"Gemeinsam mehr erreichen!"

Freundeskreis für ein lebenswertes Kempten trifft sich mit Kemptens OB 

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Ein paar Tage nach dem Gespräch mit dem OB zeigte der Freundeskreis für ein lebenswertes Kempten grüne Farbe bei der Stadtpark-Eröffnung: Angela Isop, Gesine Weiß, Kati Bernhardt und Sohn Julius Bernhardt.

Kempten – Dialog und Austausch standen im Vordergrund eines ersten Treffens der VertreterInnen der Initiative „Freundeskreis für ein lebenswertes Kempten“ mit Oberbürgermeister Thomas Kiechle. Vorausgegangen war dem nun stattfindenden Gesprächskreis, zu dem Kiechle eingeladen hatte, ein Vorsprechen zahlreicher Bürgerinnen und Bürger von rund 15 Vereinen und Organisationen unter der Federführung von Gesine Weiß in der Bürgersprechstunde des Oberbürgermeisters im November 2019.

Die Bürgerbewegung, die sich für Umwelt- und Klimaschutz, umweltfreundliche Mobilität, Natur- und Artenschutz verbunden mit einem nachhaltigen Lebensstil einsetzt, möchte den Oberbürgermeister und die Stadträte aktiv bei der Umsetzung des Masterplans und des Mobilitätskonzeptes unterstützen. Sie möchten Mut machen, die Klimaschutzziele ambitioniert und konsequent umzusetzen. Sie selbst bezeichnen sich als „Mut-mach-Bewegung“. Mut zu mehr Fahrrad, zu mehr Stadtgrün, zu einer fairen Verteilung des öffentlichen Raums und mehr Sicherheit im Straßenverkehr, sowie zu mehr Lebensqualität. Es sei wichtig, dass etwas passiere, viel und schnell, betonte Gesine Weiß. 

Thomas Kiechle konnte sich noch gut an das erste Zusammentreffen mit den engagierten Aktivistinnen und Aktivisten erinnern: „Ein Gespräch, das ihm noch lange nachging.“ So sei der Klima- und Umweltschutz schon seit vielen Jahren in der Stadt fest verankert, ein wichtiges Thema, das global gedacht werden müsse und eine Intensivierung der Initiativen vor Ort erfordere. Mit diesen Worten eröffnete der Oberbürgermeister das Gespräch.

 In einem Blitzlicht gaben die Referenten der Stadt Kempten einen Überblick zum aktuellen Stand der vereinbarten Klimaschutzziele. So arbeite man kräftig an der Umsetzung des Mobilitätskonzeptes, erklärte Tim Koemstedt, Baureferent. Ein Großteil der 160 getroffenen Maßnahmen wurde bereits umgesetzt, wie etwa die in eine Fahrradstraße umgewidmete Herrenstraße oder die Förderung der Herstellung von Wasserstoff für den Einsatz im schienenbezogenen Nahverkehr. Als Beispiel für eine aktive Bürgerbeteilung nannte in diesem Zusammenhang Markus Wiedemann, Leiter des Amtes für Tiefbau und Verkehr, das in einem breiten Bürgerprozess entwickelte Mobilitätskonzept. Ein Schwerpunktthema, für das die Stadt Kempten seit letztem Jahr Stefan Sommerfeld als einen eigenen Mobilitätsmanager eingesetzt hat. Auch im Schulbereich gebe es konkrete Schülerbeteiligungen, betonte Thomas Weiß vom Klimaschutzmanagement. So wurde das Hildegardis-Gymnasium als erste Klimaschule im südlichen Raum ausgezeichnet und die Nordschule soll folgen. 

„Jeder kann sich beteiligen“, unterstrich Dr. Nina Kriegisch, Klimaschutzmanagerin. Der Bereich Artenschutz, Natur und Biodiversität, gebündelt unter dem Leitmotiv CamboNatura für Klimaschutz in Kempten, biete weitere Möglichkeiten, wie „naturschöner Garten“, „Blühwiesen“, etc.. 

