Gibt es eine Münchener Schule?

Zurückhaltendes Aurynquartett trifft auf kraftvollen Pianisten

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Kempten – So rechte Spannung wollte in der Konzerteinführung zum dritten Meisterkonzert am vergangenen Samstagabend im Stadttheater nicht aufkommen. Der Moderator Dr. Franz Tröger warf seinem Gast, dem ersten Geiger des Aurynquartetts, Matthias Lingenfelder, die Bälle zu, aber fing sie – bevor dieser in seiner ruhigen Art zugreifen konnte – immer wieder selbst auf. 

Nach der Einführung war man schlauer über die Biografien der drei Komponisten des Abends, erfuhr etwas von einer Münchener Schule, die aber aufgrund der späteren, völlig unterschiedlichen Lebenswege der drei Komponisten nur theoretisch und keineswegs stilbildend existierte, so Tröger. 

Thematische Klammer des Programms war dennoch die Bekanntschaft der drei Komponisten zueinander, die sich in Form von Freundschaft zwischen Richard Strauss und Ludwig Thuille oder Lehrer-Schüler-Verhältnis zwischen Ludwig Thuille und Walter Braunfels in München zu einer Zeit abgespielt hatte, als noch nicht absehbar gewesen war, dass der eine zum Superstar avancieren, für die beiden anderen es aber nur zu einem „ferner liefen“ in der Musikgeschichte reichen würde. 

Das 1944 komponierte Streichquartett op. 60 von Walter Braunfels kannten vermutlich die wenigsten Zuhörer aus dem Publikum. Man musste sich erst einmal hineinhören in die spätromantisch anmutende Tonsprache, um das Neuartige zu entdecken. Dann aber offenbarten sich kleine melodische Brechungen und harmonisch ungewohnte Wendungen, die das Stück im Laufe seiner vier Sätze immer mehr zu einem Hörvergnügen machten. 

Zeitlebens wurde dem Komponisten vorgeworfen, den entscheidenden Schritt hin zur Atonalität, den ja die musikalische Avantgarde der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts forderte, nicht gemacht zu haben. Mit dem Abstand der Jahre relativieren sich solche Einschätzungen, und das Publikum bekam die seltene Gelegenheit, sich selbst mit einer zurückhaltenden, aber feinsinnigen Interpretation durch das Aurynquartetts einen Höreindruck zu verschaffen. 

Die Art der vier Musiker zusammenzuspielen, war wie geschaffen für den musikalischen Duktus dieses Stücks, unaufgeregt und technisch auf sehr hohem Niveau. Melancholie und Resignation strahlten aus, wie sie in ähnlicher Weise in den zur gleichen Zeit komponierten Metamorphosen von Richard Strauss zum Ausdruck kommen. Beide Komponisten pflegten am Ende des zweiten Weltkriegs keinen musikalischen oder persönlichen Austausch, aber bei beiden wirkte hier das Zeitgeschehen ins künstlerische Schaffen hinein. 

Richard Strauss war dann auch der Komponist des nächsten Stücks, allerdings nicht mit seinen Metamorphosen, sondern mit einem kammermusikalischen Jugendwerk von 1887, der Violinsonate op.18. Strauss ist in seinem späteren Leben durch seine äußerst kunstvolle Orchestersprache zum oben erwähnten Superstar geworden. In Opern, Liedern und Tondichtungen erschuf er damit einen einzigartigen Musikkosmos. Kammermusik komponierte er nur in seinen Lehrjahren. 

Seine Violinsonate hat noch nicht die typischen Strauss‘schen Raffinessen seiner reifen Zeit, aber er ist mit ihr bereits auf dem Weg, sich von seinen jugendlichen Vorbildern Haydn und Mozart zu lösen und eigene Ideen zu verwirklichen. Der musikalische Sturm und Drang des Dreiundzwanzigjährigen zeigt sich vor allem in den Ecksätzen, die Elan und Schwung enthalten, bei denen sich der Pianist Peter Orth so richtig ins Zeug legen konnte. Dessen kraftvoller Klavierstil neigte gerade bei diesem Stück dazu, den alleine schon von seiner Persönlichkeit zurückhaltenderen Matthias Lingenfelder an der Violine in den Hintergrund zu spielen. Dies als Manko des ansonsten sehr unterhaltsamen Vortrags. 

Bei Ludwig Thuilles Klavierquintett in Es-Dur op. 20 von 1901 hörte man ein ausgewogeneres Zusammenspiel des Pianisten mit den anderen Musikern. Alle fünf kennen sich von ihren Professuren an der Musikhochschule in Detmold und spielen schon lange Jahre zusammen. Thuilles Quintett zeigt sich nach außen in typisch spätromantischer Form, nach innen mit einer Fülle an melodischen Einfällen, die aber nicht immer musikalische Intensität erzeugen. Interessantere Stellen, die von den Musikern sehr schön gespielt wurden, waren beispielsweise der Schluss des dritten Satzes, als alle fünf Musiker, in perfekter dynamischer Abstimmung zum Ende kamen oder ein gut abgestufter Pizzicatoteil im vierten Satz, der nacheinander einsetzend alle Streicher und das Klavier ins Spiel brachte. 

Nach Abschluss des regulären Programms war das Publikum des sehr gut besuchten Stadttheaters begeistert. Mit Vehemenz forderte es eine Zugabe und bekam Dvoráks Furiant aus op. 81.

Jürgen Kus

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