Grüne küren ihren OB-Kandidaten

Gibt es 2020 ein "grünes Wunder" und Kemptens ersten OB mit Migrationshintergrund?

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Lajos Fischer freut sich zusammen mit seiner Frau Johanna (r.) über die Nominierung.

Kempten – Bevor sich der am Ende mit 20 von 28 Stimmen gekürte Kandidat der Kemptener Grünen für das Amt des Oberbürgermeisters Lajos Fischer freuen konnte, stand seine – das Gros der Stimmberechtigten – überzeugende Bewerbungsrede. Kritik wurde von einigen Mitgliedern allerdings daran geübt, dass bereits im Kreisvorstand eine Vorauswahl getroffen wurde, so dass Fischer von ursprünglich drei Bewerbern als einziger Kandidat zur Wahl stand. Sie sahen deshalb „keine Wahl, sondern eine Abstimmung“, was sie besonders in einer Partei mit basisdemokratischem Anspruch enttäuschte. Wahlleiter Uwe Vry bat um Nachsicht, da man sich erstmals mit mehreren Bewerbern gesehen habe und man „sicher bis zum nächsten Mal lernen“ werde. Die Möglichkeit, noch vor der Abstimmung einen weiteren Bewerber vorzuschlagen, wurde seitens der Kritiker jedenfalls nicht wahrgenommen und die Dinge konnten ihren planmäßigen Lauf nehmen.

Fischers Statement gegen Ende seiner Rede war bereits von Anfang an spürbar: „Ich habe richtig Lust, in diesen Wahlkampf zu gehen!“ Eher als Sympathiebonus denn als Schwäche sahen viele sein Eingeständnis, dass „für mich jetzt eine Lernphase beginnt“ und er zwar schon zu einigen Fragen Antworten liefern könne, aber eben nicht zu allen Themenbereichen. 

Im übrigen will der vehemente Verfechter von Demokratie die auch gar nicht als Autorität liefern, sondern den Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit geben, ihre Stadt „mitzugestalten“ und sie wieder zu einer „Stadt der Bürger“ zu machen. Zusammen mit seinen neuen Parteifreunden – Fischer ist inzwischen auch bei den Grünen eingetreten – will er dennoch im Laufe des nächsten halben Jahres einen „konkreten“, wie er betont, Plan für Kempten erarbeiten, „mit dem wir an die Öffentlichkeit gehen können“. 

Die wichtigsten Herausforderungen seien „Kernkompetenzen der Grünen“: Klimaschutz und Mobilität. Daneben stehen für ihn auch Teilhabe von Bürgern und gesellschaftlicher Zusammenhalt ganz oben auf der Agenda. „Wir brauchen einen öffentlichen Raum ohne Konsumzwang“ sagt er, „wo sich Menschen einfach treffen können“. Auch eine richtige Willkommenskultur ist ihm ein wichtiges Anliegen, in der die Menschen „spüren, dass man sie gerne aufnimmt“ sowie neue Modelle für Selbstbestimmung zu finden und digitale Möglichkeiten für die Demokratie zu nutzen. 

Fischer, der es 2014 als Stadtratskandidat der SPD nicht ins Gremium geschafft hatte, hat sich nach eigenem Bekunden immer schon von Rot und Grün gleichermaßen angesprochen gefühlt. Die Haltung der Bundes-SPD beim Flüchtlingsthema könne er aber nicht mehr mittragen, erklärt der Geschäftsführer des „Haus International“ seine nun rein grüne Präferenz. Ein nachvollziehbarer Schritt blickt man auf die Liste seiner Engagements, u.a., Vorsitzender des Bundeszuwanderungs- und Integrationsrats (BZI), Vorstandsmitglied der Ausländer-, Migranten- und Integrationsbeiräte Bayerns (AGABY), Experte bei der Erstellung des Nationalen Aktionsplans Integration und Jury-Mitglied für den Bayerischen Integrationspreis, stellvertretender Vorsitzender des Integrationsbeirats Kempten. 

Seit 30 Jahren lebt der gebürtige Ungar mit doppelter Staatsbürgerschaft aus Kemptens Partnerstadt Sopron bereits in Kempten; zum Zeitpunkt der Kommunalwahlen 2020 werden es sogar exakt 30 Jahre sein, seit ihn die Liebe nach Kempten gebracht hat. Und auch die Stadt „ist inzwischen eine Liebe von mir geworden“, bekennt er. 

Im Wahlkampf möchte er gerne „Wohnzimmergespräche“ führen, um das Ohr möglichst nah an den BürgerInnen zu haben. Und er will „Haltung zeigen“, was für ihn mehr bedeute als das Verteidigen von Werten. „Ich beuge mich bis zu einem gewissen Grad“, aber nicht so weit, dass das Rückgrat breche; und, „es gibt Dinge, die sind nicht verhandelbar“, wie die Menschenrechte. Sein Rezept für den Wahlkampf, den er mit „Lust, Kreativität und Experimentierfreude“ angehen wolle, beschreibt Fischer mit dem japanischen Begriff „Wabi sabi“, da es wichtig sei, locker in die Kampagne zu gehen – „der kompromisslose Perfektionismus ist nichts“. Sein Ziel ist dennoch klar: „Ich hoffe in Kempten auf ein grünes Wunder“, wie der 57-jährige Vater von drei Söhnen und Großvater zweier Enkel schmunzelnd sagte. Sollte Lajos Fischer als Hauptkandidat ausfallen, wurde bei der Sitzung vergangene Woche auch gleich eine Ersatzfrau gewählt. Wildkräuterfrau Gerti Epple erhielt 22 von 28 Stimmen. 

Christine Tröger

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