Überspringende Freude

Musikalische Facetten des Kemptener Orchestervereins

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"Facettes musicales" des Kemptener Orchestervereins unter der Leitung der verdienten Mary Ellen Kitchens.

Kempten – Der Gesamteindruck des vergangenen Samstagabends: Da denken sich engagierte musikalische Amateure unter der Leitung einer erfahrenen Leiterin ein Konzertprogramm aus, das durch seine geschickte Auswahl mit den zur Verfügung stehenden technischen Mitteln größtmögliche Wirkung erzielt.

Die Frage nach den technischen Möglichkeiten des Orchesters kam dem Zuhörer aber über lange Strecken des Konzerts nicht in den Sinn, er konnte sich ganz dem Genuss der gekonnt vorgetragenen Stücke widmen, die nicht ganz unbekannt sind, aber auch nicht alle Tage zur Aufführung kommen.

Unter dem Titel „facettes musicales“ wurden Werke zweier französischer und eines deutschen Komponisten gespielt, denen gemeinsam ist, dass sie in einer Zeit geschrieben wurden, in der sich neue musikalische Ideen zu einer neuen Epoche in der Musik verdichteten und die vorhergehende endgültig abgelöst wurde.

Beispielhaft für den alten Stil war an diesem Abend Ferdinand David (1810–1873) mit dem 1837 geschriebenen Concertino für Posaune und Orchester, das mit seinen drei Sätzen ganz in der Art eines klassischen Solokonzerts gehalten ist. Der Klang der Posaune war sehr ausgewogen und in seinem dynamischen Vortrag perfekt mit dem Orchester abgestimmt. Philip Pineda Resch, seines Zeichens Student der Hochschule für Musik und Theater Hannover, gelang eine stimmige und wohlklingende Interpretation, die an Mozarts Fagott-Konzert denken ließ. Bei diesem Stück war der Blick des Komponisten der eines Bewahrers klassischer Formen.

Begonnen hatte der Abend mit zwei Stücken eines Komponisten, der weit nach vorne blickte. Hector Berlioz (1803–1869), der erste große Romantiker in der französischen Musik, der mit seiner kunstvollen Hinwendung zu Klangfarbenmalerei und reiner Melodie, weg von formalen klassischen Strukturen, die Programmsinfonie und mit ihr die Programmmusik erfunden hatte. Ein gutes Beispiel dafür war die Liebesszene aus der dramatischen Sinfonie „Romeo und Julia“, sehr facettenreich vom Orchester zu Gehör gebracht.

Nach der Pause das letzte Stück des Abends von Georges Bizet (1838–1875) war spieltechnisch das anspruchsvollste, und es zeigte sich dann doch eine gewisse Verzagtheit im Zusammenspiel des Orchesters. Eine Verzagtheit, die aus einem Allegro ein Allegretto und aus einem Adagio ein Andante machte, aus einem Fortissimo ein Mezzoforte und einem Piano ein Mezzopiano. Bizets Sinfonie in C-Dur ist ein furioses Stück, das noch in der Strenge und Klarheit der klassischen Form neue Inhalte erprobt. Besonders im Adagio klingen bereits die neuen Rhythmen und Tonleitern durch die langgezogenen Melodiebögen der Oboe. Im vierten Satz dann ein ständiges Wechselspiel aus klassischer Themenabhandlung und opernhaften Einschüben, die bereits einen Keim von Bizets späterem Meisterwerk „Carmen“ enthalten. Das geniale Frühwerk eines Siebzehnjährigen, der bereits mit neun Jahren auf Grund einer Sondererlaubnis am Pariser Konservatorium aufgenommen wurde.

Der Kemptener Orchesterverein unter der Leitung der verdienten Mary Ellen Kitchens bekam viel Beifall für ein spannendes und über weite Strecken sehr gut gespieltes Konzert, das Lust auf die nächste Veranstaltung dieser Art machte. Bravo!

Jürgen Kus

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