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Allgäuer Wälder: Kontrollierte Wildnis, Kapital und Klimaschützer

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Sie arbeiten mit ansteckender Begeisterung gemeinsam für unsere Wälder (von li.): Hubert Heinl (Revierförster Sonthofen West), Andreas Fisel (Forstrevier Hörnerkette, AELF) und Jann Oetting (Forstbetriebsleiter Sonthofen) vor einer 200 Jahre alten Weiß- tanne. Sie allein würde ausreichen, um eine große umgebende Fläche mit jungen Tannen zu bestücken, wenn genügend Licht und eine geringere Wilddichte das Wachsen ermöglichen.

Das Hitzejahr 2018 hat den Wäldern in ganz Deutschland stark zugesetzt. Rund 110.000 Hektar Waldfläche sind abgestorben und haben den Holzpreis in den Keller getrieben. Noch schwerer wiegt die ökologische Bilanz, denn Experten sprechen von einer Jahrhundertkatastrophe. Dass Holz überall einfach nachwächst, ist aktuell eher ein Traum der Förster und Waldbesitzer. Unser Glück: Den feuchteren Allgäuer Wäldern geht es (noch) gut.

Auf einem Streifzug durch den Wald des Forstbetriebes Sonthofen im Rohrmoos bei Tiefenbach zeigen mir drei Waldexperten, wie ein stabiler und zukunftsfähiger Wald aussieht, der eine intakte, artenreiche und dadurch klimaresistente Natur mit hoher Schutzfunktion darstellt und gleichzeitig nachhaltig eine gute Holzernte verspricht. Jann Oetting (Forstbetriebsleiter Sonthofen) und Hubert Heinl (Revierförster Sonthofen West) arbeiten nach der Waldstrategie der Bayerischen Staatsforsten. Andreas Fisel ist Ihr AELF-Kollege im Revier der Hörnerkette. Waldumbau von zu hohem Fichtenanteil hin zu strukturreichen, ökologisch hochwertigen Mischwäldern, Naturverjüngung und waldorientierte Jagd sind die drei Säulen der Forstarbeit auf den Flächen der Staatsforsten, die ein Drittel oder ca. 750.000 Hektar der bayerischen Wälder ausmachen. Das Kerngeschäft bleibt trotzdem die Holzernte, deren Gewinn die Bewirtschaftung selbst tragen kann. Fünf Millionen Festmeter Holz werden jährlich nachhaltig genutzt. 

Die Hälfte der bayerischen Wälder ist in Privatbesitz – der Rest gehört den Kommunen – und besteht im Allgäu zu großen Teilen aus reinem Fichtenwald. Hier liegt die Aufgabe von Andreas Fisel, der beim Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten angestellt ist: Er berät die Waldbesitzer hinsichtlich des Umbaus zu Mischwäldern. Ein dritter Mitspieler in dem komplexen und durchaus strittigen Thema Wald ist die Jagd. Was in unseren Wäldern passiert, welche Aufgaben und Konflikte es gibt und wie ein gesundes Miteinander gelingen kann, haben die begeisterten Forstwirte auf dem Streifzug durch ein herrliches Stück Natur erzählt.

Kreisbote: Wir stehen im ziemlichen Dickicht. Ganz anders als in Fichtenwäldern. Was passiert hier? 

Hubert Heinl: Wir sehen genau das, was als Potential in unseren Wäldern steckt. Es gibt Bäume bzw. Vegetationshöhen in verschiedenen Altersklassen, Sträucher, Gräser als auch stehendes und liegendes Totholz und dazwischen genügend Freiflächen. Da durch gezielten Holzschlag genügend Licht einstrahlen kann, wachsen um uns herum neben Fichten Hunderte Tannen und auch Buchen durch Selbstaussaat und unter dem Schutz der alten Bäume nach. Unser Ziel ist das Wachstum von vier Baumarten auf allen Flächen, damit ist der Mischwald stabil. Das Ziel ist nicht, möglichst viel Holz zu ernten, sondern den natürlichen Kreislauf zu erhalten. 

Kreisbote: Der Forstbetrieb Sonthofen erstreckt sich vom Alpenvorland zwischen Kempten und Füssen bis zu den Hochalpen. Die Bayerischen Staatsforsten gibt es seit 2005. Sieht es in allen Waldgebieten bereits so aus? 

Jann Oetting: Wir konnten auf sehr großen Flächen einen für den Klimawandel stabilen Mischwald aus Fichte, Tanne und Buche aufbauen. Dafür haben wir stark investiert. Unser Vorstand hat eine Tannenoffensive ausgerufen, weil die Tanne eine entscheidende Rolle für die Waldzukunft spielt. Unsere Tannenflächen haben deutlich zugenommen, worauf wir sehr stolz sind. 

Kreisbote: Warum brauchen wir die Tanne? 

