Der Kemptener Gestaltungsbeirat tagt bei vollen Zuhörerreihen

Kritischer Blick auf Bauvorhaben

+
Auf Kritik im Gestaltungsbeirat stieß, dass sich die Form des neuen Parkhauses nach aktuellem Planungsstand nicht harmonisch einfügt.

Kempten – Nach dem „Paukenschlag“ von OB Thomas Kiechle, indem er vergangenen Freitag via Pressemitteilung seine Vision eines Neubaus für die Stadtbibliothek als Gebäudependant zum Neubau der Sparkasse am Eingang des Stadtparks kund getan hatte, stand es (wie berichtet) auch schon auf der Tagesordnung des Gestaltungsbeirats Anfang dieser Woche. Dieser hatte die prinzipielle Idee eines Gebäudependants ins Spiel gebracht, um die Eingangssituation zum Stadtpark klar zu definieren.

So gab es auch gleich Lob von Landschaftsarchitektin Katja Aufermann dafür, „dass es möglich war über den gesteckten Rahmen nochmal hinauszudenken“, indem man dem Realisierungsteil des Wettbewerbs zur Gestaltung des Stadtparks einen Ideenteil zugefügt habe. In diesem werden sich die Teilnehmer nun also noch intensiver mit einem Großraum Tiefgarageneinfahrt befassen müssen, wo die Stadtbibliothek wunschgemäß rund 3000 Quadratmeter Nutzungsfläche für sich beanspruchen soll. Derzeit wuchert um die Einfahrt Gestrüpp, um den flachen Überbau der Tiefgarage zu verdecken, was bei Aufermann „ein bisschen Hinterhofgefühl“ hervorrief – eine Situation, die künftig ebenso klar definiert sein soll, wie die restlichen Seiten des Stadtparks. Ihr Beiratskollege Architekt Werner Binotto will dafür „die Lage der Raumkante“ – die westliche oder alternativ östliche Linienfortführung des Zumsteinhauses – ebenso dem Ideenwettbewerb geöffnet sehen, wie die Größe des Gebäudes. Denn die „Frage des Außenraumes sei zusammen mit dem Gebäude zu klären und da sollte seines Erachtens auch über die angrenzenden „Schutzobjekte“ Zumsteinhaus und insbesondere Waschhaus „nachgedacht werden“.

Neubau Berufsschule St. Georg

Schon fortgeschrittener waren die Überlegungen für den größeren Raumbedarf der Berufsschule St. Georg. Nun wurden Pläne für einen Neubau vorgelegt, um eine erste Einschätzung des Gremiums dazu zu bekommen. Es geht dabei allerdings nicht um das Hauptgebäude in der Mozartstraße, sondern um das, laut Architekt, aus den 1950er/60er Jahren stammende Gebäude in der Königsstraße, in dem früher die Bundeswehrfachschule untergebracht war. Nach der Erkenntnis, „sanieren macht keinen Sinn“, habe man zunächst an ein Punkthaus gedacht, dann aber eine Lösung vorgezogen, bei der ein langgestrecktes Gebäude den Straßenraum ein bisschen begleite. Laut Baureferent Tim Koemstedt muss sich ein Gebäude an dieser Stelle lediglich „in Art und Größe einfügen“, da es keinen festgesetzten Bebauungsplan dort gebe. Beiratsvorsitzender Prof. Carl Fingerhuth wies auf die „vielen identitätsstiftenden Merkmale“ in dieser Straße hin. Der „radikalen Autonomie“, die hier architektonisch beansprucht werde, „fehlt hier irgendwie die Verankerung“, sah er keine Notwendigkeit, dass an diesem Ort „das extrem Neue“ gesucht werden müsse. Gerne dürfe das Gebäude aber höher ausfallen als diese „flache Schublade“. Dazu hatte der Architekt als Alternative zum Flachdach auch eine geneigte Dachvariante in petto, durch das schon „mehr Volumen erzeugt“ werde. Denn mehr Raumbedarf, für ein weiteres Stockwerk, habe die Schule nicht.

Neues Parkhaus Bahnhofstraße

Dass der Ort zwischen Punkthaus und dem Gebäude der Telekom und gegenüber dem Forum Allgäu „städtebaulich markant“ ist, darüber waren sich Beirat und Architekt Klaus Maucher einig. Unter den von Maucher im Zusammenhang mit dem von ihm dort entworfenen Parkhaus genannten Begriff „Knackpunkt“ fällt, dass ein Teil des Geländes noch vier Jahre lang von der dortigen Discothek inklusive Raucherecke genutzt werden darf. Gebaut werden soll in 16-Meter-Achsen Fertigteilen, angelegt als „halbgeschossig versetztes System“, in dem alles in den oberen Etagen für öffentliches Parken freigegeben werden soll, der untere Bereich für Privatparken. Da es den von Süden kommenden Suchverkehr abfangen soll, ist die Zufahrt an der Bahnhofstraße vorgesehen. Das Treppenhaus soll einen direkten Übergang zum Forum Allgäu ermöglichen. „Eine schwierige Angelegenheit“ nannte Maucher das Thema Parkhausfassade, die „noch mit heißer Nadel gestrickt“ und ohne fixierter Details sei. Vorstellbar war für ihn „eine semitransparente Fassade“, die eine spezielle Beleuchtungswirkung im Dunkeln erzeuge. Für ansprechende Optik bei Tageslicht soll dagegen eine Fassadenbegrünung sorgen.

