Von Renaissance bis Neugotik und wieder zurück

Das "Schlössle" an der Freitreppe

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Das Schlössle beim Bau der Freitreppe im Jahr 1905.

Wer heutzutage vom Rathaus über die Rathausstraße, den ehemaligen Holzmarkt in Richtung Fischerstraße geht, dessen Blick wandert unweigerlich auf eines der imposantesten Patrizierhäuser Kemptens. Es ist das Schlössle, auch Dorn-Schlössle genannt, das mit seiner im Renaissancestil gehaltenen Ostfassade heute den Abschluss der Freitreppe bildet. Bis vor knapp 200 Jahren, als sich die bauliche Situation um dieses Anwesen noch anders darstellte, nannten es die Kemptener einfach nur „Schloss“.

VON DR. WILLI VACHENAUER

Dieses Gebäude hat im Laufe der Zeit verschiedene Umbauten erlebt und auch demnächst stehen bauliche Veränderungen an. Das traditionsreiche Schlösslecafé schließt noch diesen Monat seine Pforten, da die Räume eine andere Verwendung finden. Dieser anstehenden Umbau ist Anlass, auf die bewegte Geschichte des Schlössles näher einzugehen.

Seine Anfänge gehen bis ins Jahr 1576 zurück, als Reimund (Reymund) Dorn von einem gewissen Bartholomäus Kreiterer ein größeres, aus zwei Häusern bestehendes Anwesen erwarb, das sich am Platz des heutigen Schlössles, an der sogenannten Steig befand. Die beiden Gebäude lagen seinerzeit ganz in der Nähe der Stadtmauer und damit an der Nahtstelle zwischen Reichsstadt und der fürstäbtlichen Residenz. Der Namenszusatz an der Steig macht deutlich, dass man von der „Unterstadt“ über eine Anhöhe steigen musste, um dieses Haus in der damaligen „Oberstadt“ zu erreichen. Dieser Reimund Dorn ging interessanten und wahrscheinlich auch recht lukrativen Geschäften nach. Er erwarb im Auftrag von Kaiser Rudolf II. für dessen Wunderkammer in Prag, aber auch für die Raritätenkabi-

nette anderer Fürsten Antiquitäten und Kunstgegenstände, teilweise unter Vermittlung der Fugger. Durch Dorns Tätigkeiten gelangten wertvolle Funde aus dem Areal der ehemaligen Römerstadt Cambodunum nach Prag und andere Sammelstücke in den Schüttelkasten von Schloß Ambras in Innsbruck. Zusätzlich besorgte Dorn für seine wohlhabenden Kunden über die Augsburger Firmen Welser und Höchstätter allerlei seltsame Tiere und Wundervögel aus der „Neuen Welt“. Ob dieser Reimund Dorn bereits bauliche Veränderungen an den Gebäuden vornehmen ließ, ist aus den Quellen nicht ersichtlich. Man darf dies aber vermuten, da die Familie Dorn neben ihrer Handelstätigkeit auch als Kunstfreunde und Sammler in Erscheinung traten und wahrscheinlich diese Gebäude auch benötigten, um ihre exotischen Güter und die gesammelten Kunstwerke zu lagern. Jedenfalls dürfte sich Dorn wegen seiner Tätigkeiten einen guten Ruf in der Stadt aufgebaut haben. Hinzu kam, dass Kaufleute in dieser Zeit schon die Fähigkeit besitzen mussten, mit Tinte und Papier umzugehen. Vielleicht berief ihn deswegen die Stadt im Jahre 1599 in das Amt des Stadtschreibers zu Kempten, ehe er dann von 1600 bis zu seinem Tode am 8. Oktober 1604 das Amt des Bürgermeisters der „Freien Reichsstadt Kempten“ ausübte.

