Gelungene "Einverleibung"

Wie reich die Historien der vor 40 Jahren eingemeindeten Kemptener Stadtteile St.-Mang und Lenzfried sind, vermittelte Stadtarchivar Dr. Franz-Rasso Böck in einem kurzweiligen Vortrag. Foto: Tröger

Über ganze sieben Jahrzehnte lang hätten Kemptener Oberbürgermeister „versucht, sich St.-Mang einzuverleiben“, begrüßte Silvia Rupp, Vorsitzende des CSU-Ortsverbandes Kempten St.-Mang, zahlreiche Gäste im St.-Manger Bürgertreff „Zur Frohen Aussicht“. „Am 1. Juli 1972 wurde die Gemeinde St.-Mang aufgelöst und Stadtteil von Kempten“, übergab sie das Wort an Stadtarchivar Dr. Franz-Rasso Böck für einen Streifzug durch die Geschichte von St.- Mang und Lenzfried.

Beide Stadtteile sind Stellvertreter für die zwei wesentlichen Bestandteile der vor der Gebietsreform einst politisch selbständigen Gemeinde St.- Mang: katholisch geprägt der Norden mit Lenzfried, Leubas und Ursulasried; bevölkerungsreich der Süden und heutige Stadtteil St.-Mang mit Kottern, Schelldorf, Drahtzug, Oberwies, Oberösch und der Ludwigshöhe. 93 Prozent der St.- Manger hatten sich laut Rupp im Vorfeld gegen die Eingemeindung ausgesprochen. Wie groß der Druck für Kempten gewesen sein muss, die Entwicklungsmöglichkeiten der Stadt zu sichern, machten die ergiebigen Aufzeichnungen des von 1919-1942 amtierenden Stadtoberhauptes Dr. Otto Merkt klar. Wie Stadtarchivar Böck zitierte, waren diesem der fehlende Stadtrand oder mangelnde Ausbaumöglichkeiten des Straßen- sowie Kanalnetzes ein Dorn im Auge; es „fehlt billiges Siedlungsgelände für die nächsten Generationen“ und „die Stadt kann keinen Flugplatz, keine Sportplätze anlegen, weil im Stadtgebiet der Raum dazu fehlt“. Gute Argumente Zugleich wies Alt-OB Merkt auf den nicht minder verhängnisvollen Zustand für das Land hin, mit gerademal „Kirche, Friedhof, Volksschule“. Ein Dorf St.-Mang habe es zudem gar nicht gegeben, sondern es gehe um den „alten Pfarrsprengel der Kirche St.-Mang in Kempten“. Merkt jedenfalls mangelte es wohl nicht an guten Argumenten für eine Einverleibung der mit Kempten wirtschaftlich „nicht nur eng verbandelten, sondern geradezu verfilzten“ Gemeinde. Die Verwirklichung seines Traumes gelang freilich erst unter Kemptens Oberbürgermeister Dr. Josef Höß und dem letzten Bürgermeister der Gemeinde St.-Mang, Ludwig Jaud. Böck spannte den Bogen vom Start der eigenständigen Gemeinde anno 1818, erzählte von den „ausgeprägt ‚roten’ Vierteln Kottern und Neudorf sowie ihrem Gegenpol Schelldorf, „wo Bauern, Bahnbedienstete und Handwerker zuhause waren“, streifte die bis 1386 zurückreichende Geschichte des Drahtzuges, berichtete von der Spinnerei und Weberei Kempten in der Rosenau und sparte auch unerfreuliche Themen nicht aus: Den Bau des KZ in Weidach 1943, in dem 750 Häftlinge untergebracht waren – aus dem KZ Dachau ins Allgäu verlegte Arbeitskräfte für die Produktion von Messerschmitt-Flugzeugteilen, wofür die Spinnerei und Weberei Kottern Platz zur Verfügung stellen musste. „Am 18. Juli 1944 legten alliierte Bomber die Spinnerei und Weberei in Schutt und Asche“, bemerkte er nüchtern. Circa 1500 Heimatvertriebene hätten zwischen 1946 und 1948 die Einwohnerzahl St.- Mangs auf 7000 getrieben, was zwar „keine einfache Zeit“ gewesen sei, aber weit über St.- Mang hinaus auch „einen wirtschaftlichen Aufschwung“ durch neue Branchen gebracht habe. Erstmals 1330 unter „Lentfrids“ dokumentiert, verdanke Lenzfried sein „geschichtliches Gewicht“ dem dort vielfältigen „Wirken der Franziskanerinnen und Franziskaner“. Aus Tannen bei Lenzfried stamme zudem Dr. Daniel Bonifaz von Haneberg, von 1872-1876 Bischof von Speyer, und wohl bekanntester Vertreter der noch heute in Lenzfried ansässigen, erstmals 1339 erwähnten Familie Haneberg. Richtige Entscheidung CSU-Stadtrat Thomas Kiechle war sich am Ende jedenfalls sicher, dass „St.-Mang durch die Eingemeindung gewonnen hat“ und die seinerzeit heftig umstrittene „Entscheidung damals richtig war“. Daran, dass die Gebietsreform in der Gemeinde, die damals „leben und ihre Aufgaben mit Steuereinnahmen erfüllen konnte“, sowohl Freude als auch Proteste erzeugt habe, erinnerte sich auch Elmar Holzmann, der von 1960 bis 1972 Gemeinderat in St.-Mang und von 1972 bis 1984 Kemptener Stadtrat gewesen war. Alt-OB Höß habe „richtig gehandelt“ und die „Weichen für diesen Übergang in fairem, kollegialen Gespräch gestellt“. Lediglich wieder mehr Stadträte aus St.-Mang wünschte er sich, um „mehr Gewicht“ für die Belange des südlichen Kemptener Stadtteils zu haben.

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