Gehobener Boulevard

Intellekt trifft auf „Bauch“ – und wenn die Protagonisten sich eine gemeinsame Wohnung teilen und auch sonst vor Gegensätzen nur so strotzen, dann kann es durchaus zu Irrungen und Wirrungen vor allem der Gefühle kommen. Nach dem Bestseller „Zusammen ist man weniger allein“ von Anna Gavalda hat Regisseur Stefan Zimmermann die turbulente „Komödie des ganz gehobenen Boulevards“, wie er meinte, in Uraufführung auf die Bühne des TheaterInKempten gebracht.

Da ist der verarmte adelige Philibert (Lutz Bembenneck), sicher in der Welt der Historie, aber unsicher im Umgang mit Menschen, bei dem er schnell ins Stottern gerät. Die eingespielte Männer-WG mit dem Koch Franck (Ottokar Lehrner), der sich mehr für Frauen und Motorräder interessiert, gerät aus dem Gleichgewicht, als die magersüchtige Putzfrau Camille (Silvia Seidel), eine eigentlich geniale Zeichnerin, dazu stößt. Mit auch mal fliegenden Fetzen raufen sich die eher als Einzelkämpfer erprobten Anti-Vorzeige-Karrieristen zusammen und merken im Lauf der Zeit, wie sehr sie einander brauchen. Mehr als ihnen zunächst lieb ist, helfen sie sich gegenseitig durch ihre ganz persönlichen Traumata und omnipräsenten Lebensthemen wie Liebe, Ängste, Einsamkeit, Nähe, schwierige Familienbande, Alter oder auch Freiheit und deren Verlust. Letzteres muss Francks geliebte, von Autoritäten frisch ins Altersheim verfrachtete „Omi“ Paulette (Ursula Dirichs) schmerzlich erleben, bis sie in Camille eine Freundin findet und in der WG aufgenommen wird. Anrührend die Szene, in der Paulette sich dafür entschuldigt, dass Camille ihren alten, sicher abstoßenden Körper waschen muss, worauf diese sich von Paulette waschen lässt und damit den einseitigen Intimitätsverlust ausgleicht. Zäher Einstieg Gelegentlich etwas monoton und schleppend gerieten die dialogschwangeren Szenen der Annäherung im ersten Teil. Auch das Spiel der Akteure mutete darin streckenweise leicht hölzern an, wogegen Silvia Seidels langjährige Ballettausbildung auch auf der Theaterbühne durch kraftvolle Bewegungen zum Ausdruck kam. Deutlich mehr Lebendigkeit und erfrischende Bühnenpräsenz – sicher auch dramaturgisch bedingt – zeigten die Akteure dafür nach der Pause. Gab Paulettes Einzug den WG-Bewohnern doch schlussendlich das befreiende und lange so schmerzlich vermisste Gefühl familiärer Zusammengehörigkeit. Ein Happy-End für die vier charmanten Vernunft- und Gefühlsmenschen, in ihrem Versuch den Stürmen des Lebens zu trotzen und dabei ihren Idealen treu zu bleiben. Dafür gab es lang anhaltenden Applaus.

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