Gegen das Vergessen

Gedenken: Stadtjugendring Kempten »beleuchtet« Reichspogromnacht

Reichsprogromnacht 2021 Kempten Hildegardplatz Gebäude Commerzbank Willy Wirthgen
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Mit den Projektionen wurde unter anderen Willy Wirthgen gedacht. Ab 1928 arbeitete er in Kempten als Polsterer und Tapezierer. Und nach dem Besuch der Reichsparteischule der KPD „Rosa Luxemburg“ in Fichtenau bei Berlin wurde er 1931 Agitprop-Leiter in Kempten und Vorsitzender des dortigen Erwerbslosenausschusses. Wikipedia zufolge produzierte er im März und April 1933 zwei illegale Ausgaben der KPD-Zeitung „Kempter Mosaik“ in einer Sennhütte auf dem Grünten. Danach wurde er denunziert und im April verhaftet, aber wieder freigelassen. Wegen defätistischer Äußerungen gegenüber Freunden im Treppenhaus, welche von der Vermieterin denunziert wurden, wurde er zum Tode durch Erschießen verurteilt.
  • VonJörg Spielberg
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Kempten – Mit einer Videoprojektion erinnert der Stadtjugendring Kempten an die Reichsprogromnacht und die Judenvernichtung in der NS-Zeit.

Sigmund Ullmann war langjähriger Vorsitzender der kleinen Jüdischen Gemeinde in Kempten.
Eine 3-D-Videoprojektion setzte das Commerzbankgebäude am Residenzplatz „in Brand“. Auf diese Weise wurde die Shoah in der NS-Zeit wortwörtlich „beleuchtet“.

Wenngleich Kempten in seiner Geschichte vor der NS-Zeit über keine große jüdische Gemeinde verfügte, so wurden doch auch hier die wenigen jüdischen Mitmenschen während der NS-Zeit drangsaliert, separiert und deportiert. Rund 50 jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger lebten in Kempten vor Beginn der NS-Herrschaft, wie sich der Vorsitzende der Initiative „Stolpersteine für Kempten und Umgebung e.V.“ Martin Huss erinnert.

Auf Einladung des Stadtjugendrings beteiligte sich der Verein heuer auch an der Gedenkveranstaltung für die Opfer der NS-Zeit, just an dem Tag, an dem sich die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 zum 83. Mal jährte.

Damals wurden in Deutschland rund 1.400 Synagogen zerstört und Geschäfte jüdischer Mitbürger geplündert und verwüstet.

3D-Videoprojektion

Rund 200 Kemptener Bürgerinnen und Bürger, darunter viele junge Leute, fanden sich am Dienstagabend am Residenzplatz vor dem Commerzbankgebäude ein, wo eine vom Stadtjugendring initiierte Gedenkfeier für die Opfer des Faschismus veranstaltet wurde. Dabei wollte man in diesem Jahr bewusst neue Wege gehen und über das stille Gedenken hinaus mit einer aufwendigen 3-D-Videoprojektion auf die Stirnseite des Commerzbankgebäudes an die Verbrechen der Nazizeit und des Holocaust erinnern.

So wurden das Commerzbankgebäude, in dem sich 1938 im ersten Stock ein jüdischer Gebetsraum befand, videotechnisch in Flammen gesetzt und akustisch dessen Scheiben zerschlagen. Wortwörtlich wurde so die NS-Zeit „beleuchtet“. Im Anschluss wurden die Besucher mit einem Dokumentarfilm über das Schicksal der jüdischen Mitmenschen in Deutschland und im Speziellen in Kempten informiert. Medial umgesetzt wurde die 3-D-Videoproduktion von Christian Seitz und Vanessa Menke, das inhaltliche Konzept stammte von SJR-Geschäftsführer Alexander Haag.

Erinnerung wachhalten

Die Gedenkworte am Abend sprachen SJR-Vorsitzender Thomas Wilhelm, Kemptens 2. Bürgermeister Klaus Knoll und Martin Huss, Vorsitzender des Vereins „Stolpersteine e.V.“. Allen war es wichtig zu betonen, die Erinnerung an die Untaten des Faschismus wachzuhalten, insbesondere in einer Zeit, in der es immer weniger Zeitzeugen gibt, die Erinnerungen an die dunkelsten Zeiten zu verblassen drohen und Anhänger rechtsradikaler Ideologien vermehrt in der Öffentlichkeit auftreten.

Thomas Wilhelm bedankte sich bei der Commerzbank, der Polizei in Kempten und den Mitwirkenden des SJR, bevor er gemeinsam mit Bürgermeister Knoll und Martin Huss im Namen der Stadt Kempten einen Kranz am Commerzbankgebäude niederlegte. Im Anschluss an die Versammlung begab man sich in drei Gruppen zu in Kempten eingesetzten Stolpersteinen, um dort mit einer Kerze in der Hand stellvertretend für alle Deportierten ehemaligen Kemptener Mitbürgerinnen und Mitbürgern zu gedenken.

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