Es gibt viele Möglichkeiten

Faszination Campen – kleine Alltagsflucht im Grünen

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Vom Ein-Mann-Igluzelt bis zum luxuriösen Großzelt bietet auch diese Art von Camping ein breites Spektrum.

Jeder dritte Deutsche plant diese Jahr eine Camping-Reise in Deutschland oder den Nachbarländern. Aber was fasziniert die Menschen eigentlich so am Campen? 

Laut aktueller Umfrage des CIVD (Caravaning Industrie Verband e. V.). lieben Camper am Campen vor allem die „Pause vom Alltag “ und das Naturerlebnis. Zusammen mit der Freude am Entdecken von neuen Orten waren dies die meistgenannten Motive für den Campingurlaub.

Fragt man dasselbe Menschen auf Campingplätzen und in Campingbussen, hört man ähnliche Antworten. „Nirgends bin ich der Natur so nah!“ „Hier habe ich ein besonderes Gefühl der Freiheit und Autarkie“. So schwärmen eingefleischte Campingfans von dieser Art zu verreisen. Und wer sich im Urlaub nicht festlegen will, ist ebenfalls genau richtig. Der Campingplatz ist nicht schön oder ganz schön voll? Weiter geht die Reise. Schlechtes Wetter am Urlaubsziel? Dann ändert man eben spontan die Reisepläne. Bei der lang gebuchten Pauschalreise hingegen muss alles perfekt passen, beim Campen hingegen ist oft schon der Weg das Ziel.

Der Trend zum Campen mag daher kommen, dass wir in der heutigen, schnelllebigen Zeit die Nähe zur Natur vermissen. Weil wir im Büroalltag zu selten Zeit haben, um den Vögeln im Stadtpark zuzuhören. Und nachts vor den Tagesthemen einschlafen, statt in den Sternenhimmel zuschauen. Campen bringt uns zurück zur Einfachheit. Und die allseits gepredigte „Achtsamkeit“ – das Leben im Hier und Jetzt – stellt sich schnell ein, wenn die Zeltheringe im steinigen Boden nicht halten oder der Bus schief steht.

Campen riecht außerdem schwer nach Freiheit - einfach die nötigsten Sachen zusammen packen, das Zelt aus dem Keller holen und für ein paar Tage dem Alltag entfliehen. Dann sitzt man am Lagerfeuer, schaut genüsslich in den Sternen-Himmel und hofft, dass das Wetter hält, die Kinder schlafen und der Zeltnachbar nicht zur Spezies der Schnarcher gehört.

Sehnsucht nach Freiheit und Erholung

Schon Anfang des 19. Jahrhunderts kommt die Sehnsucht nach naturnahem Urlaub auf. Und mit ihr die ersten Campingclubs und Publikationen zum Campen. Im „Camper's Handbook“ des britischen Schneiders Thomas Hiram Holding, das 1908 erscheint, geht es um Grundwerte wie Freiheit, Natur, ein Leben jenseits bürgerlicher Zwänge. In den Goldenen Zwanzigern wird Camping in ganz Westeuropa populär – endlich haben breite Kreise der arbeitenden Bevölkerung echte Ferien. Die Anfänge sind bescheiden, aber günstig und erholsam. Man nutzte die freie Zeit mit Familie und Freunden. Und erholte sich kostengünstig in der Natur. Die meisten Arbeitnehmer hatten am Wochenende frei. So entstand zunächst die sogenannte „Wochenendbewegung“. Dann brach der zweite Weltkrieg aus und erst mit Einsetzen des Wirtschaftswunders konnten sich die Deutschen wieder richtigen Urlaub leisten. Die ersten Autos wurden umgebaut und mit Camping-Equipment ausgestattet. Camping boomte übrigens auch in der DDR – das kleine Stück Freiheit war allerdings der Einheitspartei ein Dorn im Auge, da es den „schädlichen Individualismus“ begünstigte.

Die große Camping-Familie

Kinder lieben es, im Zelt zu übernachten. Und Camping ist aus vielen Gründen sehr familienfreundlich. Keine strafenden Blicke pikierter Wellness-Urlauber am Hotel-Buffet, wenn die Kleinen durch die Halle toben, viele neue Urlaubs-Freunde und überschaubare Kosten machen es für Familien unkompliziert und attraktiv.

Viele Camper schätzen an Ihrer Urlaubsform auch die Mobilität. Ein Zelt ist schnell aufgebaut und die beliebten „Reisemobile“ tragen die Flexibilität schon im Namen. Mit dem rollendem Zuhause kann man auch mal eine Nacht fernab vom Campingplatz oder auf Stellplätzen stehen bleiben – sehr praktisch auch auf der Durchreise. Beim Campen darf auch Bello immer mit dabei sein – rund 25 Prozent der befragten Camper entscheiden sich wegen ihrer vierbeinigen Freunde für einen Campingurlaub.

