. Gasbrenner gelten daher als umweltschonend und werden als wirkungsvolle mechanische Art der Unkrautbekämpfung gehandelt. Die Geräte erhitzen mit der offenen Gasflamme die Pflanzen auf bis zu 1000 Grad, wodurch die Eiweiße der Pflanzen gerinnen und die Zellen platzen. Dadurch trocknet das Unkraut anschließend aus. Bei dieser Art der Unkrautbekämpfung wird lediglich Flüssiggas verbrannt, sodass neben Wasser und Kohlendioxid in der Regel keine anderen Verbindungen entstehen. 

Der Städtische Bauhof hat aktuell fünf Gasbrenner im Einsatz. „Die setzen wir schon seit Jahren ein. Im vergangenen Jahr haben wir außerdem noch ein Heißwasserdampfgerät angeschafft, das in den Bereichen zum Einsatz kommt, in denen wir große Flächen oder Längen von Unkraut befreien müssen“, erklärt Kral. „Damit haben wir heuer zum Beispiel die Gassen in der Stiftsstadt oder Bereiche beim Hauptbahnhof bearbeitet. Gasbrenner oder auch Unkrautharken kommen bei uns immer dann zum Einsatz, wenn es sich um kleine Flächen oder Stellen in Kreuzungsbereichen handelt, wo wir mit dem Heißwasserdampfgerät eine Behinderung darstellen würden“, so Kral weiter. Beschwerden über den Einsatz der Gasbrenner wie die von Sieglinde Seidel sind ihm bislang noch nicht zu Ohren gekommen. 

„Meine Mitarbeiter wissen natürlich, dass sie mit dem Gasbrenner sorgsam umgehen müssen, vor allem bei Trockenheit und erst recht, wenn Grünflächen oder Hecken angrenzen. Wir sind uns der Gefahren bewusst und es muss sich keiner Sorgen machen, dass die Gasbrenner achtlos zum Einsatz kommen“, betont er. „Gasflamme ist aber Gasflamme“, kontert Seidel. „Das kann ich einfach nicht für gut heißen. Beim Abflammen entsteht erstens ein relativ hoher Energieverbrauch, außerdem wird Kohlendioxid freigesetzt und es werden andere Pflanzen, Würmer oder Käfer gefährdet, wenn da mit der Flamme hantiert wird“, sagt sie kopfschüttelnd. 

„In der heutigen Öko-Zeit, wo wir alle auf unseren CO2-Verbrauch achten und versuchen, möglichst im Einklang mit der Natur zu leben, braucht es doch keine Gasbrenner. Nur weil diese Teile genehmigt sind und das Unkraut schnell und effektiv beseitigen, müssen sie noch lange nicht benutzt werden“, fordert die 80-Jährige eindringlich. Sie lasse in ihrer Garageneinfahrt das Unkraut bewusst stehen. Auch in ihrem großen Garten darf sich die Natur ungehindert entfalten. Stockrosen, Malven, Sommerflieder, Mirabellen, Brombeeren oder auch Bohnen und Salat. Ihre Liebe zur Natur sticht ins Auge, wenn man das Grundstück betritt. Sie hoffe, dass sich vielleicht noch mehr Menschen in Zukunft überlegen, ob und wie sie ihr Unkraut beseitigen. „Ich will einfach einen Denkanstoß geben“, so Seidel abschließend.

Kathrin Dorsch

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