Konstruktiv-kritisch nimmt der Gestaltungsbeirat seine Arbeit auf

Mehr Baukultur für Kempten

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Die Mitglieder des Gestaltungsbeirats (vorne v.l.) Landschaftsarchitektin Katja Aufermann (München), Architekt und Kantonsbaumeister im schweizerischen St. Gallen Werner Binotto, OB Thomas Kiechle, Architekt, ehemaliger Kantonsbaumeister in Basel-Stadt und frisch gekürter Vorsitzender des Gestaltungsbreirats Prof. Carl Fingerhuth (Zürich), Architekt und Stadtplaner Norbert Dietzinger (Eichstätt), (hinten v.l.) Architektin Prof. Karin Schmid (München), Erwin Hagenmaier (CSU), Hans-Peter Hartmann (FW), Theo Dodel-Hefele (Grüne), Antje Schlüter (Leiterin des Stadtplanungsamts), Siegfried Oberdörfer (SPD), Helmut Hitscherich (UB/ödp) und Baureferent Tim Koemstedt.

Kempten – Lange wurde hin und her diskutiert, ob er denn kommen soll oder nicht. Im Dezember letzten Jahres wurden im Stadtrat schließlich die Namen und Qualifikationen auch der externen Mitglieder bekanntgegeben. Vergangenen Montag hat der Gestaltungsbeirat nun seine Arbeit aufgenommen und sich erstmals in öffentlicher Sitzung zu drei Bauvorhaben zusammengefunden. Wie mehrfach berichtet, soll das unabhängige Gremium Bauvorhaben in Kempten beratend begleiten und gegebenenfalls Empfehlungen abgeben.

Auch wenn dem Gremium keine beschließenden Kompetenzen eingeräumt sind, wurde doch sehr schnell klar, dass in Kempten baulich Manches anders gelaufen wäre, wenn es diese Runde schon früher gegeben hätte. An Kritik wurde jedenfalls nicht gespart; nicht bei der geplanten Aufstockung, Umbau und Sanierung des Gebäudes Salzstraße 35 und noch weniger an zwei anstehenden Vorhaben auf dem ehemaligen Brauhausgelände: Sanierung und Umnutzung Fasshalle mit Neubau des Kopfgebäudeteils im Süden sowie dem Bau einer barrierefreien Wohnanlage im Baufeld 4 an der Hirnbeinstraße.

Salzstraße 35 Laut Antje Schlüter, Leiterin des Stadtplanungsamtes, liegt das Gebäude „genau außerhalb des Ensembleschutzgebietes“. Ziel der Planungen ist zum einen die Sicherung des im Erdgeschoss befindlichen Goldschmiedeladens am Standort – die zugehörige Werkstatt sowie Verwaltung soll künftig im zweiten Obergeschoss Platz finden – sowie die Optimierung der Wohnnutzung. Geplant ist diesbezüglich ein Aufbau am Westende auf dem Dach, um die Zugänglichkeit der Dachterrasse zu verbessern; seitliche Erweiterungsbauten mit balkonartigen Terrassen in den einzelnen Stockwerken und auch ein Wintergartenaufbau auf dem Flachdach an der südlichen Gebäudeseite. „Problematisch“ sahen die externen Berater den Teil, „der seitlich hochgezogen werden soll“ und betonten die Bedeutung, „den unverwechselbaren Charakter des Hauses zu erhalten“, auch wenn es nicht dem Ensembleschutz unterliege. Mit dem Vertrauen, dass Planer und Bauverwaltung eine dem Gebäude angemessene Lösung finden, verzichtet der Gestaltungsbeirat hier auf eine Wiedervorlage.

Baufeld 4, Hirnbeinstraße 4 

In direkter Nachbarschaft zum Kopfbau der Fasshalle ist auf Baufeld 4 eine seniorengerechte Wohnanlage in U-Form geplant, mit drei Geschossen zur Hirnbeinstraße im Süden, vier zur Fasshalle im Westen und einem weiteren Gebäuderiegel mit bis zu fünf Geschossen im Norden sowie einer Tiefgarage unter dem Komplex. Ein begrünter Innenhof soll für Aufenthaltsqualität sorgen.

