Geschichten aus Mailand

Christoph Erber ist derzeit Zivildienstleistender in einer Mailänder Waldorfschule. In unregelmäßigen Abständen berichtet der 19-Jährige im KREISBOTEN von seiner Arbeit und seinen Erlebnissen.

Vor ein paar Wochen durfte ich die Oberstufe der Waldorfschule, an der ich hier in Italien seit September meinen Zivildienst leiste, zu einer Theateraufführung im „Piccolo Teatro di Milano“ begleiten. Lessings „Nathan der Weiße“ stand an diesem Abend auf dem Programm, dessen Inhalt ich dank einer intensiven Behandlung im Deutschunterricht auch noch grob im Kopf hatte. Zumindest diese Tatsache stimmte mich zuversichtlich, trotz der immer noch vorhandenen Sprachbarriere wenigstens einen Teil der Aufführung zu verstehen. Diese Zweifel verflogen allerdings bereits nach den ersten Szenen des Stückes, da ich überraschenderweise einen Großteil der Dialoge verstand. Besonders gut gefielen mir die Kostüme der Schauspieler, da sie sehr detailliert dem geschichtlichen Zeitraum der Handlung nachempfunden waren. Alles in allem war ich von der Veranstaltung sehr begeistert und freue mich schon auf den Besuch von Shakespeare’s „Romeo und Julia“, das demnächst gespielt wird. Auch hier werde ich wohl wieder eine Klasse begleiten dürfen, da die Waldorfschule grundsätzlich sehr viel Wert darauf legt, dass die Schüler die zahlreichen kulturellen Angebote von Mailand nutzen können. Am darauf folgenden Wochenende, am Palmsonntag um genau zu sein, fand in meiner Schule der alljährliche Osterbasar statt, den es bereits seit der Gründung der Waldorfschule vor über 25 Jahren gibt. Deshalb hatte ich das ganze Wochenende lang in der Schule zu tun. In erster Linie ging es dabei darum, sämtliche Tische, Stühle und Bänke aus den einzelnen Klassenzimmern zu räumen. Danach wurden diese dann nach einem, mir persönlich sehr willkürlich erscheinenden, System in und vor denselben Klassenzimmern positioniert. Auf den Tischen sollten später Kosmetika, Schmuck, Kleidung und Spielzeug ausgebreitet und zum Kauf angeboten werden. Neben dem eigentlichen Basar war vor allem für die Kinder noch jede Menge geboten. So gab es zum Beispiel einen Stand an dem sie selbst Waffeln machen konnten und einige Lehrer führten in Form eines Kasperletheaters Märchen der Gebrüder Grimm auf. Außerdem konnten die Kinder Ostereier bemalen und Osterschmuck basteln. Gegen Abend, nachdem die kleinen und großen Besucher erschöpft nach Hause gegangen waren, ging es für mich erst richtig los. Die anstehenden Aufräumarbeiten sollten nämlich noch bis in die Nacht hinein dauern. Abgesehen von diesem Wochenende, konnte ich jedoch auch einige der arbeitsfreien Samstage und Sonntage nutzen, um den Norden Italiens ein wenig zu erkunden und genauer kennenzulernen. Dank der italienischen Bahn belastete dies meinen Geldbeutel dann auch nicht all zu stark und ich war relativ schnell und unkompliziert am Ziel. Unter anderem machte ich einen Tagesausflug nach Como, wovon mir vor allem der malerische Blick über den von den Bergen eingerahmten Comer See in Erinnerung bleiben wird. Städte besichtigt Einen weiteren Tag verbrachte ich in der Kleinstadt Pavia, die knapp 35 Kilometer südlich von Mailand an der Mündung des Ticino in den Po liegt. Neben einer der ältesten Universitäten Europas (gegründet im Jahr 1361) beherbergt Pavia auch die geschichtsträchtige Basilika San Michele Maggiore – dort wurde einst Karl der Große zum König der Langobarden gekrönt. Eine weitere Sehenswürdigkeit Pavias ist die „Ponte Coperto“, eine überdachte Brücke, die im vierzehnten Jahrhundert errichtet wurde. Nach ihrer vollständigen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg musste sie allerdings einige Meter weiter flussaufwärts wiederaufgebaut werden. Der Straßenverlauf und einige Trümmerstücke im Flussbett erinnern jedoch weiterhin an die Lage der alten Brücke. Ebenfalls nicht weit, jedoch im Nordosten von Mailand gelegen, besuchte ich am darauf folgenden Wochenende die Stadt Monza, die vor allem durch ihre Motorsport-Rennstrecke, den „Autodromo Nazionale di Monza“, bekannt ist. Jedes Jahr am ersten Sonntag im September findet dort das Formel-1-Rennen um den Großen Preis von Italien statt. Die Rennstrecke liegt im Park von Monza, der mich vor allem durch seine Größe beeindruckt hat. Mit seinen knapp 700 Hektar Fläche ist er beinahe zweieinhalb Mal so groß wie der berühmte Central Park in New York. Auch in den nächsten Wochen habe ich vor, ein paar Ausflüge zu unternehmen und mir dafür bereits Turin, Bergamo und Genua als Ziele ausgesucht. Darüber und über weitere Erlebnisse wie beispielsweise das Frühlingsfest, das am kommenden Wochenende in meiner Schule gefeiert wird, werde ich in meinem nächsten Artikel berichten.

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