Unbegleitete jugendliche Flüchtlinge

Es gibt viel zu bewältigen

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Sie haben oft Schlimmes erlebt und richten ihren Blick mit großem Eifer in die Zukunft.

Kempten – Im Durchschnitt hat ihre Reise bis zur Ankunft in Kempten ein Jahr gedauert, sagt Julia Frieß von „Kids24“, wo unbegleitete jugendliche Flüchtlingsmädchen wohnen und umsorgt werden.

Eine Reise, die sich hierzulande wohl niemand auch nur vorstellen mag, geschweige denn sie antreten müssen möchte, schon gar nicht unbegleitet in jugendlichem Alter.

Nun sitzen Mädchen und Jungen aus Ländern wie Syrien, Eritrea oder Somalia konzentriert im Deutschunterricht, den sie unter anderem im Haus International nach ihren regulären Schulstunden bekommen, und fast könnte man denken, dass es ganz einfach Jugendliche aus verschiedenen Kulturen sind. Fast. In manche der jungen Gesichter haben sich bereits tiefe Lebensspuren gegraben. Darüber vermag auch kein Lächeln und keiner der heiteren Momente hinwegtäuschen.

Die Chance, die ihnen Bildung für ein neues Leben öffnet, nehmen sie dankbar an, nicht nur im Unterricht bei Michael Heilinger, der mit ihnen im Haus International nachmittags Deutsch trainiert. Aber auch mit dem Heimweh der Schülerinnen und Schüler und den traumatischen Erlebnissen werden sowohl er als auch Frieß direkt oder indirekt immer wieder konfrontiert: „Mom, I love you“ („Mama, ich liebe Dich“) steht da zum Beispiel auf jeder zweiten Seite des Schreibheftes eines Schülers. Insgesamt sei der Umgang mit dem Erlebten „sehr unterschiedlich“, weiß Frieß aus Erfahrung. „Manche erzählen davon beim Abendessen und lachen dabei“ – ein „Überlachen“ als Schutz.

Andere ziehen sich für eine über mehrere Tage andauernde „laute Klage“ in ihre Zimmer zurück. Aggressives Verhalten beobachtet Frieß nicht, „aber immer wieder Depressionen“, die dann mehrere Tage anhalten und „nichts und niemand kann sie da rausholen“. Hilfreich sei, dass „Kids24“ von den Mädchen „nicht als Einrichtung, sondern als Familie empfunden wird“. Selbstverständnis müssen auch die Jungs in der neuen und fremden Umgebung erst finden. Wie Heilinger berichtet, werde er oft gefragt, ob sie „wegen der Hautfarbe anders behandelt werden“.

Ungefähr drei Viertel der Mädchen bei „Kids24“ stammen aus Dörfern, ohne fließend Wasser oder Strom, wo sie bislang Schafe gehütet haben und kommen mit „utopischen Vorstellungen von Deutschland“. Zum Beispiel werde ihnen von Schleusern erzählt, dass sie hier sofort arbeiten können, erklärt Frieß ein großes Problem, denn die Familien – wenn die Eltern nicht mehr leben, sind es nahe oder ferne Verwandte – in den Heimatländern erwarten natürlich bald Geld zu bekommen. Dadurch entstehe ein unheimlicher Druck, zumal sich kaum Jemand traue, die Wahrheit zu sagen. Um die Flucht für ein Familienmitglied bezahlen zu können, würden häufig Tiere und Land verkauft – Dinge, die dann für den Lebensunterhalt fehlen.

Den Fluchtweg per Flugzeug können sich nur betuchte Flüchtlinge leisten. Die anderen bezahlen – nach dem was Heilinger von seinen Schülern gehört hat – zwischen 1800 und 2000 Euro an die Schleuser, um über das „Drehkreuz“ Libyen per Boot nach Europa zu gelangen. Davor steht ein manchmal monatelanger Marsch durch die Wüste, nach dem in Libyen die Reise möglicherweise schon nach wenigen Monaten unterbrochen wird, „weil die Schleuser auf einmal mehr Geld wollen“, so Frieß. Wer nicht bezahlen kann, „wird in einem Keller festgehalten“, bis das Geld irgendwoher kommt oder er muss dafür Arbeiten. Auch von „körperlichen Misshandlungen“ hat Heilinger im Fall von Zahlungsunfähigkeit erfahren, wovon allerdings nur Christen betroffen sein sollen, „Muslime dürfen halt nur nicht aufs Boot“.

Besonders gefährlich ist es aber in der von Männern dominierten muslimischen Welt für weibliche Flüchtlinge. Verhütungsspritzen mit Wirkdauer von drei bis vier Monaten vor Antritt der Flucht sei keine Seltenheit, „weil sie wissen, dass in Libyen etwas passieren wird“, meint Frieß. Zudem „konnten sie auf dem Boot nie sicher sein, ob sie als Ballast über Bord geworfen werden“, da Frauen eben einen geringeren Stellenwert haben. Auch seien einige ihrer Schützlinge traumatisiert davon, dass sie „mitansehen mussten, wie andere Boote untergegangen sind, ohne etwas tun zu können“.

Rund die Hälfte des Personals bei „Kids24“ ist männlich“ – bewusst, wie Frieß betont, da die Mädchen „ja schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht haben“ und so versucht wird gegenzusteuern. Und „es funktioniert gut“. Ein „Riesenthema“ bei den schulpflichtigen Flüchtlingen aber ist die Schule.

Besonders die Berufsschulen mit ihren reinen Flüchtlingsklassen können bei den Schülerinnen und Schülern punkten. Nicht ganz so glücklich sind diejenigen, die Schulen mit integrierten Klassen besuchen, denn sie finden es schade, oft „nur herumsitzen“ zu können.

Christine Tröger

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