Gegen das Alleingelassensein

Groß war am Samstag das Interesse der Bürger am fünften Allgäuer Selbsthilfetag am Klinikum Kempten. An zahlreichen Ständen konnten sich die Besucher informieren. Foto: Kampfrath

Diagnostiziert der Arzt eine schwere Krankheit, ist dies für die Betroffenen ein herber Schicksalsschlag. Viele fühlen sich dann alleingelassen. In diesem Fall bieten Selbsthilfegruppen Unterstützung. Sie dienen dem Austausch von Informationen und Erfahrungen. Am Samstag fand im Klinikum Kempten in der Robert-Weixler-Straße der fünfte Allgäuer Selbsthilfetag statt.

Dichtes Gedränge herrschte im Eingangsbereich des Krankenhauses. 17 Stände verschiedener Vereinigungen waren aufgebaut. Dazu gehörten der Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe, die Selbsthilfegruppe für Adipositas (Fettsucht) Kempten, die Deutsche Rheuma-Liga, die Bayerische Krebsgesellschaft, die Deutsche Parkinson Vereinigung, die Selbsthilfegruppe „Allgäu“ für Blasenkrebserkrankte und andere Vereine zur Selbsthilfe. Mit Flyern und Broschüren informierten sie über die betreffenden Krankheitsbilder. So erfuhr der Besucher am Stand der Mukoviszidose-Selbsthilfegruppe „Allgäu“, dass sich die Stoffwechselerkrankung durch immer wiederkehrenden Husten, häufige Infekte der Atemwege und verstärkte Schweißneigung äußert. Im Flyer der Selbsthilfegruppe Schlafapnoe-Schnarchen lasen Interessierte, dass Atempausen im Schlaf, häufiges Erwachen in der Nacht und Albträume zu den Symptomen der Krankheit zählen. Wichtiges Selbsthilfebüro Während der Eröffnung sagte Edith Hersping, Sprecherin des Arbeitskreises der Selbsthilfegruppen Kempten und Oberallgäu, zu OB Dr. Ulrich Netzer (CSU): „Danke, dass Sie uns beschirmen.“ Vor zwei Jahren hätten die Städte Kempten und Augsburg vereinbart, ein Selbsthilfebüro zu installieren. Dies berichtete Christiane Dehne von der Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen am Gesundheitsamt Augsburg. „Ich werde ab 1. Juni dazu beitragen, dass das Selbsthilfebüro länger geöffnet ist“, erklärte die Diplomsozialarbeiterin Cornelia Beyrer. Ihm als Schirmherr und Oberbürgermeister liege die Betroffenheit am Herzen, verdeutlichte Netzer. „Wir haben mit dem Selbsthilfebüro gute Rahmenbedingungen in der Stadt. Aber das Eigentliche tun Sie.“ Aus den Gruppen könne man konkrete Hilfen, aber auch Mut ziehen. Netzer wünschte alle „diesen Blick nach vorne“. Laut Dr. Herbert Müller, ärztlicher Direktor des Klinikums Kempten, ist sowohl vom Wissenstransfer als auch von der Netzwerkbildung her enorm viel entstanden. „Die Selbsthilfegruppen haben auch für die Medizin vieles geleistet.“ Zum Programm des Selbsthilfetags gehörten auch vier Vorträge. Dr. Peter Scholze von der Kassenärztlichen Vereinigung München beschäftigte sich mit der Frage, wie Selbsthilfe im direkten Kontakt zwischen Arzt und Patienten wirkt. Bei einem Workshop habe sich herausgestellt, dass Ärzte oft wenig Empathie gegenüber den Patienten zeigen. Auf der anderen Seite gebe es auch positive Erfahrungen, wie dass manche Ärzte immer für den Patienten da seien. „Patienten wünschen sich mehr Wissen über ihre Rechte und mehr Klarheit über ihren Leistungsanspruch bei der gesetzlichen Krankenversicherung. Sie empfinden sich immer weniger als passive Objekte“, so der Internist. Mehr Selbstreflexion Leiter von Selbsthilfekontaktstellen wünschten sich eine gute Öffentlichkeitsarbeit und die Präsens im Klinikum. Allerdings gebe es wenig