"Verantwortung statt Eigenmacht"

Gedenkfeier für die Opfer des Iller-Unglücks von 1957

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Vizeadmiral und stellvertr. Generalinspekteur der Bundeswehr Joachim Rühle erinnerte an die Opfer des Iller-Unglücks, aber auch an die hohe Verantwortung von Vorgesetzten im Dienst der Bundeswehr.

Kempten/Hirschdorf – Es ist ein beschaulicher Platz an der Iller nördlich von Hirschdorf. Fahrradtouristen fahren gemächlich auf dem Illerradweg entlang und aus den sonnenbeschienenen Baumkronen, deren Blätter leise im Wind rascheln, erklingt das Zwitschern der Vögel.

Heute stehen an diesem Ort rund 200 Menschen, viele von ihnen Angehörige der Bundeswehr. Für die Älteren von ihnen sind Stühle aufgestellt. Nichts erinnert an diesem schönen Frühlingstag noch an die Tragödie, die sich just an dieser Stelle vor 62 Jahren am 3. Juni ereignet hat. Im Jahr 1957 kamen insgesamt 28 Rekruten des Luftlandejägerbataillons 19 der Prinz-Franz-Kaserne von einer Infanteriegefechtsausbildung zurück, die vom Stabsoberjäger Dieter Julitz geführt wurde. 

Eigentlich sollte der Zug vom Stabsoberjäger Josef Schäffler geführt werden, doch war dieser an diesem Tag krankgeschrieben. Bei Hirschdorf sollten die Rekruten in voller Ausrüstung die Iller an einer 50 Meter breiten Stelle mit stellenweise 1,30 Meter Wassertiefe queren. Dabei wurden sie vom kriegserfahrenen Stabsoberjäger Schäffler von einer Brücke aus beobachtet. Als erster betrat Stabsoberjäger Dieter Julitz die Iller, die 28 Rekruten folgten ihm. Da der Fluss zu diesem Zeitpunkt Hochwasser führte, misslang das Vorhaben. Das reißende, eiskalte Wasser riss allen Rekruten die Füße unter dem Körper fort. 19 Soldaten wurden weggeschwemmt, nur vier konnten sich retten. 

Für 15 Rekruten bedeutete die Querung in voller Montur den sicheren Tod, sie ertranken sofort in den Fluten und wurden weggeschwemmt. Später stellte sich heraus, dass die Durchquerung der Iller weder durch Dienstplan noch durch Sicherheitsvorkehrungen abgesichert gewesen war. Die juristische Aufbereitung des Falls verlief in den Anfangsjahren der Bundeswehr gemäß der Weisheit: Wenn zwei verantwortlich sind, ist niemand verantwortlich. 

Hoher Besuch 

Seither gedenkt die Bundeswehr gemeinsam mit der Stadt Kempten jährlich an dieser Stelle der verunglückten Soldaten. Bis auf den heutigen Tag ist es das verlustreichste Unglück dieser Art für die Bundeswehr. Als Konsequenz der Tragödie wurde am 18. Oktober 1957 das „Soldatenhilfswerk der Bundeswehr“ gegründet. Heute kümmert sich das Hilfswerk vielfach um Bundeswehrangehörige, die in Auslandseinsätzen Schaden nehmen. Zur diesjährigen Gedenkfeier trafen sich rund 200 Bundeswehrangehörige, Angehörige der Opfer, Vertreter der Stadt Kempten und drei Überlebende am Ehrenmal für die Verunglückten am Ufer der Iller. Oberstleutnant Udo Franke begrüßte unter den Gästen unter anderen Oberstleutnant a.D. und Geschäftsführer des Soldatenhilfswerks Hans-Michael Ketterle, den General der Infanterie und Kommandeur des Ausbildungszentrums Infanterie Michael Matz und den Geschäftsführer des Volksbundes der Kriegsgräberfürsorge Sebastian Weilbach. 

Macht mit Verantwortung 

Als Redner trat Vizeadmiral und stellvertretender Generalinspekteur der Bundeswehr Joachim Rühle ans Pult, das vor das Ehrenmal gestellt wurde. Er betonte, „dass die Erinnerung an das Iller-Unglück eine tiefe Mahnung an die Verantwortung der Vorgesetzten der Bundeswehr ist und zugleich ein Zeugnis für Kameradschaft darstellt“. Der Tod der 15 Wehrpflichtigen im Alter von 20 Jahren sei ein immerwährendes Erinnern daran, welche Verantwortung Vorgesetzte sowohl bei der Ausbildung von Rekruten als auch bei Soldatinnen und Soldaten im Auslandseinsatz tragen würden. Rühle: „Ich bin froh, heute mit drei Überlebenden gesprochen zu haben.“ Oberbürgermeister Thomas Kiechle betonte, dass das jährliche Gedenken am Ehrenmal in Hirschdorf zwar nicht mehr im Zeichen der Anklage und Schuldzuweisungen stünde, wohl aber eine stete Mahnung an die Verantwortung sei, die Vorgesetzte im Militär und vergleichbaren Einrichtungen tragen. Der tragische Tod der jungen Rekruten solle heute ein Zeichen für ein rücksichtsvolleres Miteinander sein. Im Anschluss an die Reden trug die evangelische Militärpfarrerin Haike Ranke ein Gebet vor, es wurden Kränze am Ehrenmal abgelegt und es erklangen Salutschüsse. 


Jörg Spielberg

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