Außerdem spielt beim Camping auch die Geselligkeit eine große Rolle. Der Urlaub unter Gleichgesinnten macht ein Viertel der Befragten einfach glücklich. Wer zum ersten Mal auf einem Zeltplatz ist, erfährt schnell, dass dies ein wesentlicher Teil des Camping-Urlaubs ist. Salz vergessen? Die Nachbarn im Wohnmobil helfen gerne aus. Und schon sitzt man gemeinsam am Tisch, auf mitgebrachten Campingstühlen, und wird in die lokalen Geheimtipps eingeweiht. Danach weiß man meist die wichtigsten Insidertipps, nämlich dass es bei Luigi auf dem Markt die beste Mortadella gibt und im „Da Stefano“ radteller-große Pizzen.

Tipi oder Expeditionszelt?

Manch einer verbringt ja neuerdings sogar sein ganzes Leben im Zelt. Auf der Suche nach dem „einfachen und erfüllten Leben“ ist jüngst eine bayerische Familie in eine einfache Yurte gezogen. Die traditionelle Behausung der mon- golischen Nomaden ist eine zeltähnliche Konstruktion mit Holzgerüst. Eine solche Yurte kann sehr schnell demontiert und wieder neu aufgebaut werden. Früher wurde sie auf Kamelen transportiert, heute passt sie problemlos auf ein kleines Geländefahrzeug. Den spartanischen aber dennoch sehr erfüllten Alltag der Familie beschreibt das unterhaltsame Buch „die fliegende Yurte“ des Autors und Fotografen Stefan Rosenboom, der sie drei Jahre lang begleitet hat.

Wer nicht gleich mit Hab und Gut in eine mobile Behausung umziehen will, hat zahlreiche Möglichkeiten, das Nomaden–Leben zeitweise auszuprobieren. Die einfachste und kosten- günstigste ist das Zelt. Nirgends ist man näher an der Natur, nachts kann man das Meer rauschen oder den Regen auf das Zeltdach prasseln hören. Zelte sind schnell aufgestellt – mittlerweile gibt es sogar Wurfzelte, die mit einem „Wurf“ aufgebaut sind und nur noch festgemacht werden müssen. Das Abbauen wiederum beinhaltet eine komplizierte Dreh-Falttechnik, die für Zaungäste amüsant sein kann (leider meist nicht für die Besitzer selbst).

Zum Sommerbeginn findet man Zelte aller Art bei Discountern und in Outdoor-Läden – vom mannshohen Modell für ganze Familien bis zum sturmerprobte Tunnelzelt für die nächste Himalaya Expedition. Ihr größter Vorteil ist der günstige Preis und die platzsparende Aufbewahrung. Schon für 25 Euro bieten Discounter die kleine Freiheit an. Ein kleines Iglu-Zelt findet auch fast immer noch ein Plätzchen auf der Zeltwiese oder unter Schatten spendenden Bäumen. Natürlich ist ein Festivalbesuch mit dem Zelt der Klassiker. Wer dorthin sein nagelneues Expeditionszelt mitnimmt, muss allerdings mit dem Schlimmsten rechnen.

Der Nachteil beim Zelten: so nah man der Natur ist, so unangenehm wird es bei Wind und Wetter. Denn der Gang zum Waschhaus durch knietiefe Pfützen oder im prasselnden Regen ist keine große Freude. Manch einem hat es auch schon das ganze Zelt weg- geschwemmt oder weggeweht, je nach Qualität bangt man um Gepäck und Wassersäule. Und ein Unwetter in den Bergen macht seinem Namen im Zelt erst alle Ehre. Am nächsten Morgen fühlt man sich dafür wie ein echter Held – draußen überlebt, in der gefährlichen Wildnis! Jetzt schnell zum Kiosk und die wohlverdienten Brötchen fürs Frühstück holen.

Der Wohnwagen – eine Allgäuer Erfindung

Wer es lieber komfortabler mag, entscheidet sich für ein rollendes Zuhause „am Haken“, den Wohnwagen. Erfunden hat ihn übrigens ein Allgäuer, Arist Dethleffs aus Isny, auf Wunsch seiner praktisch veranlagten Frau Friedl. Ihr verlangte es „nach einem Zigeunerwagen“ wo sie malen und gleichzeitig wohnen konnte, um ihn mit Kind und Kegel auf Geschäftsreisen zu begleiten.

