1. kreisbote-de
  2. Lokales
  3. Kempten

Gestaltungsbeirat lässt überarbeiteten Entwurf für Studentenwohnheim abblitzen

Erstellt:

Von: Helmut Hitscherich

Kommentare

Die beiden Animationen zeigen den aktuellen Planungsstand für die Studentenwohnanglage, die auf dem brachliegenden Seitz-Gelände an der Kreuzung Immenstädter Straße/Haslacher Berg entstehen soll. A
Im Gestaltungsbeirat erneut heiß diskutiert: Der vom Freistaat geförderte Neubau einer Studentenwohnanlage mit serviced Appartements und drei Penthäusern auf dem Seitz-Gelände. © Animation: IBO Immobilien Service, An- und Verkauf GmbH

Kempten - Unzufrieden zeigten sich die Mitglieder des Gestaltungsbeirats mit dem erneut vorgelegten Entwurf für ein Studentenwohnheim an der Immenstädter Straße.

Das Thema Studentenheim auf einem Teil des ehemaligen Seitzgeländes an der Immenstädter Straße wurde erstmalig in der Februarsitzung des Gestaltungsbeirats behandelt. Auf dem angrenzenden Grundstück, auf dem sich der Verkaufsraum und die Werkstätten des Autohauses befunden hatten, soll die Hochschule erweitert werden, wofür das Staatliche Bauamt derzeit mit der finalen Kostenschätzung befasst ist.

Im Februar hatte der Gestaltungsbeirat nicht nur eine alternative Zufahrt der Tiefgarage angeregt, sondern auch dem Wunsch Ausdruck verliehen, an dieser Stelle trotz des Rentabilitätsdruckes keine allzu massive Bebauung nach „Schema F“ zu planen. Wie berichtet, sollen 138 geförderten Wohneinheiten für Studenten, 70 „Serviced Appartements“ und drei Penthouse-Wohnungen sowie eine Tiefgarage entstehen. Als das vom Freistaat geförderte Projekt diese Woche erneut im Gestaltungsbeirat zur Diskussion stand, war das Gremium enttäuscht darüber, dass außer der alternativen Tiefgaragenzufahrt keine Planänderungen erfolgt waren.

Der Entwurf sieht drei rechteckige, über Erdgeschoss und Tiefgarage miteinander verbundene Punkthäuser mit fünf Geschossen plus je einer zurückgesetzten Penthouse-Wohnung in Nord-Süd-Ausrichtung vor. Das Grundstück ist im derzeitig gültigen Bebauungsplan als Gewerbegebiet festgesetzt, weshalb lediglich eine maximale Wandhöhe von ca. fünf Metern zulässig ist.

Wunsch des Gestaltungsbeirats im Februar: Die Lage der Tiefgaragenzufahrt überdenken und die alternative Erschließung vom Haslacher Berg an der Süd-Ost-Ecke des Grundstückes untersuchen, da eine Verlagerung den gestalterischen Spielraum für eine hochwertige und qualitätvolle Ausformung der Freiräume zwischen der Studentenwohnanlage und den künftigen Hochschulbauten deutlich erhöhen könne, so die Begründung.

Außerdem sollte die Bebauung des Grundstücks im Hinblick auf die bauliche Dichte, die Positionierung der Gebäudekörper sowie die Höhenentwicklung – gerade mit Blick auf die Gesamtentwicklung der beiden Areale und die benachbarte Wohnbebauung – neu überdacht werden. Neben einer Überarbeitung der vorgestellten Planung sollten grundsätzlich andere alternative Lösungsansätze mit differenzierten Gebäudesetzungen, Höhenentwicklungen und Raumkanten-/bildungen untersucht werden. Ferner sollte die Entwicklung des Grundstückes, wo die Hochschul-Erweiterung erfolgen soll, zumindest mitbedacht werden.

Drei Blöcke statt Front

Der Geschäftsführer der Seitz Autogruppe Martin Osterberger-Seitz: „In der ersten Runde wurden gute Ideen durch den Gestaltungsbeirat eingebracht, die wir versucht haben, weitestgehend umzusetzen. Wir haben 3.000 Quadratmeter behalten und freuen uns, das Gelände jetzt bebauen zu können.“ Demnach sollen weiterhin statt einer geschlossenen Front drei aufgelockerte Blöcke gebaut werden, so dass zwischen den Gebäuden Durchblicke entstehen. In diesen Zwischenräumen könnten Osterberger-Seitz zufolge auch Feiern stattfinden.

