"Gewaltige Herausforderung"

Machten sich Gedanken über die Energiewende nicht nur im Allgäu: Martin Sambale (v.l.), stellvertretender Landrat Anton Klotz, Staatssekretär Thomas Kreuzer, Staatssekretär Dr. Gerd Müller, AÜW-Geschäftsführer Michael Lucke, Wildpoldsrieds Bürgermeister Arno Zengerle und Markus Romer von der Firma Dorr. Foto: Kampfrath

Im Jahr 2010 stammten 23 Prozent des Stroms in Deutschland aus Kernenergie. Bis 2022 werden hierzulande alle Atomkraftwerke vom Netz gehen. Die Versorgungslücke sollen die erneuerbaren Energien schließen. Dazu gehören Wasser- und Windkraft, Fotovoltaik, Geothermie sowie die Nutzung der Biomasse. Auf Einladung der CSU diskutierten am Mittwoch im Haus Hochland Experten über die Energiewende im Allgäu.

Das Thema scheint die Bürger zu elektrisieren, denn der Saal war übervoll. Das freute Staatssekretär Thomas Kreuzer. In diesem Land herrsche schon lange der Konsens, dass die Kernkraft ausläuft. Die damalige rot-grüne Bundesregierung, die den Atomausstieg bis 2017 wollte, habe nichts dafür getan. „Wir müssen erst auf fossile Energien wie Gas und Kohle setzen“, sagte der Landtagsabgeordnete. Um die Lücke in Bayern zu schließen, seien fünf mittelgroße Gaskraftwerke ausreichend. Zum Ausgleich der CO2-Bilanz müsse man Kohlendioxid einsparen, was etwa durch die Dämmung beim Hausbau möglich sei. „Die Wasserkraft in Bayern kann nach heutiger Rechtslage nicht verdoppelt werden“, erklärte Kreuzer. Wegen der Konkurrenz aus dem europäischen Ausland teile er nicht die Befürchtung, dass der Strompreis in die Höhe gehen werde. Als „gewaltige Herausforderung“ sieht Staatssekretär Dr. Gerd Müller die Energiewende. „Bis 2030 werden wir 45 Prozent mehr Energie benötigen.“ Eine Steigerung der Energieeffizienz und die Reduzierung des Verbrauchs seien nötig. In allen Bereichen gebe es beim Strom erhebliches Einsparungspotential. Die Versorgungssicherheit dürfe zu keiner Zeit gefährdet sein. „Wir brauchen eine Fertigstellung der fossilen Kraftwerke in den nächsten zwei Jahren.“ Dennoch stünden die Richtlinien von Kyoto zur Klima- und Umweltverträglichkeit nicht zur Debatte. Bis 2020 sollten 50 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien stammen. „Wir müssen grundlegende Speichertechnologien schaffen. Wir brauchen den Netzausbau, damit der Windstrom aus Cuxhaven auch hierher kommt“, verdeutlichte der Bundestagsabgeordnete. Energie müsse bezahlbar bleiben. Er wisse allerdings nicht, woher die 200 bis 300 Milliarden Euro an nötigen Investitionen kommen sollen. „Ich will nicht abhängig sein von Putin“, betonte Müller. Er sehe es kritisch, dass der russische Staatskonzern Gazprom bei RWE eingestiegen ist. "Sind wasserlastig" Laut Michael Lucke liefern im Allgäu regenerative Energien schon über 25 Prozent des Stroms. „Wir sind dabei sehr wasserlastig“, erzählte der Geschäftsführer des Allgäuer Überlandwerks (AÜW). Insgesamt gebe es 108 Wasserkraftanlagen in der Region. Der Anteil der Fotovoltaik liege bei 5,2 Prozent, der der Biogasanlagen bei 2,2 Prozent. „Ambitionierte Ziele sind nur unter der Beteiligung der Bevölkerung umsetzbar.“ 30 Millionen Euro würden die Partner von AllgäuStrom in den nächsten zehn Jahren in die Energienetze investieren. Die Gemeinde Wildpoldsried erzeugte mit regenerativen Energien 2010 3,2-mal soviel Strom, wie die Bürger verbrauchten. Das rechnete der Bürgermeister Arno Zengerle (CSU) vor. „Wir treiben das Thema seit 20 Jahren voran.“ Kleine Gemeinden hätten es bei der Umsetzung leichter, da der Kontakt zum Bürger eher da sei. Bereits 1999 hätten 92 Prozent der Wildpoldsrieder bei einer Umfrage der Windkraft zugestimmt. „Die Bürger wollen saubere Energie und sind bereit, etwas dafür zu investieren.“ Ein Zuhörer wollte von Zengerle wissen, ob das Geschäft für die Gemeinde lukrativ gewesen sei. „Ich bin ein gebürtiger Allgäuer und mein Vater war Viehhändler. Und Sie fragen mich, ob das Geschäft lukrativ war. Natürlich, aber zum richtigen Zeitpunkt.“ Denn heutzutage würde sich das Ganze nicht mehr in dem Maße rentieren. „Wir wollen in unserem Landkreis 70 Prozent des Strombedarfs durch erneuerbare Energien decken“, meinte der stellvertretende Landrat Anton Klotz (CSU). Um das zu erreichen, seien die Gemeinden gefordert. Er rechne mit heftigen Auseinandersetzungen mit den Bürgern. „Wir müssen zentrale Belange, also Mensch, Natur und Landschaft im Auge behalten.“ Der Bürgermeister von Haldenwang verwies auch auf negative Aspekte der Energiewende. „Durch den Maisanbau für die Biogasanlagen ist der Preis für landwirtschaftliche Flächen gestiegen. Darunter leiden die Milchbauern.“ Nichts überstürzen Vor zu großer Eile warnte Martin Sambale, Geschäftsführer des Energiezentrums Allgäu (EZA). „Wir sollten die Energiepolitik nicht wie ein Sprinter angehen, sondern das ist ein Thema der Langstreckenläufer.“ Man dürfe nicht vergessen, dass Energie Elektrizität und Wärme bedeute. Die erneuerbaren Energien seien dezentral organisiert, da zum Beispiel neun Prozent davon von Landwirten stammen. Momentan sei das EZA dabei, Klimaschutzkonzepte für die Landkreise zu erstellen. Sambale verdeutlichte die jetzigen Möglichkeiten. „Wir können Gebäude heutzutage schon so bauen, dass sie Energiequellen sind.“ Als EZA-Partner bezeichnete Markus Romer, Geschäftsführer der Dorr Energie GmbH, sein Unternehmen. „Wir schauen im eigenen Haus, wo wir Energie einsparen können.“ Seine Firma habe sich auf die Fotovoltaik spezialisiert, zweiter wichtiger Faktor sei der Bereich der Biomasse. „Wir beschäftigen uns mit dem Anbau und Nachwachsen von Rohstoffen. Wir haben 18 Hektar Wald aufgeforstet.“ Neben den Wäldern müsse man weitere Potentiale für die Biomasse auftun. „Jede Region, die Energie verbraucht, muss ihren Beitrag dazu leisten“, betonte Romer. Manche Leute begrüßen regenerative Energien, wollen sie aber nicht vor der eigenen Haustüre. Dies könne nicht angehen.

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