Gesagt, getan, der Allgäuer „Mächler“ (Allgäuer Tüftler und Erfinder) machte sich ans Werk und schon 1931 ging es mit dem weltweit ersten „Wohnauto“ auf große Fahrt. Die Idee kam so gut an, dass die Peitschenfabrik in Isny bald zur Wohnwagen-Fabrik wurde. Eine neue Urlaubsform entstand – das Caravaning. Rund 800 Menschen sind heute, 84 Jahre später, in Isny beschäftigt, Freizeitmobile mit und ohne Motor herzustellen. Und auch im benachbarten Oberschwaben finden sich weitere zahlreiche Hersteller von Freizeitmobilen. Auch beim günstigen Urlaub scheinen sich die sparsamen Schwaben also auszu- kennen. Wobei günstig nicht immer für die mobilen Urlaubsbegleiter gilt. Neben preiswerten Einstiegsmodellen gibt es auch hier – je nach Luxus und Komfort – keine Preisgrenze nach oben.

Wer sich für die Geschichte des Caravanings und Oldtimer interessiert, kann in Bad Waldsee im „Erwin Hymer Museum“ eine vergnügliche Zeitreise durch acht Jahrzehnte mobile Camping-Welt unternehmen.

Auch heute noch ist der familienfreundliche Caravan ein Verkaufsschlager. Das rollende Zuhause wird am Urlaubsort abgestellt. Man hat seine eigenen vier Wände dabei. Kein steriles Hotelzimmer wird je so gemütlich sein. Das rollende Domizil trotzt Wind und Wetter, und der nächtliche, schlaftrunkene Gang zum Waschhaus erübrigt sich dank eigenem Bad. Hatte der Wohnwagen zeitweise ein eher spießiges Image, wird er heute von vielen Familien als praktische Alternative zu Ferienwohnung und Zelt gesehen. Das rollende Zuhause ist schnell mit allem Nötigen ausgestattet und das nervige herum-krabbeln am Boden oder die Enge eines kleinen Zeltes gehört der Vergangenheit an. Dank kleiner und kompakter Wohnwägen können auch Führerschein-Einsteiger damit verreisen. Allerdings bietet es sich an, ein Fahrtraining mit dem Gefährt zu machen, bevor der erste Alpen-Pass bezwungen wird. Sie werden vom örtlichen ADAC und auch in Isny vom Hersteller Dethleffs alle zwei Jahre angeboten.

Camping mit Motor

Wer es noch flexibler mag, der kauft sich ein Wohnmobil – einen motorisierter Wohnwagen also. Oft zählt die Kundschaft zu den sogenannten „Best Agern“, die neben dem nötigen Kleingeld auch über ausreichend Zeitreserven verfügen, den Traum von langen Reisen zu verwirklichen. Überwintern in Spanien und der Frühjahrstrip in Skandinavien – viele träumen davon, später einmal monatelang die schönsten Plätze Europas zu erkunden.

Für Familien gibt es praktische Alkoven-Mobile, die über der Fahrerkabine eine Schlafkabine haben, die Kinder besonders kuschelig finden. Viele Wohnmobile haben auch zusätzliche Betten, die sich in Sitzgruppen oder im Dach verstecken.

Bei Sportlern sind Busse und Reisemobile ebenfalls beliebt. Das Sportgepäck hat genug Platz und nach einem anstrengenden Tag auf dem Rad oder auf dem Wasser ist das Bett nicht weit. Der Trend geht dabei zu kompakten Bussen, die oft von außen nicht als Wohnmobil erkennbar sind. So kann man auch mal eine Nacht unbeobachtet in freier Natur stehen, oder „frei stehen“ wie es im Camper-Jargon heißt. Deshalb wurde der VW-Bus Anfang der 60-er Jahre in Kaliforniern das Spaßmobil der Surfer. Er symbolisiert Unabhängigkeit und Freiheit – mit direktem Blick aufs Meer immer bereit sein für die perfekte Welle oder aufkommenden Wind. Praktisch ist am liebevoll „Bulli“ genannten Bus, dass er wegen seiner Größe unkompliziert im Alltag besteht. Seine Geburtsstunde war bereits 1950. Er wurde in den 60er und 70er Jahren das Symbol der Hippie-Bewegung und von seinen Besitzern fantasievoll ausgebaut und bemalt. Mit Jesuslatschen und bunten Batik-Kleidern bepackt fuhren viele damit auf dem „Hippie-Trail“ bis nach Indien. So bekam der „Bulli“ Kultstatus als Campingfahrzeug und hat heute zahlreiche eigene Festivals, zum Beispiel jährlich im Juli auf Fehmarn. Dort kann man die schönsten Exemplare bewundern.