Hubert Heinl: Die Weißtanne kann Hitze und Trockenheit besser ertragen als die Fichte und ist weniger anfällig für den Borkenkäfer. Sie wächst auch etwas besser im Schatten. Entscheidend ist zudem ihre tiefe Pfahlwurzel, durch die der Bodenhorizont besser erschlossen wird als nur mit dem Flachwurzler Fichte. Für die Holzernte ist sie ähnlich gut zu nutzen. 

Kreisbote: Das hört sich alles nicht so schwierig an. Warum heißt es dann, für den Wald ist es kurz vor zwölf? 

Jann Oetting: Die Anstrengungen in den Waldumbau werden größer, weil wir aktuell von der Schnelligkeit und der Heftigkeit des Klimawandels überrascht werden. Der Waldumbau braucht einfach Zeit. In Tschechien verändern sich durch die Hitze und den anschließenden verstärkten Schädlingsbefall gerade ehemalige Waldlandschaften aus nahezu reinen Fichtenkulturen hin zu Steppen mit gravierenden Problemen. Dort ist z. B. die Trinkwasserversorgung durch zu hohen Nitrateintrag gefährdet. In den nächsten Jahren wird sich zeigen, ob wir den Wald mit seinen für uns lebenswichtigen Funktionen erhalten können. Auch in Bayern gibt es noch viele Flächen mit Fichtenwäldern. 

Kreisbote: Welche Rolle genau spielt der Borkenkäfer als Schädling? 

Hubert Heinl: Die Insekten sind die großen Gewinner des Klimawandels. Sie fühlen sich bei hohen Temperaturen wohl. Sind Bäume durch Hitze und Trockenheit geschwächt, sinkt ihre Widerstandskraft gegen die Käfer. Die Waldschäden können sich durch den Schädlingsbefall nach einer Dürre auf das zwei- bis dreifache Ausmaß verstärken. Sturmholz ist besonders anfällig und die Fichte knickt am schnellsten. 

Kreisbote: Kommen wir zur Jagd. Bekannt ist, dass Naturwald und trophäenreiche Jagd nicht zusammenpassen. Woran liegt das? 

Jann Oetting: Im Wald allgemein und speziell im Bergwald spielt, wie schon gesagt, die Tanne eine ganz wichtige Zukunftsrolle. Mischbaumarten – Baumarten, die nicht den wirtschaftlichen Schwerpunkt tragen – wie die Tanne sind aber bei unseren Wildarten als Futter sehr beliebt. Deswegen brauchen wir in unseren Jagdrevieren geringere Wilddichten, die das Wachsen der Tannenpflänzchen und anderer Mischbaumarten nicht verhindern. 

Kreisbote: Was hat das mit den Trophäen zu tun? 

Hubert Heinl: Für einen kapitalen Hirsch von zehn Jahren müssen ca. 50 Jungtiere heranwachsen dürfen. Mit dieser Wilddichte können wir die Naturwaldbewirtschaftung nicht durchführen. Wir brauchen eine waldorientierte Jagd. 

Kreisbote: Heißt das, hier im Rohrmooser Wald gibt es nur noch wenig Wild? 

Hubert Heinl: Nein, so ist es definitiv nicht. Unsere Wildbestände sind absolut ausreichend, passen zu einem strukturierten Mischwald und das Wichtigste ist, dass es den Tieren gut geht, auch wenn wir weniger Wild beobachten. Die Wälder liefern nicht nur hochwertigeres Futter, sondern auch eine sehr gute Deckung. 

Kreisbote: Wie ist dieser Konflikt zu lösen? 

Jann Oetting: Es geht um Akzeptanz und Toleranz der Ziele: Unser Eigentümer, der Freistaat Bayern, will einen klimawandelresistenten Heimatwald. Ministerpräsident Markus Söder hat dies so formuliert. Und das ist nur mit Wildbeständen möglich, die die Tanne wachsen lassen. Im Wald und bei der Jagd muss jeder seine Hausaufgaben erledigen, ohne dem Nachbarn nach seiner Vorliebe Vorschriften machen zu wollen. Gleichzeitig müssen wir als Nachbarn mit- und nebeneinander arbeiten. Sonst werden wir (auch) im Wald die großen Aufgaben der Zukunft nicht lösen. 

Kreisbote: Herr Fisel, Sie betreuen die Privatwaldbesitzer, auf die eine große Verantwortung zukommt. Was ist genau Ihr Aufgabengebiet? 