Als Erbauer des heutigen Schlössles gilt Hans Ulrich Dorn, wahrscheinlich Reimund Dorns Sohn, der ebenfalls zwischen 1629 und 1631 in der Reichsstadt Kempten das Amt des Bürgermeisters bekleidete. Er veranlasste in den Jahren 1593 bis 1624 den Umbau der beiden Häuser an der Steig zu einem schlossartigen Anwesen in den heutigen Ausmaßen und im Stile der Renaissance (die Kulturepoche in der Zeit der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit im 15. und 16. Jahrhundert). Das umgestaltete Gebäude, in dem sich Wohnungen, Stallungen und Lagerräume befanden, hatte aber damals noch ein Aussehen, das sich vom heutigen Baustil unterscheidet.

Noch heute verweist ein Spruch, der auf einem schon recht verwitterten Täfelchen in der Passage links nach dem ersten Eingang zur Bäckerei in Kopfhöhe zu lesen ist, mit dem Signum H. V. D. 1624 auf Hans Ulrich Dorn. Der Text auf dem Täfelchen lautet: „Gott segne und behüet diß Haus. Auch all die drin gehen ein und auß. For unfahl und vor allem Leid Von nun an biß in Ewigkeit.“

Nach dem Tod von Hans Ulrich Dorn erwies sich sein gleichnamiger Sohn als wenig geeignet, um die Familiengeschäfte weiterzuführen, sodass die Witwe von Hans Ulrich Dorn, Anna Maria Dorn, das Schloss veräußerte.

Im Jahre 1698 erwarb Johann Friedrich von Eberz, Ratsherr und Spitalpfleger aus Isny das Schloss. Eberz, der mit seiner Familie nie länger im Schloss wohnte, wollte den stiftischen Hofrat Ziegler in sein Anwesen einziehen lassen, doch der Rat lehnte dieses Ansuchen höflich, aber ganz entschieden ab. Denn die Obrigkeit wollte in der Stadt keinen stiftischen Hofbeamten haben, da sie einem Stiftsbeamten nichts Gutes zutraute.

Im Jahr 1700 tritt der Augsburger Kaufmann Johann Balthasar Gullmann als Interessent für dieses Anwesen auf. Da sein Sohn Christoph Gullmann die Eberzsche Erbtochter, Susanna Sabina von Eberz ehelichen wollte, stimmte der Rat dem Kauf zu und es kam zu einem erneuten Eigentümerwechsel. Im Schloss fand dann unter großem Pomp die Hochzeit statt. Christoph Gullmann, der auch die Wach- und Verwaltungsdienste auf der Burghalde ausübte, erhielt 1705, wahrscheinlich als Anerkennung für diese Tätigkeit, gegen eine Gebühr von 30 Gulden, die Weinschenkgerechtigkeit in seinem Stadtschloss. Nach dem Tode von Christoph Gullmann ehelichte Konrad Fels, Apotheker der „Oberen Apotheke“ am Marktplatz im Jahre 1710, die Witwe Susanna Sabina von Eberz (Gullmann). Dabei gestalteten sich aber Eigentumsverhandlungen wegen der unterschiedlichen Erbrechte als sehr schwierig. Auf Drängen des Rates erwarb Konrad Fels die gesamten Eigentumsrechte am Schloss, um keinen „Stiftischen“ in die Stadt zu bekommen. Trotz städtischer Zuschüsse zum Kauf des Schlosses musste sich Fels verschulden. 1715 beklagte er sich bitter beim Rat über seine Schuldenlast, der ihm daraufhin Erleichterungen bei den anfallenden Zinsen und den fälligen Steuern gewährte. Ob Konrad Fels zu dieser Zeit bereits eine Apotheke hier einrichtete, geht aus den Quellen nicht hervor. Nachdem Fels im Jahre 1727 starb, heiratete der Apotheker Jakob Zorn am 17. Januar 1729 Susanna Sabine von Eberz und veräußerte das Schloss am 7. Januar 1730 an die Stadt. Die Stadt-