Wer nach einen Camper oder Caravan sucht, der ist auf dem „Caravan Salon“ in Düsseldorf goldrichtig. Die weltweit größte Caravan-Messe findet Ende August statt. Dort sind alle erdenklichen Varianten ausgestellt – von kleinen, wendigen Campingbussen bis zu großen Luxus-Linern mit integrierter Garage für den Zweitwagen. Alle, die reise-mobile Luft erst mal schnuppern wollen, können zahlreiche Mietangebote nutzen.

Camping ganz spartanisch oder de Luxe

Das richtige Ambiente interpretiert beim Campen jeder anders – der eine träumt von einsamen Buchten, andere brauchen Sauna und eigenes Waschhaus für das Urlaubsglück. Vom Klassiker, dem „ADAC Campingführer“ bis hin zu „Cool Camping“, einem Reiseführer für ausgefallene Zeltplätze, ist in Buchhandlungen und Internet für fast jeden Geschmack ein Campingplatz-Führer zu finden. Für Wohn- mobile gibt es außerdem spezielle Führer mit Stellplätzen in ganz Europa, auf denen man günstig für ein paar Nächte unterkommt. Auch im Internet wird man schnell fündig. Die Datenbank von camping.info listet rund 25.000 Campingplätze in Europa auf. Wer auf Deutschlands beliebtestem Campingplatz Urlaub machen will, hat es übrigens nicht weit, denn der liegt im Allgäu. Der „Campingplatz Hopfensee“ an der „Allgäu Riviera“ wurde zum innerdeutschen Sieger des Portals gekürt.

Ein neuer Trend beim Campen ist „Glamping“, entstanden aus den Begriffen „Glamour“ und „Camping“, das einen Hauch Luxus unter das Outdoor-Erlebnis mischt. Hier wohnt man in beson- deren, luxuriösen Behausungen, vom voll ausgestatteten Safarizelt in der afrikanischen Savanne bis zum typisch amerikanischen Airstream-Trailer.

Das Gesetz des Waldes

Natürlich klingt es weit romantischer, wie Winnetou im wilden Westen einsam dem Sonnenuntergang zuzuschauen, als auf einem parzellierten Campingplatz. Allerdings ist Wildcampen in Deutschland eine Ordnungswidrigkeit. Das „Campieren“ fällt unter das Landes- beziehungsweise Bundes-Waldgesetz. Hier ist geregelt, dass auf öffentlichem Gebiet nur an speziell gekennzeichneten Orten übernachtet werden darf. Auf Privatgelände darf nur mit Zustimmung des Besitzers gecampt werden. „Lagern“ ist erlaubt, was allerdings bedeutet, dass man lediglich „eine Pause macht“. Wer länger bleibt, fällt unter den Fachbegriff „Campieren“. Das Gesetz versteht darunter ganz unromantisch „das Nächtigen von Personen in mobilen Unterkünften wie Zelten, Wohnwägen, Kraftfahrzeugen, Wohnmobilen, Mobilheimen und dergleichen im Rahmen des Tourismus“. Nicht erlaubt. Wo in Europa freies Campen noch möglich ist, findet man beispielsweise in der ADAC Campinginfo-Broschüre „freies Campen und Übernachten in Europa“.

Und schließlich gibt es noch den Begriff des „biwakieren“. Das „Campieren außerhalb von Campingplätzen während eines kurzen, durch den Anlass gebotenen Zeitraumes im hochalpinen Gelände". Wer also auf der Bergtour eine Nacht im Zelt verbringt, hat keine aufgebrachten Ordnungshüter zu fürchten.

Generell sollte man also in Deutschland in der freien Natur nicht über mehrere Tage am selben Ort „lagern”, keinen Müll hinterlassen und keine sonstigen Schaden anrichten. Offenes Feuer ist tabu, wegen Waldbrandgefahr. Auch in Jagdgebieten sollte man – schon aus reiner Selbstliebe – nicht seine Zelte aufschlagen.

Es versteht sich ja eigent- lich von selbst: wer den Aufenthalt in der Natur genießt, stört oder schädigt niemand und hinterlässt keine Spuren. Das wussten schon die Apachen.

Wer es möglichst naturnah will, aber nicht ganz auf die Vorzüge der Zivilisation verzichten mag, sucht sich kleinere Camping-Plätze. Oder einen Naturcampingplatz, die es mittlerweile in vielen euro- päischen Ländern gibt. Par- zellierte Flächen gibt es dort genauso wenig, wie eine Gästeanimation. Dafür viel Platz und Naturerlebnis. Vogelgezwitscher und totale Entschleunigung sind dafür in- klusive. Großes Indianer-Ehrenwort!

Steffi Koller

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