"Kartoffelsalat oder Kässpatzen!"

Die Geschichte von Ahmed Feysal aus Somalia zeigt, wie Integration gelingen kann

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Endlich geschafft! Ahmed Feysal aus Somalia hat seine Ausbildung zum Fachlageristen erfolgreich abgeschlossen und wird jetzt übernommen. Betriebsleiter Josef Steidle ist stolz, dass sich der junge Mann die letzten Jahre so hartnäckig durch die Ausbildung gekämpft hat

Sulzberg – Voller Stolz hält Ahmed Feysal sein Abschlusszeugnis zum Fachlageristen in den Händen. Er hat es geschafft. Sechs Jahre nach einer dramatischen Flucht aus seiner Heimat Somalia hat sich der 23-Jährige nun im Allgäu ein neues Leben aufgebaut. Auch Betriebsleiter Josef Steidle von der Firma Gruber Logistik GmbH freut sich, dass sein Schützling es geschafft hat. „Vor fünf Jahren ging es mit einem Praktikum bei uns los. Ich erinnere mich noch gut. Schon am ersten Tag hat er gleich verkündet, dass er in Somalia einmal eine Zweigstelle aufmachen will“, lacht der Betriebsleiter des Logistikdienstleisters aus Sulzberg. Ahmed Feysal ist zielstrebig und hartnäckig. Das zeigt auch seine bewegende Geschichte, die Ende 2013 ihren Anfang nahm.

Damals hat sich der 17-Jährige alleine auf die Flucht aus seiner Heimat Somalia gemacht. Dort herrscht seit 1991 Bürgerkrieg. Korruption, Attentate und gewalttätige Auseinandersetzungen sind an der Tagesordnung. Der Vater von Ahmed ist im Bürgerkrieg gestorben, seine Mutter hat er später aufgrund einer Krankheit verloren. Von seiner Heimatstadt Jalalaqsi in der Nähe von Mogadischu ging es über Äthiopien und den Sudan bis nach Libyen. „Wir wurden von Schleusern in einem Lastwagen transportiert, mit Decken zugedeckt, und man durfte sich nicht rühren oder sich irgendwie bemerkbar machen, selbst wenn man keine Luft mehr bekommen hat“, erinnert sich Ahmed an die beschwerlichen Umstände seiner Flucht. „In Libyen bin ich dann für knapp drei Monate im Gefängnis gelandet, weil das Militär Geld von uns haben wollte.“ 

Mit ein paar anderen konnte er aus dem Gefängnis fliehen und später dann auf einem Flüchtlingsboot an der libyschen Küste unterkommen: „Das war ein zwölf Meter langes Boot und wir waren an die 100 Menschen darauf. Es war wirklich extrem gefährlich, schon nach vier Stunden wären wir fast gekentert, weil Wasser ins Innere geschwappt ist und einige Frauen mit Babys an Bord Panik bekamen. Ein chinesisches Containerschiff hat uns glücklicherweise gerettet und an Deck aufgenommen.“ Vom Containerschiff ging es für Ahmed weiter nach Sizilien, wo er sich freiwillig bei der Polizei gemeldet hat, um Hilfe zu bekommen. Das war 2014.

Bayern München war der Grund

„Ich hatte immer Glück. Ich habe auf meiner langen Reise viele Menschen um Hilfe oder Unterstützung gebeten und die auch oft bekommen. Von Sizilien aus bin ich mit dem Bus nach Mailand gefahren und von dort mit dem Zug nach Zürich“, berichtet er. Wusste er denn schon immer, wo er genau hin wollte? „Ja, klar. Ich wollte unbedingt nach Deutschland. Ich bin seit meiner Kindheit ein großer FC Bayern Fan und deshalb war Deutschland immer mein Ziel“, verrät er mit einem Lächeln im Gesicht. Nach seiner Ausweisung aus der Schweiz ging es mit dem Zug weiter nach Deutschland und zwar nach Augsburg, um genau zu sein. Er erinnert sich noch haargenau an jenen wichtigen Tag: „Das war der 10. November 2014. Da bin ich in Deutschland eingereist. In Augsburg habe ich gleich einen Sprachkurs gemacht und für einige Zeit in einer Wohngruppe mit acht deutschen Jungs gewohnt. Einige Zeit später hat mich das Jugendamt schließlich nach Oy-Mittelberg geschickt“, erzählt Ahmed, der damals noch minderjährig war. Relativ zügig hat der gebürtige Somalier versucht, sie hier eine Zukunft aufzubauen. „Ich wollte Fachkraft für Lagerlogistik werden und bin so auf die Berufsschule nach Kempten gekommen.“ Und wie kam es zu diesem Berufswunsch? „Ich habe in Somalia immer die vielen Schiffe gesehen, die etwas bringen oder holen, und da wusste ich, den Beruf möchte ich auch machen. Ansonsten hätte mich noch Kraftfahrer interessiert.“ 

