Grausamer Kampf um Glaube und Macht

Der Dreißigjährige Krieg hinterließ auch in Kempten deutliche Spuren – Teil 1

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Johann Willibald Schenk von Castell: Er traf während des 30-Jährigen Krieges eine folgenschwere Entscheidung für Kempten.

DR. WILLI VACHENAUER

Kempten - 2018 jährt sich zum 400. Male der Beginn einer jahrzehntelangen schrecklichen Auseinandersetzung, die sich auf dem Gebiet des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ abspielte und unter dem Namen „Dreißigjähriger Krieg“ in die Geschichtsbücher einging. Der Konflikt war einerseits ein Glaubenskrieg zwischen der Katholischen Liga und der Protestantischen Union; gleichzeitig auch ein Kampf um die Vorherrschaft im Heiligen Römischen Reich zwischen dem Habsburger Kaiser und verschiedenen deutschen Landesfürsten sowie zwischen dem Reich und europäischen Mächten, wie Frankreich, Dänemark und Schweden. Seine Spuren hinterließ der Dreißigjährige Krieg auch in Kempten und dem Allgäu.

Der Dreißigjährige Krieg, der am 23. Mai 1618 mit dem „Prager Fenstersturz“ begann und am 24. Oktober 1648 mit dem „Westfälischen Frieden“ endete, wütete auf wechselnden Kriegsschauplätzen in unterschiedlicher Dauer und Intensität. Während es Regionen gab, die gänzlich vom Krieg verschont blieben, traf er andere Gebiete mit voller Wucht. Wo er einschlug, war das Grauen, Tod, Verwüstung und Chaos unausweichlich. Die Brutalität, die lange Dauer, das unsägliche Leid der Zivilbevölkerung und die mit dem Krieg einhergehenden Hungersnöte und Seuchen stellten alles bis zu diesem Zeitpunkt Dagewesene in den Schatten und entvölkerten manche Landstriche zu über 66 Prozent.

Massiv davon betroffen waren ab den 1630er Jahren auch das Allgäu und damit das Gebiet des Fürststiftes sowie die „Freie Reichsstadt Kempten“. Allerdings blieben die „Freie Reichsstadt“ und das „Fürststift Kempten“ zwischen 1618 und 1632 von direkten Kampfhandlungen verschont. Aber schon in dieser Phase stellten verschiedene Truppendurchzüge und Einquartierungen von Soldaten eine starke Belastung für beide Gebietskörperschaften dar. Im Stiftsgebiet mussten die Bauern die Soldaten verpflegen und in der Stadt waren für die einquartierten Truppen enorme Geldmittel aufzubringen.

Die Vorboten des kommenden Konflikts zeigten sich aber schon 1608, als sich die Reichsstadt Kempten der evangelischen Union anschloss, einem Bündnis aus acht protestantischen Fürsten und 17 protestantischen Städten. Im Gegenzug trat das Fürststift 1609 der katholischen Liga bei, einem Zusammenschluss der katholischen Reichsstände. Allein schon die Zugehörigkeit der beiden Parteien zu verschiedenen Lagern, um sich bei Konflikten zu unterstützen, verstärkte das bisher oft angespannte Verhältnis zwischen Stadt und Stift. 1621 löste sich die evangelische Union auf, aus der Kempten, wahrscheinlich aus finanziellen Gründen, schon vorher ausgetreten war.

Als der kaiserliche Heerführer Wallenstein in Memmingen einzog, nahm er auch Kontakt mit Fürstabt Johann Willibald Schenk von Castell (1631–1639) auf. Dabei bot er dem Fürstabt seine Unterstützung für zukünftige Notlagen an. Der Fürstabt Johann Eucharius von Wolffurt (1616–1631), der den Untergang des Katholizismus befürchtete, war in eine Depression verfallen und am 19. März 1631 aus dem Leben geschieden. Im Februar 1631 traten die Städte Kempten und Memmingen dem „Leipziger Schutz- und Trutzbündnis“ von protestantischen Reichsstädten bei. Deshalb befahl der Kaiser dem General Graf Egon von Fürstenberg diese Städte zu bestrafen.

Der neue Fürstabt Johann Willibald Schenk von Castell versuchte sogleich nach seiner Wahl den Rat der Reichsstadt Kempten dazu zu überreden, das Leipziger Schutzbündnis zu verlassen. Für diesen Fall würde der Fürstabt ein gutes Wort für Kempten beim Kaiser einlegen.

Aber das ohnehin schon zerrüttete Verhältnis zwischen beiden war auf einem solchen Tiefpunkt angelangt, dass Bürgermeister Zacharias Jenisch dem Fürstabt ausrichten ließ, dafür sei es nun zu spät und es sei die Zeit gekommen, dass „einer den anderen auffressen müsse“.