obrigkeit ließ dann im Anwesen ihren Stadtsyndicus bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts standesgemäß unterbringen. Ungewiss bleibt, ob wir in diesem Hause ab 1760 schon die Anfänge eines Cafébetriebes finden. Denn ab dieser Zeit erteilte der Rat der Stadt dem Barbierssohn Mathias Fischer die Konzession, ein Caféhaus zu etablieren. Hier durfte er seinen Gästen neben Café auch Tee, Bier, Schokoladen- und Mandelmilch sowie Likör, ja sogar Pfeifentabak anbieten und zur Unterhaltung einen Billardtisch aufstellen.

Nach der Säkularisation und Mediatisierung ab 1804, musste die Stadt ihre hohen Schulden abbauen. Aus diesem Grunde kamen neben der Münze und dem Salzhaus auch das städtische „Syndikatsschloss“ zur Versteigerung. Kritiker meinten noch anfangs des 20. Jahrhunderts, dass man damals in „wahrlich unsinniger, ja sogar bolschewistischer Hast“ die uralten Kulturgüter verschleuderte, um die Kassen zu füllen. Den Zuschlag für das Schloss erhielt der Memminger Patrizier Johann Daniel von Lupin. Er übersiedelte danach nach Kempten und ging dann hier seiner Handelstätigkeit nach. Wenige Jahre später ging dann das Schloss in das Eigentum des Strumpffabrikanten Maximilian Bachtaler über. Dieser verkaufte das Anwesen 1836 an die Brüder Sandholz aus Niedersonthofen. Sie ließen 1855 das Schloss im neugotischen Stil umgestalten, um es an den damaligen Zeitgeist anzupassen und es zukünftig als Geschäftshaus zu nutzen. Dabei erhielt das Gebäude an Stelle des Tores zur Fischerstraße hin zwei Ladengeschäfte, die man über Stufen erreichen konnte. Die beiden Ecktürme, die bis dahin eine Zwiebelform vorwiesen, ließen sie abbauen und an deren Stelle Spitzhelme errichten. Die obersten Turmfenster bekamen an der Oberseite Rundbögen und ein Zahnsimsrelief wurde im zweiten Stock angebracht. Der mittlere Giebel erhielt einen Treppenaufbau mit fünf Rundbogenfenster, die in einem in der Mitte hochgezogenem Gesimse eingebaut wurden.

Das Anwesen, das bisher die Städter noch Schloss nannten, erhielt erst weit nach 1836 den Namen Schlössle, als die altstädtischen Gebäude in die Höhe wuchsen und ihm seine baulich beherrschende Stellung nahmen. Im Jahre 1926 musste es sogar noch seine bisherige Hausnummer an der Fischerstraße abgeben. Ob sich das Schlössle danach für einige Zeit im Eigentum des Bäckermeisters Max Kluftinger befand, ist nicht genau feststellbar.

Als im Jahre 1890 Hans Walter von Jenisch die Tochter des damaligen Eigentümers Sandholz heiratete, ging das Schlössle in das Eigentum der Familie von Jenisch über. Weitere Veränderungen ergaben sich, als im Jahre 1920 Irma von Jenisch den Obergünzburger Fabrikanten Hans Gabler ehelichte.

Bis ins Jahr 1905 konnte man das „Schlössle“ noch nicht wie heute über die Freitreppe erreichen, da dieser Platz noch von Häusern verstellt war.

Den Bau der Freitreppe, als Symbol des Zusammenwachsens der beiden ehemaligen Reichsstadt und Stiftsstadt ging auf den damaligen Bürgermeister Adolf Horchler zurück, der sich zum Ziel gesetzt hatte, aus Kempten eine einzige Stadt zu machen. Nach der Fertigstellung der Freitreppe genossen die Bürger ab 1905 einen freien Blick vom Rathaus zum Schloss. Zu dieser Zeit hatte der Perückenmacher und Friseur Louis Jäger die Räume zur Fischerstraße hin gemietet.