Sein Betreuer hat schließlich bei der Firma Gruber Logistik und Josef Steidle in Sulzberg angefragt, ob Ahmed ein Praktikum machen könne. Der Rest ist Geschichte. „Er hat sich in seinem Praktikum super geschlagen und dann stand er zwei Mal vor der Türe und hat nachgefragt, ob wir ihn als Lehrling nehmen würden. Bei meinem Chef bin ich auf offene Ohren gestoßen und wir haben gesagt, wir probieren das einfach mal“, schildert Steidle. „Wir sind eh eine ziemliche Mulitkulti-Familie bei uns hier im Unternehmen. Bei der letzten Weihnachtsfeier waren 25 Nationen vertreten und das bei 150 Mitarbeitern“, so der Betriebsleiter.

Chance bekommen und Chance genutzt

Ursprünglich hat Ahmed eine dreijährige Ausbildung als Fachkraft für Lagerlogistik begonnen, später aber auf eine Ausbildung zum Fachlageristen umgeschwenkt. „Gerade fachspezifische Fragen in der Berufsschule sind natürlich sehr schwer für ihn gewesen. Da tun sich selbst Muttersprachler nicht immer leicht, die zu verstehen. Deshalb haben wir eine etwas einfachere Ausbildung gewählt und die Lehrzeit auf vier Jahre verlängert. So hatte Ahmed die Chance, einen anständigen Abschluss zu machen.“ Am 16. Juli dieses Jahres hat er es geschafft und seinen Traum verwirklicht. Erfolgreich abgeschlossene Berufsausbildung. „Wir sind alle sehr stolz auf ihn, weil es zeigt, dass Integration und Durchhaltevermögen sich auszahlen und funktionieren, wenn man es will. Ahmed wohnt mittlerweile alleine in einer Studentenbude, hat seinen Führerschein gemacht, bestreitet seinen Lebensunterhalt selbst und hat inzwischen eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis“, lobt Steidle. „Auch wenn die Coronakrise für unsere Branche wie für viele andere natürlich auch eine große wirtschaftliche Belastung darstellt, so haben wir uns trotzdem dazu entschieden, Ahmed zu übernehmen.“ 

Der 23-jährige ist überglücklich, dass er bleiben darf: „Der Job macht mir so viel Spaß und ich will mich bei allen Menschen bedanken, die mich auf meinem Weg unterstützt haben. Die haben ein großes Herz und verstehen, warum Leute aus ihrer Heimat flüchten“, sagt er voller Demut. Welchen Rat hat Ahmed für alle, die in einer ähnlichen Situation stecken, wie er sie durchlebt hat? „Man muss vergessen, was man für ein schweres Leben in der Vergangenheit hatte, und versuchen, sich hier eine gute Zukunft aufzubauen. Dafür muss man Deutsch lernen und sich integrieren. Ich habe gleich einen Sprachkurs gemacht, mich zu Hause immer hingesetzt und gelernt und viel mit anderen gesprochen. Durch den Kontakt auf der Arbeit oder auch beim Fußballspielen mit den Jungs vom SV Heiligkreuz habe ich schnell große sprachliche Fortschritte machen können. Man muss einfach Stück für Stück vorangehen und darf nie aufgeben“, so sein Fazit. 

Mittlerweile ist Ahmed sogar als Laiendolmetscher für die Polizei, das Jugendamt oder die Bundesagentur für Arbeit tätig. Dabei geht fast ein bisschen unter, dass die letzten Jahre auch unangenehme Situationen mit sich gebracht haben: „Manchmal ist die Polizei hier aufgekreuzt, unangemeldet, und hat ihn plötzlich mitgenommen, um ihn zu befragen und zu sehen, ob er sich in Widersprüche verstrickt. Das ist natürlich eine Belastung und beschämend. Da kommt man sich wie ein Verbrecher vor“, erklärt Josef Steidle rückblickend. Aber inzwischen ist Ahmed Feysal nicht nur gut integriert, sondern hat sogar schon Skifahren gelernt und selbstverständlich auch ein deutsches Lieblingsessen. „Kartoffelsalat oder Kässpatzen“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. „Ich will mir übrigens auch unbedingt eine Lederhose kaufen. Noch kann ich mir das leider nicht leisten, aber durch Corona ist die Allgäuer Festwoche dieses Jahr ja eh ins Wasser gefallen. Die Lederhose steht aber weiterhin ganz oben auf meiner Wunschliste“, grinst der 23-jährige. Ahmeds Beispiel zeigt offenbar, dass Inte- gration nicht einfach ist, aber mit Willen, Ausdauer und der Unterstützung anderer Mitmenschen gelingen kann.

Kathrin Dorsch

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