Daraufhin begann der kaiserliche General Egon von Fürstenberg einen Feldzug gegen diese Städte. Am 16. Juni zogen kaiserliche Truppen unter Oberst Christoph von Pallandt mit 60 kroatischen Reitern und drei Kompanien in Kempten ein. Seine Soldaten besetzten das städtische Zeughaus und nahmen der Stadtobrigkeit die Schlüssel zu den Stadttoren ab.

Pallandt forderte den Rat auf, das gegen den Kaiser gerichtete Leipziger Schutzbündnis zu verlassen und für den am Kaiser begangenen Hochverrat 80.000 Gulden Strafe zu entrichten. Sollte seine Forderung nicht innerhalb einer Stunde erfüllt werden, würde er die Stadt seinen Soldaten, die in Schlachtordnung vor dem Marktplatz am Rathaus Stellung bezogen hatten, zur Plünderung freigeben. Da deswegen unter den „weibern und kindern ein erbämlich schrejen und wejnen gewesen“, brachten die Bürger alle Wertsachen herbei, um die Besetzer zufriedenzustellen. Zusätzlich ließ Pallandt die städtische Bürgerwehr entwaffnen und das Waffenarsenal der Stadt, das sich im städtischen Zeughaus und auf der Burghalde befand, plündern. Dabei fielen ihm mehrere große Feuermörser (Kanonen) zehn Falckonetten (leichte, bewegliche Geschütze mit über 1000 Kugeln, 194 Sturmhauben, 40 Musqueten, 32 Feuerrohre, viel Pulver sowie viele Hellebarden und andere Ausrüstungsgegenstände in die Hände. Zusätzlich mussten die Bürger alle Waffen abgeben, die sie in ihren Häusern hatten. Die erbeuteten Waffen und Rüstungen ließ Pallandt auf Pferdewagen abtransportieren.

Darüber hinaus musste die Stadt eine Buße von 50.000 Gulden bezahlen und für acht Monate die Strafeinquartierung von 400 kaiserlichen Soldaten erdulden. Nach der Entwaffnung standen die Kemptener, abgesehen von ihren Mauern und Türmen, relativ schutzlos dem kommenden Sturm auf die Stadt gegenüber. Es ist müßig darüber zu spekulieren, ob sie vielleicht den Angriff auf die Stadt hätten abwehren können, wenn sie neben den vorhandenen primitiven Waffen, bestehend aus Gabeln, Sensen, Steinen und heißem Wasser über ihr früheres Waffenarsenal verfügt hätten.

Zerstörung des Fürststifts

1631 und 1632 suchten die Schrecken des Krieges das Allgäu mit voller Wucht heim. Als der evangelische Schwedenkönig König Gustav Adolf II. am 17. November 1631 bei Breitfeld und am 15. April 1632 bei Rain am Lech dem kaiserlichen Feldherrn Tilly zwei Niederlagen zufügte, brach die kaiserliche Macht in Süddeutschland zusammen und dieses Gebiet lag Gustav Adolf offen.

Kurz zuvor forderten die Schweden unter Generalmajor Patrick Ruthven die Stadt Kempten auf, sich unter ihren Schutz zu stellen. Am 14. April 1632 kam zwischen der Reichsstadt Kempten und den Schweden ein entsprechender Vertrag zustande. Fürstabt Johann Willibald Schenk von Castell hatte vorsorglich große Teile der Wertsachen des Klosters nach Reutte bringen lassen. Er selber zog sich nach Bregenz ins Exil zurück. Als Vertreter des Abtes blieb der Kapitularherr Joachim von Grafenegg in Kempten zurück. Ein Brief aus einem Amtsprotokoll des Landammanns beschreibt die damalige Lage wie folgt: „Demnach Laider der Fürstlich Stüfft und Grafschaft Kempten, den 22 ten May Anno 1632 vor dem Schwedischen Kriegs Volkh stündlich überfallen, und genzlich ruiniert worden, und dahero fasst menigerlich flichten wir müssen ins Exilio.“

Von seinem Exil in Bregenz aus schlug der Fürstabt sogar ein gemeinsames Verteidigungsbündnis zwischen Reichsstadt und Stiftsgebiet vor. Aber der Rat der Reichsstadt Kempten würdigte dem Fürstabt keine Antwort. Die Schweden unter Generalmajor Patrick Ruthven boten auch dem Fürstabt an, das Stift samt seiner Dörfer und Untertanen gegen eine Zahlung von 1500 Gulden unter ihren Schutz zu nehmen. Da der Fürstabt aber eine Kooperation mit den Schweden und damit mit der „evangelischen Sache“ ablehnte, schlug er diese Offerte – gegen den Rat seiner Berater – ab und traf damit eine folgenschwere Fehlentscheidung für das Stift.

