Was ist denn mit dem Haselstrauch?

Gefällte Äste und Holzraspeln im Garten verraten Mitbewohner

Ein eindeutiger Hinweis auf
 den Biber sind die angespitzten
 Äste.
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Ein eindeutiger Hinweis auf den Biber sind die angespitzten Äste.

Ermengerst – Viele herumliegende Äste entdeckte eine Frau aus Ermengerst überrascht Anfang März in ihrem Garten und einem dazugehörigen Bachlauf. Mit Holzraspeln ganz übersät war die schneebedeckte Wiese vor dem Haselnussstrauch. Zuerst konnte sich die Dame keinen Reim darauf machen. Erst die Fotos einer eigens angebrachten Wildkamera lösten das Rätsel auf. Ein Biber hatte Einzug gehalten.

In der Dunkelheit leuchtet ein neugieriges Augenpaar. Ein kleiner Biber mit dichtem, pelzigem Fell sitzt in einem Wasserrohr und beobachtet aufmerksam die Umgebung. Aber dieses ruhige Verweilen dauert nicht lange. Immer wieder marschiert das kleine Nagetier zu dem Haselnussstrauch, benagt eifrig die Äste mit seinen Schneidezähnen, zerkleinert die Hölzer und transportiert sie mit seinen Vorderfüßen zum Bach. Zentraler Mittelpunkt seiner emsigen Aktivitäten ist das Wasserrohr. Doch der eigentliche Biberbau ist schlichtweg als solcher nicht erkennbar. Der neue Bewohner zeigt sich auf den Fotos nicht nur als fleißiger Arbeiter, er nimmt sich auch Zeit, sich ausgiebig zu putzen. 

Der Ermengerster Biber gehört zur Gattung der zweitgrößten lebenden Nagetiere der Welt. Der Europäische Biber, auch Eurasischer Biber genannt, ist in Europa besonders geschützt. Er hat einen spindelförmigen Körper mit einem breiten abgeplatteten, mit lederartiger Haut bedeckten und unbehaarten Schwanz, auch Kelle genannt. Die Kelle dient als Steuer beim Abtauchen und reguliert die Körpertemperatur. Für ein Leben im Wasser hat er zwischen den Zehen Schwimmhäute. Der Biber kann rund 18 Kilogramm schwer werden. Er bewohnt Gewässer und deren Uferbereiche. Durch seine Lebensweise hinterlässt er charakteristische Spuren. Eine eindeutige „Fraßspur“ zeigt sich beispielsweise an Gehölzen.

In einer Frühlingsnacht fängt die Wildkamera den fleißigen Nachtarbeiter ein.

Mit seinen Schneidezähnen fällt er Bäume, um an höher wachsende Äste und junge Triebe zu gelangen. Auch Pflanzen, wie Kräuter, Blätter und die Rinde von Bäumen schmecken ihm. Er bevorzugt weiche Hölzer, wie Weiden und Pappeln, doch auch härtere Bäume bleiben nicht verschont. Der Biber ist das ganze Jahr über auf Nahrungssuche, weil er keinen Winterschlaf hält. Sein bevorzugtes Revier befindet sich meist in Gewässernähe.

Die gefällten Bäume und Äste zerkleinert das Nagetier und baut damit in kleineren Gewässern Biberdämme, um den Wasserstand zu erhöhen und so die Umgebung „bibergerecht“ zu gestalten. Denn der Eingang zum Biberbau befindet sich meistens unter Wasser, direkt am Ufer und kann mit Ästen abgedeckt sein. Von dort geht es in den trockenen, höher liegenden Wohnraum, den sogenannten „Wohnkessel“. Lockeres und nicht zu steiniges Erdreich eignet sich besonders für die unterirdische Behausung. Auch nutzt der Biber – ein guter Schwimmer, das Wasser für den Transport von Nahrung und Baumaterial. Als Fußgänger ist er eher weniger unterwegs. 

Die Biberaugen leuchten im Bild der Nachtkamera.

Der dämmerungs- und nachtaktive Biber ist ein eifriger Arbeiter. Die zerkleinerten Äste und Bäume verwendet er auch, um neue Kanäle in den angrenzenden Flächen anzulegen. Die so entstehenden Biberteiche fördern Artenreichtum und Biodiversität, sie verändern die Ökologie in dieser Umgebung nachhaltig. Durch die zahlreich gefällten Bäume wird die Umgebung lichter und mehr von Sonne durchflutet. Die Vegetation wird reicher. Es können sich Sumpf- und Unterwasserpflanzen vermehren. Die verlangsamte Fließgeschwindigkeit der Gewässer begünstigt die Ansiedelung neuer Tier- und Pflanzenarten. Es entsteht neuer Lebensraum für Fische, Insekten, Amphibien- und Libellenarten.

Doch nicht nur in Ermengerst sind mittlerweile Biber heimisch. Auch am Ufer der Iller, am Öschle- und Grüntensee und sogar mitten in der Stadt Kempten, am Schwabelsberger Weiher, zeugen gefällte Bäume, die typischen Holzraspeln und kleine Dämme, abgedeckt mit Zweigen und Ästen, von Biberbehausungen.

Christine Reder

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