Diplomatisch fasste Prof. Karin Schmid die Ansicht des Gremiums zusammen, das eine „übergeordnete Betrachtungsweise“ auf dem ehemaligen Brauhausgelände vermisse, die „das Ganze zu einem Quartier zusammen wachsen lässt“ statt lauter Einzelbauwerke daraus zu machen und diese in Beziehung zueinander setze. „Die Gebäudekonfiguration wird dem städtebaulichen Anspruch nicht gerecht“, kritisierte sie zudem den fehlenden „Mehrwert“ für die Stadt. Auch hätten ihres Erachtens Baumarktweiß und „modernistische Elemente“ in einer historisch gewachsenen Stadt nichts verloren, weshalb Sie eine dringende Überarbeitung insbesondere der zum öffentlichen Raum gewandten Fassaden forderte. Katja Aufermann beanstandete zudem, dass „die Abluft der Tiefgarage nicht gerade in der Mitte der Grünfläche“ sein müsse. Deutlicher wurde Werner Binotto, der das Ganze als „totale Investoren-Architektur“ bezeichnete, die überall in Europa stehen könne und keinerlei Bezug zu Kempten habe. Er vermisse „ein Herz“, um das sich hoffentlich jemand kümmern werde. Helmuth Hitscherich (UB/ödp) sprach von einem „aufgebesserten Innenhof eines Gefängnisses“ und Erwin Hagenmaier (CSU) versprach sich unter anderem mehr Sonne für die Bewohner, wenn die Öffnung des U nach Westen (zur Fasshalle hin) gedreht werden könnte.

Fasshalle 

Während die alte Fasshalle weitgehend erhalten bleibt – markante Veränderung: je eine Reihe Dachgauben an den beiden Längsseiten – soll der alte Kopfbau einem neuen, langgestreckten, modernen Verwaltungsbau mit Betonansicht weichen. Oder wie Andreas Geywitz von Fischer & Gibbesch Architekten es beschrieb: ein bewusstes Aufeinandertreffen von alt und neu mit einem „sorgsamen Umgang in der Abstimmung“ der Materialität von der bestehenden Putzfassade und der Fassade des neuen Kopfbaus. Dem Ansatz wollte das Gremium so nicht folgen und Norbert Dietzinger bekannte, dass „wir uns alle sehr schwer tun mit der Masse, die am Ende des Gebäudes zu stehen kommt“. Auch das bewusste Setzen auf Kontrast mit Sichtbeton und „stark aufgeglaster Fassade ist für uns unverständlich“. Dennoch räumte Binotto ein, dass dem rechtskräftigen Bebauungsplan Respekt zu zollen sei und zweifelte nicht an der guten Qualität sowie „architektonisch sehr präzisen Umsetzung“. Aber, mahnte er, als Architekten „haben wir heute die Pflicht, die Dinge nicht mehr auseinander zu entwickeln, sondern sie zusammenzubringen“. Der neue Kopfbau sei seines Erachtens „nicht nur skulptural“, sondern auch in seiner Nutzung zu groß.

Geywitz beanstandete „erst heute“ von diesem Termin erfahren zu haben und vor allem die zu späte Einbeziehung des Beirats. Die „hätten wir uns vor einem dreiviertel Jahr gewünscht“, verwies er auf den engen Zeitplan. Auch wenn man viele Dinge nicht mehr ändern könne, so der Beiratsvorsitzende Prof. Carl Fingerhuth, „wären wir dankbar, wenn Sie Ihre architektonische Interpretation nochmals überdenken“. Wie bei Baufeld 4 sah er auch bei der Fasshalle die Notwendigkeit zur Wiedervorlage. Der nächste Gestaltungsbeirat ist für den 25. April angesetzt. Um weitere Verzögerungen zu ­vermeiden, sollen die zur Wiedervorlage überarbeiteten Projekte vorab schon mir dem Baureferat der Stadt abgestimmt werden.

Christine Tröger

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