Afghanistan: Geschichte, Gegenwart und Perspektive

"Ein Afghane gibt nie auf"

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Lajos Fischer (v.r.), HI-Geschäftsführer und Moderator des Abends, Annalina Häußermann, Migrationsberaterin bei der Diakonie Lindau sowie Klaus Hackenberg von der Asylberatung der Diakonie Kempten.

Trotz des lauen Sommerabends füllten vergangenen Mittwoch knapp 100 Menschen, darunter viele Afghaninnen und Afghanen und auch ehrenamtlich in Helferkreisen Engagierte, den Saal im Haus International (HI).

In dieser schlicht mit „Afghanistan“ überschriebenen Veranstaltung von HI und der Diakonie Kempten Allgäu lieferten die mit einem Afghanen verheiratete Annalina Häußermann von der Migrationsberatung der Diakonie Lindau, und Klaus Hackenberg von der Asylberatung der Diakonie in Kempten Informationen zum angeblich sicheren Herkunftsland Afghanistan sowie zu den Chancen auf Anerkennung eines Asylantrags für von dort Geflohene. Die wichtigste Info des Abends dürfte dabei gewesen sein, wie wichtig es für diese ist, die Asyl-Sozialberatung aufzusuchen.

HI-Geschäftsführer Lajos Fischer fand es „ziemlich schrecklich“, dass das von den Medien derzeit „stark beherrschte“ Thema für den Wahlkampf genutzt werde. Es gebe aber in vielen Städten auch Mahnwachen, ermunterte er die Leute, sich an der Online-Petition von AGABY (Arbeitsgemeinschaft der Ausländer-, Migranten- und Integrationsbeiräte Bayerns) zu beteiligen, die Bayern aufrufe, nicht den starken Mann zu spielen, sondern sich zu verhalten „wie andere Bundesländer auch“.

Die Geschichte des von mehreren Ethnien bevölkerten Landes mit zwei Amtssprachen (Paschtu und Dari) bei insgesamt 49 Sprachen plus Dialekten, einer zu 98 Prozent islamischen Bevölkerung (80 Prozent Sunniten, 18 Prozent Schiiten) und einer nach UN-Schätzungen über 70-prozentigen Analphabetenquote ergänzte Häußermann mit persönlichen Eindrücken, die sie während ihres Aufenthaltes im März 2017 in Kabul gesammelt hatte. Deutlich wurde der dramatische Wandel Afghanistans, das während der konstitutionellen Monarchie unter Mohammed Zahir Shale (1933–1973) eine „sehr friedliche Zeit“ mit sehr vielen Reformen und Liberalisierungen erfahren habe, in der auch Frauen „alle zur Schule gingen“. Ab 1964 seien die Kommunisten mit wachsendem Einfluss im Parlament gesessen und1979 schließlich die Russen einmarschiert, um eine Annäherung an den Westen zu verhindern. Ihnen hätten Mudschahedin-Gruppen, bei uns vor allem als „Warlords“ bekannt, bis 1989 „Widerstand geleistet“ ,während sie von Pakistan, den USA und Saudi-Arabien „kräftige finanzielle Unterstützung“ erhalten hätten. „Mit den Russen begann ein sehr blutiger Krieg“ – bis heute: Nach dem Abzug der Russen folgte der Bürgerkrieg, 1994 die Machtübernahme durch die Taliban, 2001 die Intervention durch die USA, blickte sie auf „40 Jahre Krieg“ zurück. Die Afghanen seien aber „stolz“, dass kein Land eine „Übernahme“ geschafft habe. Die Interessen lagen für Häußermann klar auf der Hand: Die ausgezeichnete „strategische Lage“ des zwar Binnenlandes, aber mit einigen wichtigen Grenzen; dazu Bodenschätze, unter anderem Öl, „en masse“. Als Schlüsselfiguren nannte sie den opportunistischen ehemaligen Warlord und als „Schlächter von Kabul“ bekannten Gulbuddin Hekmatyar, der nach 20 Jahren Exil in die Politik zurückgekehrt sei sowie den „afghanischen Che Guevara“ Ahmad Shah Massoud, der vor allem gegen die radikale Auslegung des Islam eingetreten und 2001 durch die Al Qaida getötet worden sei.