junge Menschen in Selbsthilfegruppen. Moralische Appelle an die Ärzte nützten nichts, um die Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen zu verbessern. „Wir wollen die Mediziner zur Selbstreflexion anregen und das partnerschaftliche Patienten zu den Patienten fördern“, erklärte Scholze. Kommunikation und problemorientiertes Handeln seien nun wichtiger Teil des Medizinstudiums. Patienten sollten alle therapeutischen Optionen gezeigt werden, um dann gemeinsam zu entscheiden. „Aber auch der Patient sollte auf das Gespräch mit dem Arzt gut vorbereitet sein. So sollte er seine Medikamente kennen und sich Fragen aufschreiben.“ Selbsthilfegruppen seien vor allem für Betroffene und Angehörige wichtig, die sich allein gelassen fühlen. Laut Scholze haben Selbsthilfegruppen die wichtige Funktion vor falschen Therapien zu warnen. Professor Dr. Ricardo Felberbaum sprach über die Integration der Selbsthilfe in die Behandlung des Brustkrebses. Möglicherweise müssten Selbsthilfegruppen künftig den Weg der sozialen Netzwerke im Internet gehen. Der ärztliche Leiter des Interdisziplinären Brustzentrums Kempten-Allgäu (IBZK-A) zeigte ein Bild seiner Mutter. Die Opernsängerin hatte eines Tages furchtbare Rückenschmerzen. Die Röntgenbilder offenbarten viele Metastasen in der Wirbelsäule. Die Ärzte entdecken einen mandarinengroßen Tumor in der Brust. Zwei Jahre später verstarb die Frau. „Eine Selbsthilfegruppe hätte ihr und meinem Vater sehr gut getan.“ Jede zehnte Frau erkranke an Brustkrebs, der als Volkskrankheit anerkannt sei. „Vor zehn Jahren herrschte noch eine Fehlversorgung wegen der mangelnden Koordination zwischen den Versorgungsebenen“, erläuterte der Gynäkologe. Je größer eine Klinik sei, umso größer sei die Überlebensrate und die Wahrscheinlichkeit, dass die Brust bei der Operation erhalten bleibe. Selbsthilfegruppe verbreiteten diese Erkenntnisse. Felberbaum schilderte die Situation in Kempten. Er lobte die problemlose Zusammenarbeit mit dem Mammografiescreening Schwaben-Süd. Persönliche Gespräche Zweimal monatlich biete Edith Hersping ein persönliches Gespräch mit den Betroffenen an. „78 Prozent der Patientinnen nehmen ein psychoonkologisches Gespräch mit der Diplom-Psychologin Susann Dix wahr“, so Felberbaum. Dreimal pro Woche gebe es eine interdisziplinäre präoperative Tumorkonferenz im Klinikum. „Wir haben etwa 220 bis 250 Behandlungen im Jahr.“ Die Früherkennung sei ihm ein großes Anliegen. „In den USA hat sich das Bild der Selbsthilfegruppe zum Bild der Gruppe von Überlebenden gewandelt.“ Felberbaum lobte prominente Frauen wie Sylvie van der Vaart, die mit ihrer Brust- krebserkrankung in die Öffentlichkeit gehen. Die Mortalitätsrate gehe zwar stetig zurück, aber es sei trotzdem eine schwere Erkrankung, an der 25 Prozent sterben. „Selbsthilfe heißt auch, sich jede Form der Unterstützung zu holen“, betonte Edith Hersping. Durch die Psychoonkologie sei die Zahl der Anmeldungen für Selbsthilfegruppen zurückgegangen. „Sie ist aber nicht unbedingt ein Ersatz für die Selbsthilfe. Denn es handelt sich um eine andere Form der Zuwendung.“ Als Ergänzung zur Selbsthilfe sei die Psychoonkologie aber unbedingt notwendig.

Meistgelesen

Babys der Woche im Klinikum Kempten
Babys der Woche im Klinikum Kempten
Shawn James im "mySkylounge"
Shawn James im "mySkylounge"
Humanitäre Ziele statt Weltherrschaft
Humanitäre Ziele statt Weltherrschaft
EEG ein "teurer Irrweg!"
EEG ein "teurer Irrweg!"

Kommentare