Vom Gewächshaus zur Stadtbücherei - die Geschichte der Kemptener Orangerie

Eine Orangerie mit Büchern

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Ausschnitt aus dem Stadtplan von 1828 mit Hofgarten, Orangerie und fünf Teichen.

Zurzeit gibt es Pläne, die heutige Kemptener Stadtbücherei in der Orangerie zu schließen und sie andernorts unterzubringen.  Dieses Vorhaben ist der Anlass, die Geschichte der Orangerie und der Stadtbücherei näher darzustellen.

Das heutige Gebäude der Orangerie verdanken wir der Bautätigkeit des Fürstabtes Honorius Roth von Schreckenstein, der zwischen 1726 und 1785 lebte und ab 1760 bis zu seinem Tod als Fürstabt in Kemptener Stiftsgebiet wirkte.

Um 1780 ließ der Fürstabt die Orangerie als östlichen Abschluss seines fürstäbtlichen Hofgartens erbauen. In dieser Zeit bestand der Kemptener Hofgarten aus drei Terrassen mit fünf künstlich angelegten Fischweihern für die Karpfenzucht. In der Hofküche waren diese Fische nicht nur in der Fastenzeit willkommen, sondern auch deswegen, weil sie täglich mehr als hundert Personen im fürstäbtlichen Hofstaat versorgen musste.

Die Orangerie ist ein langgestreckter, zweigeschossiger Bau mit zwei dreigeschossigen hervorspringenden Eckteilen und einem dreiseitigen hervortretenden Mittelpavillon. Der einst eingeschossige Mittelpavillon wurde später zweigeschossig umgebaut und mit einem Dreiecksgiebel versehen. Die Orangerie diente, wie der Name schon sagt, als Gewächshaus für südländische und klimasensible Pflanzen, enthielt aber auch Räume für gesellige Zwecke. Da sich das Gebäude der Kemptener Orangerie in West-Ost Richtung erstreckt, bot es aus damaliger Sicht für die Anlage der exotischen Pflanzen optimale Licht- und Wärmeverhältnisse.

Nach der Säkularisation ging die Orangerie 1804 einschließlich seines nördlichen Geländes in Privateigentum über. Als während des ersten Weltkrieges 1915 ein Jagdflugzeug auf die Orangerie stürzte, gab es am Westflügel des Gebäudes erhebliche Beschädigungen. 1923, also in der Zeit der Inflation, wurde das das Gebäude an die Stadt veräußert. Diese nutzte die Orangerie zunächst als Wohnhaus und dann als Obdachlosenunterkunft.

1935 überließ die Stadt die Orangerie samt den anliegenden Grundstücken kostenlos der Wehrmacht für den Bau der Prinz-Franz-Kaserne. Um genügend Platz für die Kaserne zu haben, gab es sogar Pläne, die Orangerie abzureißen. Sie wurden jedoch aufgegeben als die die Wehrmacht dort ein Offizierskasino einrichtete. Bis 1938 schmückte ein Fresko mit der bildlichen Darstellung der vier Jahreszeiten das Deckenwölbe des heutigen Lesesaals.

Als nach dem Zweiten Weltkrieg der Besitz in das Eigentum des Bayerischen Staates ging, diente der Barockbau zeitweise als Unterkunft für „Displaced Persons“ und dann als Jugendherberge. Nachdem im Jahre 1959 die Stadt das Gebäude zunächst anmietete, gelangte es 1961/62 wieder in ihren Besitz. Die vielen Jahre der unterschiedlichen Nutzung hatten an der Substanz der Orangerie ihre deutlichen Spuren hinterlassen.

Daher musste die Stadt das Gebäude gründlich sanieren lassen, um es zunächst für eine Gartenbauausstellung und dann für die Stadtbibliothek nutzen zu können.

Die Geschichte der Stadtbibliothek

Die ersten Anfänge der Bücherei dürften im kleinen Kloster um die heutige Lorenzkirche gelegen haben, aus dem sowohl die spätere Stadt als auch das Stift Kempten hervorging. Zu jedem Kloster gehörte eine Bibliothek nicht nur für sakrale, sondern auch für Bildungszwecke. Von dieser frühen Bücherei, deren Bestände dann in Pfarrbücherei St. Lorenz übergingen, dürften auch Impulse für die spätere Stadtbibliothek ausgegangen sein, da die Stadt auch in Bildungsfragen nach Unabhängigkeit strebte. Vor dem 30-jährigen Krieg gab es in den Gebäuden des stiftischen Klosters verschiedene Bibliotheken. Als 1632 die Schweden mithilfe reichsstädtischer Bürger das Stift ausplünderten und brandschatzten, ging auch die Stiftsbüchereien in Flammen auf. Bis nach dem Bau von Lorenzkirche und Residenz im Stift die neue Bibliothek entstanden ist, dürfte wohl geraume Zeit vergangen sein. Dies lässt sich aus einer Inventarliste aller Bücher des Jahres 1803 erkennen. Danach stammten fast alle Werke aus der Mitte oder der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. In dieser Zeit genoss die Stiftsbibliothek relativ wenig Bedeutung. Denn die Bücher waren in einem offenen und für Jedermann frei zugänglichen Raum untergebracht und die Aufsichten wechselten häufig. Als letzter Bibliothekar des Stifts ist uns „Thomas Wenig“ überliefert, ein Doktor der Theologie und Philosophie, Hofkaplan und geistlicher Rat. Ihm verdankt man auch die Aufteilung der Bücherei in die fürstliche Hofbibliothek, die hauptsächlich der Fürstabt nutzte, und in die Konvents- oder eigentliche Stiftsbibliothek, in der die anderen Hofbeamten und Priester ihren Lesehunger decken konnten. Als die Franzosen im Jahr 1800 nach Kempten kamen, fielen etliche der wertvollen und unersetzlichen Werke ihrem Treiben zum Opfer. Nach der Säkularisation im Jahre 1802 verkaufte man viele der übriggebliebenen wertvollen Bücher zur Schuldendeckung oder man hat sie sogar zur Ausbesserung der schlechten Wege in die Schlaglöcher geworfen.