„Wir haben jetzt vier Varianten entwickelt. Die Tiefgarage wurde um zwölf Stellplätze verkleinert und die Zufahrt auf die Südseite Haslacher Berg verlegt“, erläuterte er das Vorhaben. Als eine weitere Alternative schlug er einen durchgehenden, fünf- bis sechsgeschossigen Gebäuderiegel in Ost-West-Ausrichtung vor. Dieser Vorschlag wird allerdings von der Verwaltung als städte-räumlich nicht zielführende Lösung abgelehnt.

„Die Gebäude sollen in Holzbauweise als Vorzeigeprojekt gebaut werden, mit begrünten Flachdächern und Photovoltaik-Paneelen. Auch soll jedes Studentenappartement einen eigenen Balkon haben. Die Belange der Feuerwehr und des vorbeugenden Brandschutzes sind insofern berücksichtigt, als an der Nordseite der jeweiligen Gebäudekörper Fluchttreppen dauerhaft installiert werden sollen.“

Mehrere Kritikpunkte

Die Mitglieder des Gestaltungsbeirats gingen mit dem Bauherrn hart ins Gericht. „Von wegen alles weitestgehend umgesetzt. Lediglich die Tiefgarageneinfahrt wurde verlegt“, so Architekt und Stadtplaner Thomas Glogger. Die Verlagerung der Tiefgaragen-einfahrt sollte den Anschluss nach Norden an die Hochschule verbessern, „mit den Feuertreppen ist genau das Gegenteil eingetreten“.

Er sagte, dass das Hochschulgelände mitzudenken, für beide Seiten Vorteile bringe. „Für uns ist das zu wenig Qualität. Alternativen sollten aufgezeigt werden, keine Varianten. Es sollte neu gedacht werden, auch die Höhe der Gebäude. Dichte und Zahl der Wohnungseinheiten sollte man nicht von vorne herein festlegen, sondern das sollte Ergebnis der Planung sein“, kritisierte er.

Auch die Gebäudehöhe sorgte erneut für Unmut. „Wir wollen das Projekt nicht kleinreden“, beteuerte Glogger und schlug vor, auf die Penthouse-Wohnungen zu verzichten und dort stattdessen einen Zugang für die Wohngemeinschaften zu schaffen. „Unten Studenten und oben Wohnungen verträgt sich nicht“, war er überzeugt.

Die Fluchttreppen sollten laut Glogger in die Gebäudestruktur integriert werden. Eine kleinteilige Bebauung wäre ihm zufolge sinnvoller, eventuell sollte auf eine Zimmerachse verzichtet und die Nordwestecke überarbeitet sowie auf die dortige Wohnung im Erdgeschoss verzichtet werden. An die Verwaltung gerichtet befand er: „Es ist sehr beengt in den Innenhöfen, die Balkone sind nicht berücksichtigt. Eine Belichtungs- und Sonnenstudie sollte in Auftrag gegeben werden – eine Mindestanzahl an Sonnenstunden muss gewährleistet werden.“

Für Prof. Hans-Peter Hebensperger-Hüther, der die abwesende Bü Prechter in der Vorsitzenden-Funktion vertrat, lässt das Grundstück diese Dichte nicht zu. „Es wurden zu wenig Gedanken über das studentische Leben gemacht. Die Freiräume zwischen den Häusern reichen nicht aus. Es müssen mehr Freiräume eingeräumt werden und da bieten sich die Dächer an“, begründete er. Er wunderte sich darüber, dass die Erweiterung der Hochschule und der Studentenwohnungen nicht in einem Konzept erarbeitet wird. „Es wäre besser, wenn das in einem gemeinsamen Wettbewerb gemacht wird.“

Osterberger-Seitz wies darauf hin, dass „wir bis heute nicht wissen, was sie Hochschule macht. Seit zehn Jahren soll dort bebaut werden, geschehen ist bisher nichts. Irgendwann ist die Geduld zu Ende.“ Für ihn ist der derzeitige Zustand des Geländes Kemptens unwürdig. „Wir wollen etwas entwickeln, das für Kempten gut und für Studenten gut ist.“ Die Appartements könne er auch bestens für seine Mitarbeiter gebrauchen, die auf Wohnungssuche sind. „Auf die drei Penthäuser können wir nicht verzichten. Das Objekt muss ja auch wirtschaftlich betrieben werden können“, sagte Osterberger-Seitz.