„Ganz schön viele Rahmenbedingungen“, die es hier zu beachten gelte, bescheinigte Stadtplaner Norbert Dietzinger dem Standort, der so etwas wie eine „Stadteinfahrt“ werden könne. Das geplante Parkhaus allerdings habe eine „gewisse Selbstreferenzialität“, beziehe sich also „sehr auf sich selbst“ und weniger im Kontext. Als Verschwendung wertete er die Tatsache, dass anders als im südlichen Gebäudeteil, im nördlichen kein Untergeschoss geplant sei, was laut Maucher zwar möglich sei, aber kostenintensiv.

Auch wenn der Wunsch Dietzingers, im Erdgeschoss eine öffentliche Nutzung anzusiedeln, prinzipiell bei Architekt und Investor auf offene Ohren stieß. Da Einzelhandel hier untersagt und es sonst keine finanziell tragfähige Idee dafür gebe, musste dieser Gedanke zumindest vorerst verworfen werden. Problematisch sah Maucher aber vor allem die Anregung, das Gebäude mit Penthouse-Wohnen abzuschließen, da es dafür andere „technische Erschließungen“ und Strukturen als für ein Parkhaus brauche und auch die Lage auf gleicher Höhe mit dem Antennenwald auf dem Dach des Telekomgebäudes, „genau im Richtfunk“, werfe die Frage nach einer „guten Wohnnutzung“ auf. Unzufrieden zeigte sich Werner Binotto, dass sich das Gebäude aufgrund der starren Fertigbauteile nicht an den geschwungenen Straßenverlauf anpasse und machte klar: „So schräg, wie es jetzt steht, das geht nicht“.

Zwei Objekte in Lenzfried

Zwar habe man erst zwei Gespräche mit der Bauverwaltung geführt, wolle aber doch schon mal die „Marschrichtung“ ausloten, erklärte Bauherr Gerhard Breher, Geschäftsführer BreFa in Woringen, zu seinen Plänen für das ehemalige Schulgebäude Gerhardingerweg 4 neben dem Kloster in Lenzfried. Wie berichtet ist dort eine Wohnbebauung geplant, nach Möglichkeit mit Erhalt des bestehenden Schulgebäudes. Lediglich Begrünung ist für den südlichen Grundstücksbereich vorgesehen. Probleme gebe es vor allem mit der Erschließung, wegen der „sehr schmalen Zuwegung“ über den Gerhardingerweg, wie der Architekt erklärte. Allerdings arbeite man an der wahrscheinlichen Lösung einer Zufahrt über den Parkplatz des nahen Lebensmittelmarktes. Brefa-Mitarbeiter Thomas Engelbrecht betonte, dass man sich auf dem Plateaugrundstück der „Geschossigkeit“ des Klosters anpassen wolle. Während der Gestaltungsbeirat eine Erschließung von Süden als „sicher sinnvoll“ erachtete, könne man sich das Bestandsgebäude „nicht für Wohnbebauung vorstellen“. Das Grundstück sei so wertvoll und wichtig, „dass wir uns hier einen Architektenwettbewerb wünschen“, meinte Dietzinger abschließend.

Ebenfalls in Lenzfried gelegen, beschäftigte den Beirat noch die Planung eines Einfamilienhauses in der Bischof-Haneberg-Straße, zu der die Meinung des Gestaltungsbeirats gefragt war. Zur sichtlichen Enttäuschung des Bauherren befand Aufermann das Gebäude „in seiner Nachbarschaft eher fremd“, auch aus topographischen Gründen. Da die Erschließung des Neubaugebiets zwischen Anna-Straubing-Straße und Lenzfriederstraße noch unklar sei, empfahl sie erst die Bebauungsplanung abzuwarten, da man zum jetzigen Stand noch nicht „auf das große Ganze schließen“ könne. Laut Baureferent muss der Bauherr dadurch mit einer Verzögerung von circa einem Jahr rechnen.

Christine Tröger

Auch interessant

Meistgelesen

Video
Parkettböden - Wohngefühl und Lebensqualität
Parkettböden - Wohngefühl und Lebensqualität
Manuel Schäffler testet Lithium-Ionen-Batterie in einem E-Auto
Manuel Schäffler testet Lithium-Ionen-Batterie in einem E-Auto
Sonderkommission der Polizei ermuntert Bürger, die Polizei zu verständigen
Sonderkommission der Polizei ermuntert Bürger, die Polizei zu verständigen
Drei Fraktionen schicken Westfalen ins Rennen um das Bürgermeisteramt in Waltenhofen
Drei Fraktionen schicken Westfalen ins Rennen um das Bürgermeisteramt in Waltenhofen

Kommentare