Vom ärgsten "Gefangnus" Kemptens bis zur Justizvollzugsanstalt auf dem Bühl

Die Geschichte der Kemptener Gefängnisse – Teil 1

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Der Waisenturm. Ein Anschrieb erinnert an das Katharinenloch. Ecke Kronenstraße, Freudenberg.
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Die Rückseite des Gefängnisses.
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Das (ehemalige) Gefängnis an der Weiherstraße.
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Schwegelinbrunnen an der Südseite der Residenz.
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Hier dürfte das ehemalige Stock- und Blockhaus gestanden haben. Plan von 1828.

VON DR. WILLI VACHENAUER

Der Vorgänger der heutigen Justizvollzugsanstalt auf dem Bühl, das einstige Gefängnis an der Weiherstraße 7, wurde als Landgerichtsgefängnis im Jahre 1856 unter Einbindung älterer Bauten auf dem Gebiet der ehemaligen Stiftsstadt errichtet. In dieser damals neuen Haftanstalt mussten später alle Täter ihre Strafen verbüßen, die das Amtsgericht Kempten zu einer Gefängnisstrafe aburteilte. Die Entstehung des Amtsgerichtes Kempten ist mit der Einführung einer neuen Gerichtsverfassung im Jahre 1879 verbunden.

Die Geschichte des ehemaligen Gefängnisses im Herzen der Stiftsstadt geht aber viel weiter zurück. Das Kloster Kempten, auf dessen Gebiet die spätere Stiftssiedlung, ab 1728 Stiftsstadt und die Reichsstadt Kempten entstand, unterhielt eigene Gefängnisse und später auch Zucht- und Armenhäuser. Diese frühen Verliese (von verliesen, ehemaliger Begriff von verlieren) dienten in erster Linie dazu, um Angeklagte bis zum Beginn ihrer Verhandlung festzuhalten oder Verurteilte bis zur Vollstreckung ihrer Todesstrafe dort einzusperren. Wo sich die ersten Gefängnisse des Klosters Kempten befanden, ist nicht bekannt.

Die Anfänge der ehemaligen Haftanstalt im Herzen der Stiftsstadt dürften in einem Gebäude gelegen haben, das einst an der gleichen Stelle wie die spätere Haftanstalt an der Weiherstraße stand und das der Volksmund schon im 17. Jahrhundert als Hexenhaus und das „ärgste Gefangnus“ der Stiftssiedlung bezeichnete. Allein der Name „Hexenhaus“ zeigt, welche Verbindung die Menschen mit diesem Gefängnis herstellten. Im Untergeschoss dieses Hauses befand sich ein Kellerverlies, das berüchtigte Hexenloch. Dieser Gefängnisraum der Stiftssiedlung ist im Jahre 1707 erstmals in einer Chronik erwähnt. Von den schlimmen Verhältnissen in diesem Verlies wissen wir vom Leubaser Gastwirt und Bauernführer Thomas Trinkwalder aus dem Jahre 1721. 

Trinkwalder, der sich als Wortführer der Bauern gegen Fürstabt Rupert von Bodman aufgelehnt hatte, musste bis zu seinem Prozess sieben Wochen lang dort ausharren. Er nannte es ein kaltes, feuchtes und dunkles Loch, das ungefähr eine Länge von drei Schritten und eine Breite von einem Schritt hatte. Von Heizmöglichkeiten oder sanitären Anlagen keine Spur. Die Inhaftierten erhielten hier ihr kärgliches Essen und mussten sogar ihre Notdurft dort verrichten. Kein Wunder also, dass durch die menschlichen Ausscheidungen die Luft in diesem Gefängnisraum „verpestet“ war. Unter diesen unmenschlichen Bedingungen litten neben dem Bauernführer Trinkwalder auch andere Inhaftierte.

