Ein Konzert für echte Fans im Innenhof der Residenz

Gasgeben mit Quattro Poly

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Für Freunde der Blasmusik gab es im Konzertreigen des Kemptener Kultursommers einen Abend mit der Bläserformation Quattro Poly.

Kempten – „Wir sind ein siebenköpfiges Ensemble Allgäuer Ursprungs mit einer musikalischen Bandbreite, die von traditionell-volkstümlicher Blasmusik bis hin zu fetzig modernen Sounds reicht, – ein blasmusikalischer Brückenschlag zwischen Tradition und Moderne. Leidenschaft für hochkarätige Blasmusik, unhaltbare Spielfreude und musikalische Experimentierfreudigkeit verbindet uns seit fast zwei Jahrzehnten und treibt uns dazu an, auf der Bühne so richtig Gas zu geben.“

So steht es im „Über Uns“ der Band auf ihrer Homepage. Dem interessierten Zuhörer, der die Band noch nicht kannte, drängen sich nach den ersten Stücken des Konzerts vom letzten Samstag im Innenhof der Kemptener Residenz noch einige andere Gedanken auf. Bin ich jetzt im Bierzelt gelandet, in einem Blasmusikwertungswettbewerb oder in der Spartennische des öffentlich-rechtlichen Rundfunks? Aber weil knapp 200 zahlende Zuschauer*innen ins Konzert gekommen sind, muss es sich wohl um mehr gehandelt haben, auch wenn einige nach den ersten Stücken aufstanden und auf Nimmerwiedersehen verschwanden. Alle anderen blieben und waren begeistert. Die ersten Stücke waren aber auch von der Art, dass der uneingeweihte und mit offenen Ohren angereiste Konzertbesucher, der natürlich das in der Regel gepflegt ausgesuchte Klecks-Programm in hoffnungsvoller Erwartungshaltung im Hinterkopf hatte, von einem zum nächsten Stück den Labrassbandahüftschwung hin zum Interessanten und Hörenswerten, zum Neuen und Unerwarteten herbeisehnte, so wie er beim letztsamstäglichen Auftritt des Leo Betzl Trios mit Leichtigkeit erfolgt war. Jedoch, an diesem Abend wollte er partout nicht kommen, der Hüftschwung. Stattdessen – traditionell-volkstümliche Blasmusik. 

Ein Brückenschlag?

Immerhin zeigten die sieben Musiker selbst dem möglicherweise notorischen Blasmusikfremdler, dass ihre Spielkünste auf den nicht eben leicht zu spielenden Blechblasinstrumenten keineswegs von schlechten Eltern waren. Die schnellen Töne, die hohen Töne und die ganz tiefen sind es, die Instrumenten wie Tuba, Baritonhorn und Posaune nicht durch bloßes Hineinblasen zu entlocken sind. Mit Georg Hiemer gab es sogar einen studierten Trompeter, und das hörte man in seinen Soli, die sich technisch auf hohem Niveau bewegten. Und Christian Grässlin gelangen auf seinem Akkordeon die willkommenen Farbtupfer im blechlastigen Sound seiner Mitstreiter. Dabei war auch er eigentlich Trompeter und hatte sich vor kurzem erst das Akkordeonspielen extra für seine Band angeeignet, wie der Schlagzeuger und Moderator der Band Stefan Braun schelmisch anmerkte. 

Aber die Stücke waren trotzdem zunächst nur die blasmusiktypischen Arrangements von Walzer, Marsch und Polka mit formelhafter, tonikadominant-reduzierter Harmonik und groove-freiem Metronomgedrumme. Deswegen für den Nicht-Liebhaber dieser Geschmacksrichtung: schwer verdaulich. Der durchschnittliche Allgäuer Matthias-Schriefl-sozialisierte-Blasmusik-Nicht-Aficionado wartete also weiterhin auf das, was man mit Blasinstrumenten normalerweise nicht so macht oder spielt. 

Wieder kein Hüftschwung

Dann endlich ein Stück mit dem verheißungsvollen und kontextsprengenden Titel „Havanna“. Jetzt kommt der Brückenschlag! – OK, schade, wieder kein Hüftschwung, aber immerhin Wucht und Power der Blechblasinstrumente in „bella figura“ und endlich ein Rhythmus ein paar Synkopen entfernt vom humta, humta, humtata. Danach wieder die pure Grausamkeit: Ein maximal Florian-Silbereisen-Trompeten-verhalltes „Concierto de Aranjuez“ mit der konsequenten Ausmerzung jeglicher melodischen und rhythmischen Feinheiten der Komposition zugunsten des tollen Effekts. Hat schon eine super Melodie, dieser zweite Satz; würde auch prima in den Musikantenstadl passen; sein Komponist drehte sich im Grabe herum, wenn er angesichts des Verhunzungspotenzials der Originalkomposition nicht bereits seit Langem nicht mehr wüßte, wo oben und unten ist. (Wer übrigens dieses Stück in einer kunstvolleren Version für Trompete hören möchte, dem sei das Miles Davis Album „Sketches of Spain“ empfohlen.) Kurz vor Schluss, der sich aufgrund der Anheizerqualitäten des Schlagzeugers ziemlich in die Länge zog, noch ein Medley mit Stücken der Megarockband vergangener Tage, Queen, die man aufgrund der enormen Transpositionsanstrengung des Arrangements für das Blechblasinstrumentarium erst mit einiger Potpourriverzögerung identifizierte. Aber wieso nicht? Freddie hat nur noch seine GEMA-Einnahmen im Sinn, über die er vom Planeten Merkur aus wacht, und für Brian May sind die alten Queen-Zeiten schon lange kalter Kaffee. Es ist ja schon so viel neue und tolle Musik die Iller heruntergeflossen, seit wir die Champions waren. Offensichtlich aber nicht in der Blasmusik, da bleibt alles beim Guten. Lieber Matthias Schriefl, zeig uns doch mal wieder, wie man auf Trompete, Tuba, Posaune und Bariton spielt, ohne dass es nach traditionell-volkstümlicher Blasmusik klingt.

Aber keine Angst! Ihr, liebe Blasmusikfreunde, seid bei diesem Konzert voll auf Eure Kosten gekommen, und für Euch, liebe Nicht-Aficionados, ein Konzerttip: Matthias Schriefl gibt sich im Rahmen dieser Kultursommer-Reihe am 5. September die Ehre. Und nächsten Samstag, 29.August, sind erst einmal „Ladies First“ an der Reihe. Nähere Infos und Kartenreservierungen im Internet gibt es hier.

Jürgen Kus

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