Gelungene Neuinszenierung

Seit Freitagabend wird nicht mehr geraten und orakelt in Altusried. Mit der Premiere der Hoferspiele 2009, eröffnet von Minister a.D. Reinhold Bocklet um 20.45 Uhr, ist die Stunde der Wahrheit angebrochen. Keiner, abgesehen von den Mitspielern , wusste, was sich hinter dem Begriff Neuinszenierung verbirgt. Was versteht Regisseur Thomas Bayer unter mehr Gesang, Frauenszenen, einem geschichtlich untermauerten Hoferbild? Alteingesessene, die sich noch an die Hoferspiele 1933 und 1935 erinnern können, werden wohl mit einer gewissen Skepsis an den Riedbach pilgern.

Schließlich spielt man seit 130 Jahren mit und für das ganze Dorf, es sind die 20. Freilichtspiele, der Sandwirt aus dem Passeiertal kämpft zum achten Mal gegen Bayern und Franzosen. Und wenn das nicht schon genug der Jubiläen wären, es sind auch zehn Jahre neue Zuschauertribüne zu feiern. Über deren Entstehungsgeschichte und die politischen Hintergründe informierte der Mann, der 1998 als Minister für Landwirtschaft, Ernährung und Forsten seinen Ratgebern nicht folgte und die kühne Holzkonstruktion genehmigte und sogar EU-Fördergelder dafür locker machte in seiner Eröffnungsrede. Imponiert hatte ihm wohl, dass das Holz von einheimischen Bauern und Waldbesitzern geliefert, von Altusrieder Spediteuren an hiesige Lohnsägereien geliefert und von ortsansässigen Handwerksbetrieben verarbeitet wurde, wie Bürgermeister Heribert Kammel in seiner Begrüßung mit stolzem Unterton verkündete. Nicht Stahl oder Beton, nein, der nachwachsende Rohstoff aus dem Allgäu wurde zu einem architektonischen Vorzeigeprojekt, das in Europa seinesgleichen sucht. Was dem hohen Gast ebenfalls mächtig imponierte, ist der Zusammenschluss von mehr als 50 landwirtschaftlichen Betrieben seit ebenfalls zehn Jahren zu der Bäuerlichen Direktvermarktung Altusried, deren Aufgabe vor allem die Versorgung von Zuschauern und Mitspielern mit heimischen Produkten ist. Bis dahin waren also nur Superlative zu hören. Und die Spiele selbst? Die Medien hatten schon so manches Geheimnis gelüftet, aber das, was die Freilichtspiele wirklich ausmacht, das muss man selber gesehen haben. Die aufwändigsten Kulissen, die je gebaut wurden, Massenszenen, bei denen ein endloser Strom von Mitspielern aus allen vier Himmelsrichtungen auf die Bühne kommt, sich der Gesang quadrophon vereint. Und immer wieder für spontanen Beifall gut, Reiter, die im gestreckten Galopp vorbeipreschen, in einem Fall sogar in mächtigen Sätzen den steilen Anstieg bis zu Hofers Hütte bewältigen und den gefangenen Rebellen am Seil wieder ins Tal schleifen. Dazu pyrotechnische Schmankerl, wie zum Beispiel der Einschlag einer Kanonenkugel in einem See und die damit verbundene meterhohe Wasserfontäne. Ruhig wird’s, wenn Mütter laut aufschreien, als ihre Söhne von Soldaten zum Militärdienst gepresst werden oder die Todesnachricht eines Vaters im Dorf verbreitet wird. Jeder weiß, wie es kommen muss, und dennoch lauscht man gespannt dem Plädoyer des Verteidigers von Andreas Hofer, der nicht nur durch schauspielerische Brillanz beeindruckt, sondern auch noch Geschichtsunterricht erteilt. Wer wusste denn bis heute, dass Hofer gar nicht der französischen Gerichtsbarkeit unterstand, also ein Justizmord par excellance war, und im Gefängnis die Möglichkeit zu fliehen verstreichen ließ, im Gegenteil, sogar noch seine Wächter vor dem Tode rettete? Der etwas andere Hofer Jetzt wird jedem klar, es ist tatsächlich eine Neuinszenierung: Hofer ist kein Haudrauf mehr, den bereits beschlossenen Frieden darf er nicht umsetzen, wird mit Drohungen aus der religiösen Ecke, mit Alkohol und unter Waffengewalt gezwungen, weiterzukämpfen. Und noch ein Detail verdanken wir der akribischen Recherche von Thomas Bayer. Nach der Erschießung, bei der natürlich der berühmte Satz von Hofer gestöhnt wird: „Meingott, schießt ihr schlecht“, wird er durch den Gnadenschuss des Exekutionsleiters erlöst. Mutig. Dass bei dieser Szene sich wieder einige Zuschauer ein Lachen nicht verkneifen können, ist wohl nur so zu erklären, dass sie vor lauter Verlegenheit und Angst, Rührung zu zeigen, in ein Lachen flüchten. Roland Wintergerst, lass dich nicht beirren, das ist deine stärkste Szene. Und Thomas Bayer, die Massen der Zuschauer werden den neuen Hofer lieben.

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