Laut Hebensperger-Hüther wird immer stark wirtschaftlich über Nachhaltigkeit diskutiert. „Ein Projekt wie dieses an dieser Stelle halte ich für sehr problematisch.“ Aus seiner Sicht wird die Nachfrage nach studentischem Wohnen nachlassen. Wenn es eines Tages weniger Studenten gibt, könnte es sein, dass jetzt Raum produziert wird, der dann leersteht. „Diese Dichte, ein Quantensprung für die Nachbarschaft, ist noch dichter als die dortigen Hochhäuser.“ Er bezweifelte, dass man Studentenwohnheime langfristig noch als Geschäftsmodell betrachten könne. „Studenten arbeiten unter Zuhilfenahme des Internets von zu Hause aus.“

Gestaltungsbeirätin Prof. Hannelore Deubzer war der Auffassung, dass man im Februar eine Übereinkunft über die Baukörper, Dichte und Höhe erzielt habe. Man habe andere Lösungsansätze gewünscht, bekräftigte ihr Kollege Helmut ­Kuess. „Es wird zur Einbahnstraße, wenn wir Quantität nehmen. Es fehlt an Qualität, der Vorschlag bietet keinerlei Qualität. Mit einem Verschieben der Gebäude ist es nicht getan.“ Er forderte ein bis zwei ganz andere Vorschläge: „Eine Transformation eines Gewerbegebiets muss hochwertig erfolgen. Das ist mit diesem Vorschlag nicht gegeben.“

Osterberger-Seitz verteidigte den Vorschlag erneut und erklärte, dass diese Nachverdichtung so benötigt werde. „Wir holen damit Studenten aus dem Umland, die dort Wohnungsraum freigeben. Eine andere Bauweise rechnet sich für uns nicht.“

Kommentar

Gut, dass der Gestaltungsbeirat das in dieser Form geplante Bauvorhaben ablehnt. Wer fast den identischen Entwurf wieder einreicht, braucht sich nicht zu wundern, wenn er abgelehnt wird. Hätte der Bauherr nicht mehr „Fingerspitzengefühl“ entwickeln sollen? War es ihm nicht bewusst, dass er damit den Gestaltungsbeirat herausfordert? Wie würde er handeln, wenn er in seinem Betrieb Vorgaben macht, und keiner hält sich daran?  Zu hoch, zu dicht, unpassend an dieser Stelle. Städtebaulich nicht verträglich. Am höchsten Punkt an der Immenstädter Straße solch einen wuchtigen Komplex mit bis zu sechs Etagen hinzustellen, lässt den unbedarften Zuschauer und die Anwohner erschauern. Kann man guten Gewissens den in unmittelbarer Nähe in ein- bzw. zweigeschossigen Häusern Wohnenden solch eine Wand vor die Nase setzen? Da wird einem bildlich gesprochen „die Luft zum Atmen genommen“. Was nützen die Balkone in den Zwischenräumen, wenn sie kaum ein Sonnenstrahl erreicht. Diese drei Häuser wären von überall aus allen Richtungen zu sehen und würden nicht nur die unmittelbare Umgebung beherrschen. Man kann nur hoffen, dass der Investor in sich geht und eine komplett neue Planung anpackt, die in die Umgebung passt und städtebaulich verträglich ist. Die Begründung für diese Planung, dass das Projekt nur in dieser Form wirtschaftlich betrieben werden kann, scheint wie bei etlichen anderen Projekten ein Totschlag- argument zu sein. Vielleicht wäre es auch sinnvoller abzuwarten, wie die Gebäude der Hochschulerweiterung aussehen. Die Entscheidung ist jetzt ja zeitnah zu erwarten. Man könnte dort dann ein Areal aus einem Guss bebauen. Helmut Hitscherich

Lesen Sie auch: Bauausschuss verabschiedet den Bebauungsplan Herrmann-von-Barth-Straße

Auch interessant

Kommentare