Jugendliche Flüchtlinge leben sich ein

Jugendlichen Flüchtlingen ein neues Zuhause geben

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Zum 18. Geburtstag von Asme gibt es eine Torte zum Kaffee mit (v.l.) Hayat, Michael Ohnesorg, pädagogischer Leiter von „kids24“, und Gruppenleitern Elisa Ochotta.

Klein aber fein sind die neu eingerichteten Zimmer mit Bad im Haus in der Tilsiterstraße, das früher ein Hotel gewesen sei, wie Michael Ohnesorg von „kids 24“ erzählt. Jetzt stehen an den Zimmertüren Namen wie „Idil“ oder „Precious“.

Aktuell leben hier 21 junge Mädchen, unbegleitete jugendliche Asylbewerberinnen. „Sie haben eine fortwährende Traumatisierung während der Flucht erlebt“ und es sei, so Ohnesorg eine große Herausforderung“ das Vertrauen der Mädchen zu gewinnen, die „sehr misstrauisch sind“. Geflüchtet sind sie aus Eritrea, aus Äthiopien, aus Syrien und Afghanistan, zum Teil mit schweren Verletzungen an Körper und/oder Seele. Zwangsverheiratung, Inhaftierung, Vergewaltigung... Es sind schwere Traumen, mit denen sich das Team um Ohnesorg konfrontiert sieht, Traumen, die behutsam frei gelegt und aufgear- beitet werden wollen. Das braucht Fingerspitzengefühl und vor allem Zeit. In der Wohngruppe „kids24“ bekommen sie die notwendige Betreuung, den Frei- und Schutzraum, um ein neues Leben beginnen zu können. 19 der Mädchen gehen bereits in die Schule an der Hofmühle, die Wittelsbacherschule und die Berufsschule. Zwei sind Analphabe- tinnen, da es in manchen Kulturen einfach „nicht üblich ist, Mädchen in die Schule zu schicken“, erklärt Ohnesorg. Sie werden derzeit im Haus von einer Lehrerin „alphabetisiert“, Deutschkurs inklusive. Einen Deutschkurs besuchen auch die restlichen Mädchen, denn „sie sprechen alle kein Deutsch, wenige Englisch, eine Französisch und die restlichen nur Landessprachen wie Tigrinisch oder Amharisch“, berichtet Ohnesorg. 

„Die Akzeptanz der Nachbarn ist unglaublich“, erzählt Ohnesorg unter anderem von einem direkten Nachbarn, der einen großen Teil seines Grundstücks für „kids 24“ zur Verfügung gestellt hat, auf dem die Wohngruppe im Frühjahr gemeinsam einiges anpflanzen möchte. Drei Gruppen teilen sich die drei Etagen des Hauses. Im Dachgeschoss wird noch letzte Hand angelegt, für die etwas älteren Mädchen, die hier schon etwas selbständiger leben kön- nen, wie Ohnesorg beim Rundgang ausführt. Sie haben hier ihre eigene Gemeinschaftsküche und eine eher „lockere Betreuung“. Einer der wichtigsten Räume dürfte wohl der kleine Computerraum mit Internetanschluss im Erdgeschoss sein, der von allen genutzt werden kann. Dort ist auch eine große Küche, in der Küchenmeister Marko Boddenberg für die Mädchen nicht nur an den Wochentagen den Kochlöffel schwingt, sondern auch ausbilden kann. An den Wochenenden wird selbst gekocht.

Mädchen, die zum „Clearing“, kommen, müssen an erster Stelle die Gesundheitsuntersuchungen durchlaufen, damit keine Krankheiten übertragen werden könne. Denn Clearing-Aufnahme heißt laut Ohnesorg soviel wie: „direkt von der Straße weg“, wie bei der 17-jährigen Somalierin, die vor einigen Tagen in Rosenheim von der Bundespolizei aufgegriffen und zu ihnen geschickt worden sei. „Mehr wissen wir nicht über sie“, deutet er die Herkules-Aufgabe für das Betreuungsteam an.

Beim Betreten des Esszimmers könnte man meinen, ganz normale Teenager vor sich zu haben, die Lachen und zusammen den 18. Geburtstag der Somalierin Asme mit einer großen Torte feiern. Der Schein trügt aber. Lediglich die 16-jährige Hayat aus Eritrea erklärt sich für ein Foto bereit, das Geburtstagskind nach einigem Zureden wenigstens dazu, dass sie darauf von hinten zu sehen ist. Immerhin stellen sich die Äthiopierinnen Mahilet (16) und Lina (15) für ein Gespräch zur Verfügung. Sie sind „absolute Ausnahmen“, wie Ohnesorg be- tont, da sie mit Flugzeug und Bahn nur wenige Tage unterwegs gewesen seien, um über Schleuser nach Deutschland zu kommen. Kennengelernt haben sie sich in der Erstaufnahme in München und seit Mitte Dezember sind sie bei „kids24“. Über ihre Flucht oder die Beweggründe, allein in ein fremdes Land zu gehen, wollen sie nicht sprechen. Lina kämpft mit den Tränen, als sie lediglich haucht, dass sie keine Familie mehr habe. Ein Strahlen kommt dagegen auf die Gesichter, als sie ihren größten Wunsch preis geben: „Finish school“ – die Schule fertig machen, kommt es ohne Zögern. Beide haben bereits neun Jahre Schule in Äthiopien absolviert. Lina möchte studieren, denn ihr Traumberuf ist Ingenieurin. Mahilet träumt davon Krankenschwester zu werden. Aber erst einmal steht Deutschlernen an, was „hard“ ist, wie sie lachend dann doch lieber noch auf Englisch sagen. Ihre Muttersprache ist Amharisch. Die kleine Hörprobe davon klingt schön, aber – zumindest für ans Deutsche gewöhnte Ohren und Zungen - auch „hard“ zu lernen. Angetan zeigen sich Lina und Mahilet vom hiesigen Lebensstil mit all der „technology“ - alles so ganz anders als in ihrer Heimat, nämlich „more comfortable“, viel angenehmer, viel bequemer. Kein Wunder, dass ihr Favorit in Kempten das Forum Allgäu ist, wo sie öfter hingehen. Prima fanden sie den Ausflug ins Jugendzentrum in Thingers mit der Gruppe an einem Abend. Aber das Beeindruckendste bislang war wohl der Schnee zwischen Weihnachten und Neujahr. „Das war das erste Mal“ erzählen sie mit glän- zenden Augen. „Das war ein Gejohle“ mit Schneebällen bestätigt auch Ohnesorg. Ebenso freuen sich die beiden ortho- doxen Christinnen auf den Besuch im Cambomare, auch wenn Mahilet etwas ver- schämt gesteht, dass sie – zumindest noch – nicht schwimmen kann.  Christine Tröger

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