Die Giganten im Allgäu

Vortrag über die Faszination Greifvögel

1 von 3
Ein Gänsegeier im Ordessa-Nationalpark.
2 von 3
Bartgeier.
3 von 3
Steinadler und Baumfalke.

Kempten/Landkreis – „Unter Adlern und Geiern“ lautete im Dezember das Thema der monatlichen Vortragsreihe der Kreisgruppe Kempten Oberallgäu des Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV). Gebietsbetreuer der Allgäuer Hochalpen, Henning Werth, ...

... erzählte in einem spannenden und bildreichen Vortrag über die Welt der Giganten der Lüfte, von der sich jeder interessierte Naturfreund auch im Allgäu faszinieren lassen kann – vorausgesetzt er schaut auf Wanderungen in den Bergen öfter einmal über die Gipfel gen Himmel.

Denn dort fliegen nicht nur die allgemein bekannteren Steinadler, sondern gelegentlich auch die noch größeren Geier. „Es müssten mehr Beobachtungen gemacht werden können“, sagt Henning Werth, der seit 20 Jahren das artenreichste Naturschutzgebiet in Deutschland im Blick hat und damit auch seit 1998 das Artenhilfsprogramm des LBV für den Steinadler.

Das Schutzprogramm ist erfolgreich: 45 beständige Adlerreviere gibt es in Bayern, elf davon liegen im Allgäu, wo ein Adlerpaar nicht nur den meisten Nachwuchs hervorbringt, sondern auch besonders gut beobachtet werden kann. Ursprünglich lebten Adler flächendeckend von Skandinavien bis Südeuropa, heute fehlen sie in den meisten mitteleuropäischen Räumen, doch Werth glaubt, dass die Adler auch dorthin zurückkommen. „Es dauert nur“, betont er.

Größter Brutvogel im Allgäu

Bis in die 1920er Jahre wurden Adler als Jagdkonkurrenten systematisch verfolgt, allein im Allgäu schoss ein Jäger über Jahrzehnte 77 Tiere und wurde damals als „Adlerkönig“ bekannt. Die Steinadler sind bei uns Felsbrüter, bauen ihren Horst in einer Höhe von 1400 Metern und beginnen bereits Ende März mit der Eiablage. Der Nachwuchs – üblich sind zwei Jungvögel – muss sich behaupten: Die Elterntiere füttern bevorzugt das stärkere Junge. Als lediglich biologische Reserve bezeichnet Werth das zweite Ei. Über 800 Meter weit sind die Bettelrufe der jungen Adler zu hören, wenn die Eltern auf Futtersuche sind. Die zahlreichen Gemsen und Murmeltiere sind im Allgäu ihre wichtigste Beute, Schnee-, Birk- und Auerhuhn sind nur Beilagen, da sie zu wenig Fleisch liefern und zu selten sind.

Harte Reste für den Bartgeier

Anders ernähren sich Bartgeier, die mit fast drei Meter Flügelspannweite deutlich größer sind als Steinadler. Sie sind hochspezialisierte Verwerter von Knochen toter Huftiere. Bartgeier wurden in den Alpen komplett ausgerottet, 1913 starb der letzte wild lebende Vogel im Aostatal. Einzig in den Pyrenäen überlebten einige Tiere. Durch ein europäisches Zuchtprogramm, das junge Bartgeier in den Österreichischen und Schweizer Bergen seit Ende der 80er Jahre auswildert, gibt es heute wieder eine Population in den Alpen. Warum die Geier es schwerer haben, wie in der Schweiz und in den Zentralalpen sich auch in Österreich erfolgreich zu vermehren, ist für die Vogelkundler noch ein Rätsel. Fest steht, dass auch bei uns die bärtigen Giganten mit dem roten Bauch wieder (vorbei)segeln. „Damit sie sich beständig ansiedeln, müssen erst die Beutetiere mehr werden“, sagt Werth. Im relativ nahen Tiroler Lechtal hat sich ein Paar bereits angesiedelt. Das Ziel des Zuchtprogramms ist, eine Metapopulation von Nordafrika, über Sardinien, Spanien, Frankreich, die Alpen bis über den Balkan entstehen zu lassen.

Kontinent der Geier

Ein Bergsteiger hatte dieses Jahr Glück an der Höfats: Eine Gruppe von circa 20 Gänsegeiern konnte er beim Überflug beobachten. Die wärmeliebenden Thermiksegler mit den langen weißen Hälsen und einer eher ungünstigen Flächenbelastung der Flügel finden wie die Bartgeier bei uns auch (noch) nicht ausreichend Beute um zu bleiben. Sie brauchen vor allem größere Kadaver wie Rinder. Eine Hygieneverordnung macht in Deutschland unmöglich, dass tote Rinder in der Natur liegengelassen werden dürfen. In Spanien ist die ökologischste Art tote Tiere mit Hilfe von Aasfressern zu entsorgen erlaubt: Hier ist das Hauptverbreitungsgebiet der Gänsegeier, die ebenfalls mit Hilfe von Wiederansiedlungsprojekten heute stabile Populationen in Südeuropa bilden. „Europa hat aktuell eine wichtige Aufgabe im Geierschutz“, betont Werth. Vor 40 Jahren war Indien das Land der Geier, es gab dort 20 Millionen Tiere. Der Arzneiwirkstoff Diclofenac, mit dem viele Nutztiere behandelt wurden, vergiftete unzählige Geier. Bis Wissenschaftler diesen Zusammenhang aufdeckten, war die Geierzahl bereits stark dezimiert. Heute werden in Indien nur noch 2000 Geier gezählt.

Nach Indien, vor 20 Jahren, galt Afrika als der Kontinent der Geier. Auch hier hat der Bestand stark abgenommen, vor allem durch Wilderer. Deswegen könnten wir heute Europa als den Kontinent der Geier ansehen. „Wir brauchen eine langfristige Strategie für den Schutz der Vögel“, sagt Gebietsbetreuer Werth. Gefährdet sind die Giganten der Lüfte durch Inzucht aufgrund noch zu kleiner Populationen bei den Bartgeiern, durch Windparks an „Thermikstandorten“, Bleivergiftungen und ungesicherte Stromleitungen. Der Vorsitzende des LBV, Norbert Schäffer, ist trotzdem positiv gestimmt und hat eine Vision: Die Bartgeier sollen sich in nicht zu ferner Zukunft in Bayern und im Allgäu ansiedeln. Auch im Sinne des naturnahen Tourismus.

Annette Mayer

Auch interessant

Meistgelesen

Zimmer brennt in der Fischersteige
Zimmer brennt in der Fischersteige
Der erste Waldkindergarten Kemptens öffnet Wipfel, Tipi und Bauwagen
Der erste Waldkindergarten Kemptens öffnet Wipfel, Tipi und Bauwagen
Gewinnen Sie 6 Tage zu zweit im 4*S Verwöhnhotel am Achensee
Gewinnen Sie 6 Tage zu zweit im 4*S Verwöhnhotel am Achensee
Bauvorhaben in der Breslauer Straße im Gestaltungsbeirat
Bauvorhaben in der Breslauer Straße im Gestaltungsbeirat

Kommentare