"In ein paar Wochen sieht es aus als sei nichts gewesen"

Die spinnen aber gewaltig

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In wenigen Wochen entschlüpfen den derzeitig gespenstisch eingewobenen Bäumen helle Falter mit dunklen Punkten auf den Flügeln.

Kempten/Landkreis – Ob sie dem Verhüllungskünstler Christo wohl eine Art Vorbild und Inspiration gewesen ist? Gemeint ist die Gespinstmotte, die derzeit unter anderem im Allgäu ihr „Unwesen“ treibt und manche Wälder – oder auch nur einzelne Bäume – mit ihrem jährlich inszenierten Naturschauspiel gespenstisch erscheinen lässt.

Für Menschen ungefährlich, ist kaum ein Laubgehölz vor den äußerst gefräßigen Tieren sicher. Sie gehören zur Familie der Schmetterlinge und sind im mitteleuropäischen Raum mit mehreren Gattungen sowie rund 50 Arten vertreten. Sie fressen sich vom Apfelbaum – wo sie wie auch bei anderen Obstbäumen für empfindliche Ernteeinbußen sorgen können – bis zur Weide durch so ziemlich das gesamte Baum- und Sträucher-Alphabet.

Weiden sind laut Peter Titzler, Abteilungsleiter am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Kempten, derzeit besonders betroffen. „Ideale Bedingungen für die Brut im Vorjahr“ bedeuten für die Wirts-Bäume Kahlfraß, als stünde der Winter vor der Tür. Dazu muten die rasch gänzlich kahl gefressenen, manchmal fast gänzlich in spukhafte Kokons gehüllten oder von ihnen durchwirkten Bäume an, wie Märchengestalten in einem Geisterwald.

Ein Problem sieht Titzler trotzdem nicht, denn „gerade Weiden sind in der Lage wieder neue Triebe zu bilden und in ein paar Wochen sieht es aus, als sei nichts gewesen“, erklärt er ganz entspannt. Anfang bis Mitte Juli schlüpfen die Falter laut Revierförster Andreas Fisel, vom Revier Hörnergruppe, nämlich und „dann ist der ‚Spuk’ vorüber – auch für den Baum“. Von der Gespinstmotte betroffen seien, so Titzler, zudem „immer nur Baumarten, die damit umgehen können“ und gerade bei Weiden „muss man sich gar keinen Kopf machen“. Anders sei das mit dem derzeit starken „Eschentriebsterben“, das allerdings durch einen mutierten Pilz ausgelöst wird, der die Triebe befällt. Das sei „ein echtes Problem in ganz Europa“, aber auch bei uns, da diese „Baumart sehr klimaneutral ist“.

Die Gespinstmotte ist dagegen also harmlos und nur optisch spektakulär. Ein bisschen mehr „spektakulär“ hat sie doch zu bieten, zum Beispiel das faszinierend-raffinierte Fortpflanzungssystem zum Arterhalt: Wie Dachziegel angeordnet legen die Falter ihre Eier an der Rinde des Baumes ab und überziehen es mit einem transparenten Sekret, unter dem die nach wenigen Wochen geschlüpften Jungraupen den Winter gut überstehen. Im Juni beginnt dann ihre Verpuppung und innerhalb weniger Tage wird so ein Baum oder Strauch mit einem feinen Gespinst überzogen, unter dem die Larven zunächst längere Zeit in kleinen Gruppen zusammenbleiben. Wird der Fressbedarf größer, lösen sich diese Raupennester auf und die Larven zerstreuen sich. Ein paar Wochen später schlüpfen auch schon die Falter, mit ihren dunklen Punkten auf hellem Grund.

Für die Raupen und Puppen bietet das Gespinst, in dem auch kleine dunkle Punkte – Kotbröckchen – zu sehen sind, optimalen Schutz nicht nur vor Fressfeinden, sondern auch vor biologischen oder chemischen Bekämpfungsmitteln. Somit ist Fisels Bemerkung, dass Gegenmaßnahmen nicht erforderlich sind und man das Ganze besser „als faszinierendes Naturschauspiel“ nehmen soll, vielleicht auch die nervenschonendste Lösung.

Von Christine Tröger

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