Das reichsstädtische Fundament für die heutige Stadtbücherei liegt in der Bibliothek der St.-Mang-Kirche, die man als Gegenstück zur Pfarrbücherei des Stifts betrachten kann. Schon kurz nach Bau der ersten Kirche im 8. Jahrhundert dürfte hier eine kleine Bücherei für sakrale Zwecke vorhanden gewesen sein. Als erster Stifter ist uns der Priester Hans der Roth bekannt, der im Jahre 1437 der Bücherei sechs Bücher vermachte. Als Martin Luther 1524 Bürgermeister und Räte der Städte aufforderte, Schulen und Bibliotheken einzurichten, erhielt die Stadt- und Kirchenbibliothek Kempten neue Impulse. Ab 1600/1601 begann unter „Josef König“ die systematische Erfassung des Bücherbestandes, als er ein Register für gestiftete und ausgeliehene Bücher anlegte.

Durch weitere Bücherstiftungen konnte die Bibliothek, die bis 1766 im südlichen Bereich der St. Mang-Kirche untergebracht war, ihre Bestände erheblich erweitern. Als Sachwalter der Bücherei standen zunächst die Pfarrer der Kirche zur Verfügung, ehe dann Rechtsgelehrte diese Aufgabe übernahmen. Während der Renovierung der St. Mang-Kirche lagerten die Bücher in der Dienstwohnung des damaligen Stadtsyndicus „Betz“, der auch die weitere Katalogisierung vornahm. Danach kamen die Bücher auf den Dachboden des altstädtischen Schulhauses, das sich im ehemaligen St. Anna-Kloster (heutige Suttschule) befand.

Mit Magistratsbeschluss von 1855 erfolgte eine Trennung des Bücherbestandes der „Stadt- und Kirchenbibliothek Kempten“. Die theologischen Bücher und ein Teil der historischen Werke gingen in die evangelische Kirchenstiftung St. Mang über und fanden in Nebenräumen der St. Mang-Kirche ihren Platz. Nach 1907 kamen die Kirchenbücher in den noch heute bestehende Bibliotheksraum der Kirche. Die weltlichen Bücher wurden nach dem Abbruch der alten Schule in der Polizei-Arrestzelle im Rathaus aufbewahrt. Nach 1865 kamen die Bücher in das neu gebaute Schulhaus an der Sutt. Neben der Bücherei, die mit der heutigen Bibliothek kaum vergleichbar ist, konnten die Bürger ab Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Lesehunger über eine Mitgliedschaft in den verschiedenen Lese- oder Fortbildungsvereinen befriedigen. Der „Bürgerleseverein“ hatte in der Wirtschaft zum Schützen, der Leseverein „Harmonie“ im Harmoniegebäude an der Salzstraße, der Gewerbeverein in der Traube/Altstadt, die beiden Arbeiterfortbildungsvereine in der Traube/Neustadt und im Gasthaus Kreuzgarten ihre Leselokale. Für die Mitglieder des literarischen Vereins gab es sogar einen Lesezirkel.

Erst als dann die Stadtbücherei 1980 aus der Suttschule ins Erdgeschoss des Kemptener Kornhauses umzog, erhielten die Lesefreunde die Möglichkeit, die Bücher der Stadbibliothek mit Einschränkungen zu nutzen, da sich sich in einem dunklen und schmalen Raum befand. Bibliothekare waren „Martin Leichtle“, der Professor der Realschule „Max Förderreuther“ Prof. Denk und von 1915 bis 1920 Prof. Dirchmayr. Da der Raum im Kornhaus für den Museumsumbau benötigt wurde, bezog die Bücherei 1921 neue Räume im Gebäude des ehemaligen Stadtsteueramtes in der Salzstraße (gegenüber der Wittelsbacher Schule), indem sich zuvor das Jakobiinstitut, eine Art private berufliche Bildungseinrichtung befand. Hier standen der Stadtbücherei in sechs Räumen 110 qm zur Verfügung. Die Bücherei hatte nur am Samstagnachmittag von 14 bis 16 Uhr geöffnet.