Misstrauen überall

Bebilderte Einblicke in afghanisches Leben zeigten die für Kabul typischen Lehmhäuser mit einem großen leeren, lediglich mit dicken Teppichen ausgelegten Raum, in dem nachts die Schlafmatten ausgerollt und zum Essen ein großes Plastiktuch auf dem Boden ausgebreitet wird, das den am Boden sitzenden Menschen als Tafel dient. Wie Häußermann betonte, seien Familie und Verwandte „sehr wichtig“ und das „so einsame Leben hier“ für Afghanen ungewohnt. In Afghanistan seien die jungen Menschen, vor allem die Frauen, „die meiste Zeit zuhause“, was keine religiösen Gründe habe, „sondern weil Kabul einfach nicht sicher ist“. Man treffe sich höchstens ab und an tagsüber. Überall regiere Misstrauen gegenüber allem und jedem sowie die ständige Angst vor Anschlägen. Auch in die Politik gebe es kein Vertrauen, die Wahlen seien „eine Farce“ und die „Milliarden an Hilfsgeldern landen in den Taschen der Politiker“. Immerhin gebe es inzwischen wieder 13 Universitäten und „auch Frauen studieren“. Die Perspektive danach sei allerdings alles andere als gut, weshalb „viele davon träumen, ins Ausland zu gehen“. Kurz gesagt, die Stimmung sei eine Mischung aus Frustration und Angst, aber auch Hoffnung, „weil ein Afghane gibt nie auf“.

Dass deutsche Bürokratie für die Geflüchteten noch einmal ungleich schwerer sein muss als für Deutsche, wurde beim Vortrag Hackenbergs über „Dublin-Verfahren, Bescheide, Rechtsmittel & Co.“ sehr deutlich. Als gut gemeinten Rat gab er den Anwesenden mit auf den Weg: Wenn jemand im Dublin-Verfahren steckt, keine Anrufe oder Kommunikationsaufnahme mit dem Bundesamt. Auch warnte er vor der Mitnahme von Smartphones zu Behörden, da es schon vorgekommen sei, dass sie widerrechtlich ausgelesen worden seien. Insgesamt sei die Rücküberstellungsquote zwar „sehr gering“, stürze aber natürlich die „ins Chaos, die gehen müssen“. Die Zustände beispielsweise in Ungarn oder Bulgarien bezeichnete er als „katastrophal“. Er kritisierte unter anderem, dass die „Messlatte“ für das Abschiebehindernis Krankheit „sehr hoch“ gelegt worden sei und zum Beispiel keine posttraumatischen Erkrankungen mehr zählen. Allerdings, räumte er ein, dass die Praxis anders aussehe und mahnte die Zuhörer bei einer möglichen Ablehnung: „keine Panik, rechtzeitig reagieren“ und dringend den Asylberater aufsuchen. Allein der – wenig Sicherheit vermittelnde – Bericht des UNHCR vom Dezember 2016 zur Lage in Afghanistan reiche aus für einen Folgeantrag. Wie Hackenberg angab, liegt die „tatsächliche Anerkennungsquote über der Erstinstanzlichen“ von derzeit 43,8 Prozent; „sehr hoch“ seien die Anerkennungen in der Schweiz und Frankreich. Er warnte aber vor dem „Risiko“, deshalb einfach zu versuchen, nach Frankreich zu gehen – eine Frage, mit der eine Zuhörerin von Afghanen immer wieder konfrontiert werde und die sie an Hackenberg weitergab. Denn in Frankreich würden Fingerabdrücke genommen und abgeglichen, danach gehe es zurück nach Deutschland, wo die Abschiebung warte.

Wie komplex und unübersichtlich die Situation in Afghanistan noch immer ist, wurde im Austausch auch mit den anwesenden Afghanen klar. So sei es schwierig, die Verantwortlichen für die „Unruhe“ im Land zu benennen, denn es seien noch immer unglaublich viele Gruppen dort und auch die Taliban, die kaum aus Afghanen bestünden, sondern aus allen möglichen Ländern kämen, würden wieder stärker. „Man weiß einfach nie, wer wer ist und was er vorhat“, meinte einer.

Christine Tröger

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