Bis ins Jahr 1918 gab es im Schlössle keine andere Energiequelle als Gas, das man zur Beleuchtung und zum Kochen benötigte. Im Obergeschoss des Gebäudes hatte der Arzt Dr. Eduard Molitor, der Vater des Kemptener Architekten Wolfgang Molitor, seine Wohnräume und seine Praxis.

1942 stand die Goldschmiede Eduard Weitmann, die sich im Schlößle befand, zum Verkauf. Daraus entstand die Firma „Hans Müller Uhrmachermeister an der Frei-

treppe“. In den Jahren 1955 bis 1957 ging die Familie von Jenisch/Gabler daran, das unter Denkmalschutz stehende Schlössle gründlich zu renovieren und umzubauen. Diese Arbeit übernahm im Zusammenwirken mit dem Amt für Denkmalschutz Wolfgang Molitor, der selbst im Schlösschen geboren ist und seine Jugendzeit dort verbrachte. Unter seiner Regie wurde das Schlössle wieder in die ursprüngliche Renaissance-Fassadenform mit den beiden Ecktürmen in Zwiebelform zurückgebaut, wie man es heute sieht. Hinzu kam die „Schlößle-Passage“, die in einen kleinen nach oben offenen Innenhof führte. Er wies eine kleine Grünfläche mit Wasserbecken auf und war von Ladengeschäften umgeben. Für die Errichtung der Ladenpassage mussten die ehemaligen Pferdestallungen im Erdgeschoss und die Lagerhallen weichen. Die Wohnungen in den Obergeschossen wurden renoviert und modernisiert. Dabei mussten die bisherigen Plumpsklos modernen Bädern und WCs weichen. Bei den damaligen Restaurierungsarbeiten mussten die Bauherrn ohne Inanspruchnahme öffentlicher Mittel auskommen.

Zu dieser Zeit befanden sich in der ersten „Einkaufspassage“ Kemptens verschiedene Geschäfte. Gegenüber dem Juwelier-Geschäft Müller die Bausparkasse Wüstenrot, rechterhand die Buchhandlung Kachel und ein Ausstellungsraum der Firma BMW Dachser, die im Schaufenster noch einen BMW vom Typ 502 präsentierte. In die Räume des Autohauses zog dann später die Metzgerei Kleiber ein. Auf der linken Seite befanden sich die Drogerie Gogreve, die Bar Lilly Marlen, Elektro Tannheimer und in der Ecke die Firma Zeile mit Haushaltsartikeln. Am Ende hatte die Familie Lammers einen Tabakladen.

Im 1. Stock des Hinterhauses hatte bis 1976 eine Versicherung ihre Büroräume. Danach richteten die Lammers hier ein Café mit Namen „das Lammers“ ein. Die Lammers errichteten eine Treppe ins Obergeschoss und bauten diese Räumlichkeiten im Obergeschoß zum Café aus. Ab Januar 1989 übernahm dieses Café die Familie Strauch, die es als beliebtes Schlössle-Café mit circa 100 Sitzplätzen bis zur seiner Schließung am 3. Juni 2017 weiterführten.

Im Jahre 2011 entschloss sich die Familie Gabler zur Veränderung des Innenhofs in der Schlösslepassage. Dabei wich die kleine Grünfläche, die öfters als Hundeklo missbraucht worden war und der gesamte Innenhof erhielt einen Pflasterbelag.

Nach der Schließung des Schlössle Cafés, dessen Räume bis zum 30. Juni 2017 geräumt sein müssen, steht die nächste Umbauphase im Schlössle an. Die Räumlichkeiten des Cafés übernimmt die benachbarte Metzgerei, um ihre Geschäftsräume zu erweitern, wofür auch im Erdgeschoss ein Teil der Innenhof-Fläche umgenutzt werden soll.

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