Gegen das Vergessen

Gedenkveranstaltung vor den deutsch-französischen Tafeln an der Allgäuhalle

+
Ernst Grube rief auf, die Gräuel des zweiten Weltkrieges nicht zu vergessen. Der Präsident der Lagergemeinschaft Dachau hat das Konzentrationslager Theresienstadt überlebt.

Kempten – „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus“ – mit diesen Worten eröffnete Gisela May, Sprecherin der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und des Bundesverbands der Antifaschistinnen und Antifaschisten Allgäu (VVN-BdA Allgäu) letzten Donnerstag eine Gedenkveranstaltung vor den deutsch-französischen Gedenktafeln an der Allgäuhalle. Die Gedenkfeier fand in Erinnerung an die vielen hunderttausend Menschen, die in Konzentrationslagern, Vernichtungslagern und Zuchthäusern eingesperrt waren, statt. Als Gastredner waren Ernst Grube, Vorsitzender des Lagerkomitees Dachau, Ilknur Altan, Integrationsbeauftragte der Stadt Kempten und Stefan Prause, Partnerstädtebeauftragter der Stadt Kempten eingeladen.

Die VVN ist die älteste antifaschistische Organisation, sagte Gisela May. Sie wurde 1945 von ehemaligen KZ-Häftlingen gegründet. Ein wesentlicher Schwerpunkt der Vereinigung ist die Geschichtsaufarbeitung von 1933 bis 1945, „damit die Geschichte nicht in Vergessenheit gerät“, erklärte May. Die Gedenkfeier sei angelehnt an den Jahrestag des 8. Mai 1945, an dem in vielen europäischen Ländern an den Sieg über den Faschismus und die Befreiung aus dem menschenverachtenden System der nationalistischen Gewaltherrschaft gedacht wird. 

Die Gastrednerin Ilknur Altan überbrachte die Grüße des OB Thomas Kiechle. Sie gedachte den Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen, die unter unmenschlichen Bedingungen für die Kriegsmaschinerie der Nazis ihre Freiheit verloren. Auch heute machen sich wieder Holocaustleugner, Verfassungsfeinde und Rassisten in der Politik breit und verbreiten ihre menschenverachtenden Ansichten, klagte die Integrationsbeauftragte. Sie forderte, die Stimme zu erheben gegen Rassismus, Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit. Sie rief zu mehr Toleranz, Menschenfreundlichkeit, Engagement für die Demokratie und ein diskriminierungsfreies Zusammenleben auf. 

„Diese Gedenkfeier ist eine wichtige Veranstaltung“, sagte Stefan Prause, denn sie unterstütze die Erinnerungskultur. Insbesondere von jungen Menschen kommen Sätze wie „das war vor meiner Zeit“ oder „wir haben die Zwangsarbeiter gut bezahlt“, so Prause. Er erinnerte an eine Kundgebung 1932 vor der Allgäuhalle. Adolf Hitler sprach vor rund 20.000 bis 30.000 Menschen aus dem ganzen Allgäu, die ihm zujubelten. Es gab zu wenig aktiven und passiven Widerstand, so der Partnerstädtebeauftragte. Gefangene aus Frankreich wurden hier in Kempten zu Tode geschunden, und als sie nicht mehr konnten, wieder zurück nach Dachau verlegt, wo sie starben. 

Seit 1971 gibt es eine Städtepartnerschaft zwischen St. Mang mit Quiberon in Frankreich, die als ein Zeichen des Friedens, des Dialogs und der Versöhnung, gegen Rechtsradikalismus und Intoleranz jeglicher Form entstanden sei, so Stefan Prause. Mit der Gebietsreform 1972 übernahm Kempten die Partnerschaft. Prause wünschte sich für die Zukunft einen weiteren Ausbau der Städtepartnerschaften, um Vorurteile und Ängste abzubauen. 

Der Aufbau eines Dokumentationszentrums in der Allgäuhalle würde die Erinnerungskultur in Kempten seiner Meinung nach verbessern. Abschließend rief er zu mehr Zivilcourage auf, um die Rechte der Schwachen und Minderheiten bei uns im Lande zu schützen. 

Einer der letzten Zeitzeugen, Ernst Grube, Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau e.V. hatte als Jugendlicher das Konzentrationslager Theresienstadt überlebt, in das er im Januar 1945 gebracht worden war. Er erinnerte an die vielen Menschen, die in der Region als Zwangsarbeiter in den Außenlagern des KZ Dachaus unter unmenschlichen Bedingungen für die NS-Kriegsmaschinerie gegen das eigene Land und gegen die eigene Familie für die Aufrechterhaltung der deutschen Kriegsführung arbeiten mussten. 

Für die Misshandlungen, die gezielte Unterernährung und Tötung der Menschen haben sich bis heute weder deutsche Unternehmer noch Profiteure öffentlich entschuldigt, so Ernst Grube. Widerwillig und erst Jahre später sei eine Minderheit der Zwangsarbeiter entschädigt worden. 

Nach 1945 habe es einen breiten Konsens gegeben – nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus, nie wieder Verletzung der Menschenrechte und der Würde, nie wieder Rassismus und Rüstungsproduktion in Deutschland, schilderte Grube. Doch heute scheinen diese Errungenschaften immer weniger Bestand zu haben. Menschen in der Bundesrepublik werden wieder angegriffen und bedroht, antisemitische Hetze und Rassismus machen sich breit, auch in der Politik, klagte Ernst Grube an. „Flüchtlinge werden durch Abschiebung in die Verzweiflung getrieben und in Kriegsgebiete zurücktransportiert.“ So forderte er eine Friedenspolitik mit Abrüstung und eine verantwortungsvolle Erinnerung gegen das Vergessen. 

„Die Errungenschaft der Befreiung vom Faschismus dürfe nicht preisgegeben werden.“ In Gedenken an die vielen KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter zündeten die Anwesenden Kerzen vor den deutsch-französischen Gedenktafeln an. „Nie wieder Krieg – Nie wieder Faschismus“. Die Veranstaltung wurde musikalisch durch die Gruppe Veto begleitet.

Christine Reder

Auch interessant

Meistgelesen

Hallo Kempten! Wir sind die neuen Babys!
Hallo Kempten! Wir sind die neuen Babys!
Mailänder Marionettentheater versprüht mit Händels "Rinaldo" Charme und barocken Glanz
Mailänder Marionettentheater versprüht mit Händels "Rinaldo" Charme und barocken Glanz
Fotostrecke: Mailänder Marionettentheater spielt Rinaldo in Kempten
Fotostrecke: Mailänder Marionettentheater spielt Rinaldo in Kempten
Landratskandidat des BürgerBündnis Oberallgäu, Peter Rist, geht mit Ambitionen in den Wahlkampf
Landratskandidat des BürgerBündnis Oberallgäu, Peter Rist, geht mit Ambitionen in den Wahlkampf

Kommentare