Dieses Hexenhaus mit seinem berüchtigten Hexenloch dürfte der Vorgänger des späteren Block- oder Stockhauses gewesen sein, das an gleicher Stelle entstand und dann als Gefängnisanstalt für das Stiftsgebiet diente. Es ist dafür zu einem nicht bekannten Zeitpunkt im späteren 18. Jahrhundert umgebaut worden. Hier saß dann auch die Dienstmagd Anna-Maria Schwegelin, die man bezichtigte, mit dem Teufel ein Bündnis eingegangen zu sein. Deswegen galt sie lange als die letzte Hexe in Deutschland, die angeblich hingerichtet wurde. In Wirklichkeit musste sie aber bis zu ihrem Tode im Jahre 1781 im stiftischen Block- und Stockhaus ihr Leben verbringen.

Nach dem Umbau handelte es sich um ein zweigeschossiges Gebäude. Im Erdgeschoss befand sich auf der einen Seite die Wohnung des Eisenmeisters mit Stube, Küche, zwei kleinen Kammern und dem Abort (Plumpsklo). In der anderen Gebäudehälfte, getrennt durch einen Mittelgang, lagen sechs gewölbte Zellenräume, die untereinander keine Verbindung hatten. 

Nur vier davon konnten durch einen Ofen beheizt werden. Das Obergeschoss hatte einen ähnlichen Aufbau, nur dass sich an der Stelle der Wohnung des Eisenmeisters, das geräumige Verhörzimmer, die sog. „Stube“ für die „armen Sünder“ befand, die auf die Vollstreckung ihres Todesurteiles warteten. Dort verbrachten die „Todgeweihten“ ihre letzte Lebensspanne unter Bewachung des Eisenmeisters oder seiner Knechte und unter der letzten priesterlichen Betreuung. Die Priester bemühten sich besonders darum, dass die Delinquenten in den letzten Lebenstagen noch Gelegenheit zur Besinnung und Buße hatten. Deshalb hatte dieses geräumigere Zimmer sogar einen eigenen Ofen. Hier hatten Verwandte und Freunde des Verurteilten Gelegenheit für einen letzten Besuch.

Das Stockhaus besaß auch einen kleinen Garten, in dem der Eisenmeister einiges Federvieh für die Eigenversorgung hielt. Dieser Eisenmeister bzw. Eisenvater oder auch Malefizdiener genannt, hatte die Aufgabe, die Inhaftierten zu verköstigen und sie zu Gottesfurcht und zum Gebet anzuhalten. Die Gefangenen waren vollständig seiner Willkür ausgeliefert. Beim kleinsten Verstoß gegen seine Regeln hagelte es Stockschläge und er konnte die Gefangenen sogar nachtsüber in Eisen legen, um sie zu disziplinieren und gefügig zu machen. 

Bei Bedarf sorgte der Eisenmeister dafür, dass die Gefangenen ins Verhörzimmer geführt wurden, wo sie über ihre Missetaten Auskunft geben mussten. Für seine Arbeit erhielt der Eisenmeister zusätzlich zu seinem stiftischen Salär für jeden Gefangenen zwischen acht und zwölf Kreuzer. Da er aber bei der Bevölkerung als unrein, und damit als geächtet galt, musste er ebenso wie der Scharfrichter, der das gleich Los trug, am Rande der Stiftssiedlung bzw. Stiftsstadt wohnen. Im Stockhaus zu Kempten an der Weiherstraße saß später auch der Abgeordnete und „politische Aufrührer“ der Volksbewegung von 1848/49, Fidel Schlund. Er wurde am 29. Juli 1849 verhaftet, ehe er in die Fronfeste nach Augsburg kam.

Eine bedeutende Einrichtung für das Stiftsgebiet war das Zucht- und Arbeitshaus auf der Burg Langenegg bei Martinszell. Diese Burg ging 1647 in den Besitz des Fürstabtes von Kempten. Nachdem die Anlage längere Zeit brachlag und verwahrloste, baute das Stift den Turm im Jahre 1734 in ein Zucht- und Armenhaus für Bettler und Arme um, in dem ein Zuchtmeister die Oberaufsicht führte. Diese Anstalt der Pflegeämter des Fürststifts diente zunächst dazu, das Bettel- und Dirnenwesen zu bekämpfen. 