Andreas Fisel: Auf einer Waldfläche von über 5000 Hektar mit einem sehr hohen Anteil an Fichte bin ich zuständig für etwa 2600 Waldbesitzer. Ein Großteil hat weniger als einen Hektar Wald. Zudem leben im Zuge der Vererbung mehr und mehr Eigentümer nicht mehr im Allgäu, sondern weit entfernt in den Städten. Damit kennen diese „neuen Waldbesitzer“ oft nicht einmal mehr die Lage ihres Waldes. Wir müssen zunächst die Eigentümer ausfindig machen, ihnen ihren Wald zeigen und Freude daran vermitteln. Denn der Mensch kümmert sich am besten um das, was er kennt und schätzt. Hilfreich ist die Bergwaldoffensive. In ausgewählten Projektgebieten organisieren wir mit den Grundbesitzern eine gemeinsame Waldpflege und nehmen alle Partner mit ins Boot, insbesondere auch die Jagd. Ich bin froh, dass ich hier vor Ort zeigen kann, wie Wald und Wild in Einklang zu bringen sind, inklusive einer waldorientierten Bejagung für den Wald der Zukunft. 

Kreisbote: Waldarbeit kostet viel Geld und der Holzpreis ist nach 2018 stark gesunken. Ist das überhaupt zu stemmen von den Privatwaldbesitzern und wie unterstützt der Bayerische Staat? 

Andreas Fisel: Nördlich von unserer grünen Oase Allgäu ist das Bild verheerend: Über 110.000 Hektar Wälder, die abgestorben sind, müssten nun mit 300 Millionen Bäumen wieder aufgeforstet werden. Abgesehen davon, dass der Holzpreis häufig nicht einmal mehr die Erntekosten deckt, sind die Grundbesitzer mit dieser Wiederaufforstung finanziell schlicht überfordert. In Bayern hat der Staat ein attraktives Förderprogramm gestrickt. Meine Waldbesitzer kann ich sowohl in der Ernte von Schadholz insbesondere im Schutzwald wie auch in der Wiederaufforstung mit klimatoleranten Baumarten unterstützen. 

Besonders hilfreich ist die finanzielle Förderung der angesprochenen Naturverjüngung: Sind Wald und Wild im Einklang und kommt Licht auf den Boden, wachsen die kleinen Tannen und Buchen von selbst unter dem Schirm der alten Bäume. Sollten diese alten Bäume etwa durch den Käfer absterben, so ist der neue Wald schon vorhanden – Pflanzungen erübrigen sich. Diese sind eine riesige Herausforderung – bei ausgeprägten Trockenphasen im Frühjahr und Sommer kommt es regelmäßig zu großen Ausfällen. Deswegen ist es schwierig, auf sturmgeschädigten Kahlflächen einen neuen Wald wachsen zu lassen. Bäume, die durch Selbstaussaat wachsen, sind besser an den jeweiligen Standort angepasst.

Kreisbote: Herr Heinl, die Forstreform vor knapp 15 Jahren kam bei den Naturschutzverbänden zunächst nicht gut an. Aktuell arbeiten Sie sehr eng mit LBV und BN zusammen. Was ist passiert, dass die gemeinsamen Projekte so gut laufen? 

Hubert Heinl: Die Zusammenarbeit der Förster auf den „unteren“ Ebenen war immer schon gut. Das Misstrauen der Verbände war vor allem durch die Angst begründet, dass der Staatswald zu reinen Holzfabriken verkommt, in dem mit großen Maschinen Holz geerntet wird und die Wälder und Wege verwüstet werden. Durch unsere tägliche Forstarbeit konnten wir dieses Misstrauen abbauen. Bei vielen Artenschutzthemen bin ich sehr dankbar über das Expertenwissen und die Unterstützung von BN und LBV. Die vielen erfolgreichen Naturschutzprojekte zeugen von der vertrauensvollen Zusammenarbeit.

Kreisbote: Viele Menschen wissen sehr wenig über Wald, Wildnis und was die Förster dort bewegen. Was sind die größten Denkfehler und was sollten die Leute besser wissen und beachten? 

Hubert Heinl: Viele Menschen glauben, für den Wald sei es am besten, gar nichts zu tun, die Natur Natur sein zu lassen. Gleichzeitig wollen sie im Holzhaus wohnen und ihren Kachelofen mit Holz heizen. Tatsache ist, dass der Artenreichtum in nach unseren Vorgaben bewirtschafteten Wäldern viel höher ist als in Urwäldern. Das bedeutet aber nicht, dass wir die gesamte Waldfläche bewirtschaften, vielmehr lassen wir schon lange alte und naturnahe Wälder ruhen, nicht nur in den Nationalparks, sondern über ganz Bayern verstreut. Daneben muss die Produktion des überall benötigten Baustoffes Holz vor Ort passieren. Das Importieren von Holz aus Ländern, die nicht mit unseren Umweltstandards wirtschaften, sowie der Transport über weite Entfernungen sind keine sinnvolle Alternative. Der Klimawandel wird uns in den nächsten Jahren vor gigantische Herausforderungen stellen. Speziell der Umbau der Reinbestände zu klimastabilen Mischwäldern verlangt ein intensives Bewirtschaften der Wälder. Mit Zuschauen und unkontrollierter Wildnis erreichen wir dieses Ziel nicht. 

Kreisbote: Ich danke Ihnen für diesen interessanten Streifzug.

Annette Mayr

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