"Es geht immer um Macht"

Wer gestaltet unsere Welt? - Was Spielzeug damit zu tun hat

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Koschka Linkerhand reist in ihrem Vortrag von feministischer Theorie zur gelebten Realität von Mädchen und Frauen.

Kempten – Emanzipiert? Sind wir doch längst! Das ist eine häufige, reflexhafte Reaktion, sobald jemand das Thema Feminismus aufbringt.

An diesem Abend geht es im Kemptener react!OR allerdings nicht um die Notwendigkeit, sondern um den theoretischen Kern des Feminismus. Die Leipziger Autorin Koschka Linkerhand spricht über ihren Zugang zum Feminismus, der sich auf den historischen Materialismus – einer Strömung der Philosophie und der Kulturtheorie – stützt und stets auch die ökonomischen Machtverhältnisse im Blick behält. Historische Frauenbewegungen, erklärt Linkerhand, seien von ihrem eigenen Erfolg gefressen worden. So zerfiel die erste große Frauenbewegung, die für das Frauenwahlrecht gekämpft hat, nachdem sie 1918 die Gesetzesänderung bewirkt hatte. Die Frauenbewegung in den Siebzigerjahren kämpfte u.a. für ein Recht auf Abtreibung und den Zugang zur Erwerbstätigkeit – Ziel war, Frauen Eigenständigkeit zu ermöglichen. Mit der Institutionalisierung der Frauen- und Familienrechte und der Integration von Frauen auf dem Arbeitsmarkt verstummte auch diese Stimme. 

Ab den Neunzigern hatte der Feminismus kein konkretes Ziel mehr, es sind andere politische Herausforderungen in den Vordergrund gerückt. Erst in den letzten Jahren finden feministische Akteure einen neuen Fokus. Linkerhand erkennt im derzeitigen Rechtsruck eine Ursache: „Rechtsextremismus und Frauenunterdrückung hängen zusammen.“ Rechten Bewegungen sei gemein, über ein reduziertes Männlichkeitsbild zu verfügen, das sich in erster Linie über die Abgrenzung zur Frau bzw. all dem definiert, was stereotypisch mit weiblich konnotiert ist. Diesem Bild, der Herrschaft über das Weibliche, würden sie eine so große Bedeutung einräumen, sagt Linkerhand, „dass sie sogar bereit sind, wichtige Arbeitnehmerrechte oder Freiheiten dagegen einzutauschen.“ Es geht hierbei nicht um die Sehnsucht nach dem scheinbar glücklicheren „Damals“, als Familien mit stärker ausgeprägten Rollenbildern stabiler erschienen, sondern um die Konstituierung von Machtverhältnissen. 

Der Mensch: ein Gestalter? 

Koschka Linkerhand landet schnell bei einer Ikone des Feminismus: Simone de Beauvoir, die in den Vierziger- und Fünfzigerjahren mit u.a. „Das andere Geschlecht“ theoretische Grundlagen für Philosophie und Feminismus geschaffen hat. Wie in der sogenannten Kritischen Theorie üblich, ging Beauvoir dialektisch vor und schloss an die Thesen Adornos und Horkheimers („Dialektik der Aufklärung“ aus dem Jahr 1944) an: Der Mensch habe mit seiner Zivilisierung den Prozess zum Subjekt vollzogen: Er sei nun ein gestaltendes Wesen und besitze die dafür notwendige Macht. Dem Subjekt zueigen sei das Streben über sich selbst hinaus. Ursprünglich ist damit die Ausweitung seines Machtraumes gemeint, in heutiger Zeit ist das gut im beruflichen wie ökonomischen Kontext zu verstehen: Der Mensch unterzieht sich Anstrengungen, um die Welt um sich herum an seine Bedürfnisse anzupassen. Dagegen setzte Beauvoir die traditionelle Frauenrolle: Von einer Frau werde erwartet, sich den Alltagsstrukturen, die sich aus den Bedürfnisse der Familie ergeben, einzufügen. Diese Erwartungen stünden einer Verwirklichung als Individuum, dem Streben nach individueller Freiheit und Selbstbestimmung, entgegen. Freilich gibt es Frauen, die selbst zum Gestalter werden. 

Bundeskanzlerin Angela Merkel etwa muss oft als Beispiel dafür herhalten, dass geschlechterspezifische Unterdrückung in unserer Gesellschaft keine große Rolle mehr spiele. Dies sei aber insofern ein Trugschluss, als sich in Merkels Lebenslauf wie auch in ihrem Habitus deutlich zeigt, dass sie sich aktiv einer Zuschreibung traditioneller Frauenrollen verweigert. Genauso ist ein Mann nicht zwangsläufig ein Sexist, wenngleich ihm die strukturellen Voraussetzungen dafür gegeben wären. Es liegt einzig in seiner persönlichen Verantwortung, wie er sich im Alltag verhält. Voraussetzung dafür, dass eine Emanzipation, Befreiung, aus diesen Strukturen gelingt: Finanzielle Unabhängigkeit, Bildungschancen und passende Prägung. Gerade Letzteres bedeutet, dass Unterdrückung nicht nur von Männerseite forciert, sondern auch von Frauenseite reproduziert wird. Das geschieht zum Beispiel über geschlechtsspezifische Konsumartikel mit eindeutigen Botschaften: Der Junge wird mit dem Piratenspielzeug auf Abenteuer, auf das Hinauswachsen vorbereitet, Mädchen wird dagegen mit Prinzessinnenmotiven „Liebe und Sicherheit und Schönsein“ als Ziel ausgegeben. 

Sozialisation erfolgt dabei größtenteils unbewusst und unreflektiert, erst die Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle und die Fähigkeit, sich selbst in Beziehung zu anderen Personen zu setzen, ermöglicht es, patriarchale Strukturen, wie aber auch jegliche andere Machtverhältnisse zu erkennen. Die Frauenbewegung ab 1968 hat diesen subjekttheoretischen, materialistischen Ansatz von Beauvoir aufgegriffen und eine Verbindung zwischen Frauenunterdrückung und Kapitalismus herausgearbeitet: Im Kapitalismus gibt es kein direktes Herrschaftsverhältnis mehr, wie zwischen Sklaven und Sklavenhalter; die Strukturen sind komplexer und haben indirekte Abhängigkeitsverhältnisse entstehen lassen, die ein Erkennen der Machtverhältnisse, von Unterdrückung, erschweren. Die Neunzigerjahre brachten der Kulturtheorie den „linguistic turn“ und später den Queerfeminismus. Nun geht es um Sprach- und Normkritik, das Sichtbarmachen der Unterdrückten. Linkerhand kritisiert, dass der Queerfeminismus an dieser Stelle stehenbleibe und die Strukturen der Unterdrückten nicht weiter analysiere. 

Martina Ahr

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