Später wurde dort alles untergebracht, wie zum Beispiel Untersuchungsgefangene, zum Tode verurteilte Menschen, vermeintliche Hexen, aber auch Trunkenbolde, Irre, und sonstige Züchtlinge, deren Verhalten sich durch harte Arbeit und wenn nötig, durch körperliche Züchtigung bessern sollte. In Langenegg befand sich zunächst auch Anna Schwegelin, ehe sie nach ihrem Prozess ins stiftische Block- und Stockhaus kam.

Bis zur Vereinigung der Doppelstädte, der Stiftsstadt und der ehemaligen freien Reichsstadt Kempten, hatte auch die Reichsstadt ihre eigenen Gefängnisräume. Sie befanden sich in den Türmen der Stadtbefestigungen. Daher kommt auch der Begriff „Türmen“, wenn es einem Gefangenen gelang, aus einem der städtischen Gefängnisse zu fliehen. Es gab aber auch Verliese, die im Kemptener Rathaus eingerichtet waren. Hier mussten die Häftlinge auf ihre Verurteilung warten. Wenn sie nicht zum Tode verurteilt wurden, dann zu einer sogenannten peinlichen Strafe – einer Körperstrafe, die peinigend, also schmerzhaft war, etwa Schlägen oder Folter durch verschiedene Instrumente.

Gefängnisräume richtete die Stadt im unteren Bereich des Rieger- oder Diebsturmes ein. Das wohl gefürchtetste Gefängnis der Stadt, das sog. „fürchterliche Katharinenloch“, lag unter dem Waisen- oder Neustätter Tor. In diesem dunklen und feucht-kalten Kellergewölbe büßten Schwerverbrecher ihre Strafe ab. In dieses Verlies kamen vorübergehend auch solche Personen, auf die der Henker oder Scharfrichter wartete. Es galt als besonders sicher, da man die Gefangenen nur mit einem Seil hinablassen und wieder herausziehen konnte. Hier dürften die Verhältnisse ähnlich unmenschlich wie im stiftischen Hexenloch gewesen sein.

Unter dem Dach des Rathauses befanden sich mit dem Marstall eine „harte“ Gefängniszelle und mit den sog. Narrenhäusern noch zwei weitere abschließbare Räume für rasende Personen. Eine weitere Arrestmöglichkeit war im Hause des Stadtknechtes, in dem es einen extra Raum für Gefangene gab. Auch in den reichstädtischen Gefängnissen übernahm ein Eisenmeister die Betreuung der Gefangenen und die Stadtknechte halfen bei der Bewachung mit.

Aus den Reichsstädtischen Gerichtsakten sind zwei interessante und damals weithin bekannte Justizfälle schriftlich überliefert, die sich in den Jahren 1742 und 1786 in der freien Reichsstadt Kempten zugetragen haben. Da die Täter mit der Todesstrafe belegt wurden, geben diese beiden Fälle einen guten Einblick über die Situation von zum Tode verurteilten Menschen, die sich bis zu ihren letzten Minuten im städtischen Gefängnis im Rathaus befanden. Besonders deutlich wird dabei, welche seelsorgerische Betreuung die beiden zum Tode verurteilten Personen erhielten. Bemerkenswert daran ist, dass sie aus Sicht der Priester geschrieben wurden, die in beiden Fällen die verurteilten Delinquenten die letzten drei Tage hindurch, bis zu deren Hinrichtung betreuten. 

Die wenigen katholischen Bürger der evangelischen Reichsstadt Kempten gehörten damals zum Pfarrsprengel Lenzfried und wurden auch von den Franziskanern des Lenzfrieder Konvents seelsorgerisch betreut. Die Franziskaner betreuten aber auch zum Tode verurteilte Verbrecher mit katholischen Glauben, die aus dem Gebiet des Fürststifts stammten und in ihre Straftaten innerhalb des Territoriums der freien Reichsstadt Kemptener begangen hatten. Erwischte man sie auf frischer Tat, unterlagen sie der Justiz der freien Reichsstadt Kempten.

Die Fortsetzung der Geschichte der Kemptener Gefängnisse lesen Sie in unserer Ausgabe vom 30. Mai 2018.

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