Schon am 22. Mai 1632 rückten schwedische Reiter an, die Kloster und Residenz besetzten und sofort mit der Plünderung und Zerstörung der Stiftsgebäude begannen. Die Bürgerschaft der Stadt nutzte diese Gelegenheit und nahm sich vor, für alle fürstäbtlichen Ungerechtigkeiten Vergeltung zu üben. Unter Führung von Ratsmitglied Ferdinand Heel gelobten sich die Kemptener, das Stift dem Erdboden gleich zu machen und mit der Zerstörungsarbeit nicht aufzuhören, bis auf dem „Blaz die haidelbeeren“ wachsen. Vergeblich sprachen sich Bürgermeister Dorn, Stadtammann Geiger und Ratsmitglied König gegen die Verwüstungsaktion aus. Wie die Kemptener gewütet haben, darüber berichtet die „Untrasrieder Chronik“. Am 23. Und 24. Mai 1632 plünderten sie die Residenz, die Kanzlei, das Landgerichtshaus, die Häuser von Amtsleuten, Dienern und Untertanen, die Bestände an Schriften und Dokumenten, die Lagerräume für Hausrat, Wein und Vieh und machten aus der Kirche einen Rossstall. Sie schlugen Türen und Kästen, Öfen aller Art heraus, brachen Altäre und Bilder ab, warfen geweihte Hostien auf den Boden und traten sie mit Füßen. Schließlich drangen sie in den Schreinkonvent ein, öffneten die Särge mancher Fürstäbte und schändeten ihre Leichname. Dabei raubten sie sogar der Leiche des am 19. März 1631 beigesetzten Fürstabtes Johann Eucharius von Wolffurt seine Kleider.

Bürger der Reichsstadt – es sollen vor allem Metzger gewesen sein, die sich im Landgebiet gut auskannten – ritten mit Gesichtsmasken verkleidet, um unerkannt zu bleiben, mit den Schweden ins Stiftsgebiet, um reiche Bauern zu verraten. Unter Folter zwang man sie, ihre Geldverstecke offen zu legen. Dabei wendeten die Peiniger den sogenannten „Schwedentrunk“ an. Sie füllten den hilflosen Opfern Gülle mittels eines Trichters solange ein, bis der Leib aufquoll. Dann sprang ein Soldat dem gepeinigten auf den Bauch, bis die Gülle wieder herauskam. Bei dieser Tortur verriet jeder seine geheimsten Geldverstecke. Auch auf die Dorfpfarrer hatten es die Schweden abgesehen. Wenn sie einen ergreifen konnten, folterten sie ihn so lange, bis ihn seine Pfarrgemeinde mit Geldzahlungen wieder auslöste.

Mit Genehmigung des schwedischen Statthalters beschloss der Rat der Stadt am 2. August den Abbruch des Stifts. Mit Trommeln und Pfeifen begann der Abriss der umstehenden Gebäude des Klosters, der über einen Monat dauerte. Dabei fielen Landgerichtshaus, Jägerhaus, Schreinkonvent, Landvogtgebäude und Hofmeisterhaus, zwei Herrenhäuser und das Kastenvogts- und Kanzlerhaus teilweise der Spitzhacke zum Opfer. An die Überreste der stehengebliebenen Gebäude legten sie Feuer.

Die Abbruchswut der Kemptener hielt aber angesichts der schweren Arbeit nicht lange an. Um das Vernichtungswerk voranzutreiben, mussten sie sich Hilfe von Bauern aus der Umgebung holen. Trotzdem konnten sie bis in den Dezember hinein das Zerstörungswerk nicht beenden. Von den großen Gebäuden standen immer noch Mauerreste.

Am 3. August wurde im Stadtrat bei nur drei Gegenstimmen entschieden, die übriggebliebenen Reste des Klosters niederzubrennen. Da aber nun bedenken aufkamen, Funken vom brennenden Stift könnten in die benachbarte Stadt fliegen und dort ebenfalls Feuer hervorrufen, gab man diesen Beschluss auf.

Geschenk auf "ewige Zeiten"

Das „befreite“ Gebiet des Fürstabtes, der sich im Exil befand, bekamen die Kemptener von Gustav Adolf auf „ewige Zeiten“ geschenkt und die Ratsherren aus Kempten wurden als Verwalter eingesetzt. In schwedischem Namen erhöhte die Stadt sofort die Steuern für die ohnehin schon ausgeplünderten Stiftsbauern, sodass dies die Bauern völlig überforderte.

Zusätzlich bedienten sich die neuen Stiftsherren schamlos an den Getreidevorräten, die nach den Zerstörungen des Stiftes im „Schloss Schwabelsberg“ lagerten. So beklagte sich ein Sekretär des Fürstabtes, dass auf Pfingstabend 1632 der in diesem „Stifts Schloss“ gelegene Hausrat und Getreide geplündert und selbiges mit 15 Wagen in die Stadt abgeführt wurde.

Am 27. Juni 2018 geht es in Teil 2 weiter mit der Eroberung der Reichsstadt und dem Ende der kaiserlichen Herrschaft.

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