Doch für die VertreterInnen der verschiedenen Gruppen des „Freundeskreises für ein lebenswertes Kempten“ reichen diese Maßnahmen nicht aus. In einem Appell richtete sich Dr. Timo Körber von der Bewegung Scientists for Future an Oberbürgermeister Thomas Kiechle. Für ihn greife der Masterplan 2050 zu langsam. Die Ansätze seien zwar gut, aber um eine Reduzierung des CO2-Ausstoßes und eine damit verbundene Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad zu erreichen, seien tiefgreifende Strukturveränderungen notwendig, 100 Prozent erneuerbare Energien, eine unbequeme Verkehrswende, deutliche Reduzierung der Autos und Neubauten mit ökologischen Baustoffen. „Jetzt sofort.“ Er spricht in diesem Zusammenhang von kognitiver Dissonanz. Ein unverhandelbares restliches CO2-Budget und die Folgen der Nichteinhaltung, wie Dürrekatastrophen, Hochwasser und Hungersnöte. Mit der Natur könne man nicht verhandeln, so der Wissenschaftler. Er forderte Mut, ein klares Bekenntnis der Stadt bei allen Entscheidungen für die Pariser Klimaziele und eine Umstellung der Lebensgewohnheiten. Seine konkrete Frage an Kiechle: „Sind Sie dazu bereit?“ Für den Oberbürgermeister könne eine radikale, sofortige Umstellung nicht erfolgen. Es gebe Bereiche, in denen man so nicht weiterkomme, erklärte er den AktivistInnen. Für ihn sei eine Veränderung nur in kleinen Schritten möglich, denn die Realitäten seien anders. Der Absatz der Molkereien für Bioprodukte stocke, deshalb erfolge in der Landwirtschaft keine Umstellung mehr auf Bio, es liege an den Verbrauchern, erklärte Kiechle. Es sei eine Bewusstseinsbildung notwendig. Im Wohnungsbau mit steigenden Mieten und verteuertem Wohneigentum habe die Sozialbau in einem Pilotprojekt ein erstes Holzhaus aus ökologischen Rohstoffen gebaut. Doch solch ein nachhaltiges Bauen kann nicht vorgeschrieben werden, sagte Kiechle. Extreme Maßnahmen, wie die komplette Stadt autofrei zu stellen, funktionieren nicht ohne Alternativen. Es gebe bereits zwei Angebote, die in die richtige Richtung gehen, das Jobticket für zwölf Euro und die vergünstigte AboCard. Der Weg sei vermeiden, reduzieren und kompensieren, so der OB.

"Man muss darüber sprechen"

Die immer wieder aufflammenden Diskussionen zeigten, wie wichtig den Anwesenden ihr Anliegen ist. Norbert Grotz vom Deutschen Alpenverein Kempten (DAV) appellierte, sich der Dringlichkeit für Maßnahmen zur Erhaltung der Lebensqualität nicht zu verschließen, auch wenn die Sorge bestehe, die Bevölkerung sei dagegen. Für ihn sei es notwendig, das Bewusstsein der Menschen zu schärfen, die kleinen Schritte zu vergrößern und die Verantwortlichen in den politischen Gremien zu überzeugen. Es sei notwendig die Dissonanz zu erhöhen, bekräftigte eine anwesende Psychologin. „Man muss darüber sprechen und klarmachen, was passiert, wenn wir nicht handeln.“ Sie könne jetzt nicht nach Hause gehen und ihren Alltag so weiterleben, wie bisher. Sie seien keine Gruppe von Öko-Spinnern und waren auch noch nie politisch aktiv. „Der Klimawandel ist ein Fakt, keine Glaubenssache.“ Sie forderte konkretes und sofortiges Handeln der Stadt Kempten.

Und auch Georg Sedlmaier, Gründer der Interessengemeinschaft FÜR gesunde Lebensmittel e.V. sprach sich für Überzeugungsarbeit aus. „Die Menschen müssen überzeugt werden.“ So berichtete er von einem gelungenen Joint Venture zwischen regionalen Landwirten und den großen Lebensmittelketten, wie Edeka, Rewe – Regionalität durch kurze Wege verbunden mit CO2-Minderung. Alle TeilnehmerInnen des Gesprächskreises waren sich einig, weiter im Gespräch zu bleiben und miteinander zu starten. Sie wünschten sich eine dauerhafte Zusammenarbeit mit der Politik, klare Vorgaben und zündende Öffentlichkeitskampagnen, um das Bewusstsein der Bevölkerung für die zwingend notwendigen Veränderungen zu schärfen und zudem für ein aktives Handeln für den Klimaschutz zu begeistern. Und so sind bereits auch einige Projekte geplant, wie die Weiterarbeit im Mobilitätskonzept oder die weltweite Aktion „WWF Earth Hour“, zu denen die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Kempten zum aktiven Mitmachen aufgerufen sind.

Christine Reder

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