Die Räume im Stadtsteueramt erwiesen sich für die Bücherei als wenig geeignet, da sie klein, eng und feucht waren. 1932 schloss sich die Bücherei dem Leihverkehr an. Während das Stadtarchiv schon 1919 ins Neubronner Haus umzog, übersiedelte die Bücherei erst ab 1937 in gemietete Räume des Hauses „Reichart“ an der Salzstraße/Ecke Bodmanstraße 4. In diesem, damals noch von allen Seiten freistehenden Haus, hatte die Stadtbücherei natürliches Licht von allen Seiten und vor allem auf 750 Quadratmeter Fläche genügend Raum. Sie konnte jetzt das gesamte Schrifttum der engeren Kemptener Heimat aufnehmen. Sie erlangte den Ruf, eine Zentrale der Allgäuer Literaturforschung zu sein, die viele Schriften enthielt, die über die Stadt Kempten oder das Allgäu erschienen sind oder von Allgäuern geschrieben wurden.

In dieser Zeit verfügte die Bibliothek über 23.000 Bücher, 30 Zeitschriften und zehn Tageszeitungen. Diese Räume durfte auch der historische Verein“ für seine Bücher nutzen. Ebenso durfte die „Alpenvereinssektion Kempten“ ihre circa 1200 Bände unterbringen, die aber nur an Mitglieder ausgeliehen werden durften. Hier hatte die Bücherei am Samstag von 14 bis 16 Uhr und am Mittwoch von 17 bis 19 Uhr geöffnet.

Nach dem 2. Weltkrieg kam es schon 1945 unter der Bibliothekarin Fräulein Hagl und durch Schweizer und amerikanische Schenkungen zum Ausbau der Bücherei und sie hatte ab da täglich geöffnet. Ebenfalls richteten die amerikanischen Besatzer in den Räumen des ehemaligen Hotels Krone hinterm Kornhaus eine Amerikanische Lesestube ein, die an die 3000 Bände, davon 350 in deutscher Sprache enthielt. Der im gleichen Haus untergebrachte Jugendlesesaal des Volksbildungswerkes verfügte über 1000 Bände Jugendliteratur. Am 20. November 1946 beschloss der städtische Bildungsausschuss in einer Sitzung für die Anschaffung von Zeitungen, Zeitschriften und Büchern für die Jugendlesestube und die Stadtbibliothek einen Zuschuss in Höhe von 7000 Reichsmark zu gewähren.

1963 musste die Stadtbibliothek die gemieteten Räume an der Salzstraße/Ecke Bodmanstraße räumen, da der neue Eigentümer das Gebäude für geschäftliche Zwecke benötigte. Am 30. März 1963 zog die Stadtbibliothek in die restaurierte Orangerie ein, wo ihr auf zwei Etagen fast 1300 Quadratmeter Nutzfläche zur Verfügung stehen. Hier entwickelte sie sich zu einem beliebten Kristallisationspunkt für Bücherfreunde, Studierende und alle Interessierten, die sich Medien ausleihen oder im Lesesaal in Büchern und aktuellen Zeitschriften und Zeitungen schmökern, um ihr Wissen zu erweitern. Am 17. März 1966 zerstörte ein Feuer den Westflügel und den Kuppelsaal des Gebäudes. Dabei wurden viele der Spätrokoko-Stuckaturen und ungefähr ein Drittel des Buchbestandes vernichtet. Der Gesamtschaden betrug ungefähr eine halbe Million DM. Aber schon im Januar 1967 konnte die Bibliothek wiedereröffnet werden.

Um die Stadtbücherei etwas zu entlasten und den Bürgern im südlichen Stadtbereich längere Wege zu ersparen, wurde im Stadtteil St. Mang am 1. Oktober 1990 die Stadtteilbibliothek im Rotschlößle eingerichtet. Am Ostersonntag 2013 feierten die Kemptener das 50-jährige Jubiläum der Stadtbibliothek in der Orangerie.

Heute (Stand Ende 2016) sind über 130.000 Medien verfügbar. 8172 Menschen nutzen regelmäßig das Angebot und leihen sich 633.000 Werke aus. Da diese Zahlen ständig steigen, leidet die Bücherei schon seit längerem unter Platzmangel. Ein weiteres Manko besteht darin, dass die Orangerie nicht barrierefrei ist. Daher gab es ab 2011 Pläne, die sowohl eine Verlegung als auch eine Erweiterung der bestehenden Bibliothek vorsahen. Seit 2017 gibt es den Plan, die neue Stadtbibliothek auf der Zumsteinwiese westlich des neuen Sparkassengebäudes über der deren Tiefgarage zu bauen. Da dieser Vorschlag aber auf unterschiedliche Meinungen stößt, will die Stadt auch andere Ideen berücksichtigen.  Dr. Willi Vachenauer

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