Einige Modelle haben auch in Kempten und Umgebung schon Fuß gefasst, wie die Gemeinwohlökonomie (GWÖ)

Alternative Wirtschaftsformen auf dem Vormarsch?

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Der 1. Vorsitzend des Gemeinwohl-Ökonomie Bayern e.V., Jörn Wiedemann, bei der Gründungsveranstaltung.

Ewiges Wachstum kann es nicht geben, da die Erde in ihrer Gesamtheit begrenzt ist. Jeder weiß oder ahnt zumindest, dass nicht genügend Ressourcen vorhanden sind, um dauerhaftes Wachsen zu ermöglichen. Deshalb braucht es andere Ansätze, eine neue Denkweise in Bezug auf das Wirtschaften. Die bereits vorhandenen Modelle dafür sind zahlreich und reichen von Transition Towns, Tauschringen, Urban Gardening über Nachbarschaftshilfe, Food-sharing, Gemeinwohlökonomie (GWÖ) bis Regionalwert AG – um nur einige zu nennen.

Viele Kemptener beteiligen sich unter anderem bereits rege an Tauschringen, wie dem „Tauschring Cambodunum“ im Rahmen „Soziale Stadt“ im Stadtteil Sankt Mang. Auch ein Standort für Foodsharing hat seit einigen Jahren einen festen Platz im Haus International und mit der Initiative „Essbare Stadt“ hat auch Urban Gardening Einzug in Kempten gehalten und ist den meisten Menschen hier ein Begriff. Noch wenig geläufig ist Vielen dagegen, was sich genau hinter dem Begriff „Gemeinwohlökonomie“ (GWÖ) verbirgt.

„Alle wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl“. Wer diese Aussage spontan sozialromantischem Gedankengut zuschreiben möchte, kann diesen Satz im Artikel 151 der Verfassung des Freistaates Bayern nachlesen.

Das Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie (kurz: GWÖ) wurde vom österreichischen Autor und Attac-Mitbegründer Christian Felber als Vision eines alternativen Wirtschaftssystems entwickelt. Es beruht auf gemeinwohlfördernden Werten wie Kooperation und Solidarität, die Achtung der Menschenwürde, Förderung der Nachhaltigkeit und ein hohes Maß an demokratischer Mitbestimmung.

Er schreibt in seinem Buch „Gemeinwohl-Ökonomie“: „In unseren Freundschafts- und Alltagsbeziehungen geht es uns gut, wenn wir menschliche Werte leben: Vertrauensbildung, Ehrlichkeit, Wertschätzung, Respekt, Zuhören, Empathie, Kooperation, gegenseitige Hilfe und Teilen. Die ‚freie‘ Marktwirtschaft beruht auf den Systemspielregeln Gewinnstreben und Konkurrenz. Diese Anreizkoordinatoren befördern Egoismus, Gier, Geiz, Neid, Rücksichtslosigkeit und Verantwortungslosigkeit.“ Diesen Widerspruch, der uns im Innersten sowohl als Individuen als auch als Gesellschaft spalte, bezeichnet Felber als Katastrophe. Es geht im Kern also um ein Wirtschaften des Miteinanders zum Wohle Aller.

Man könnte es auch mit den Worten Joachim Bauers ausdrücken: „Zu kooperieren, anderen zu helfen und Gerechtigkeit walten zu lassen, ist eine global anzutreffende, biologisch verankerte menschliche Grundmotivation. Dieses Muster zeigt sich über alle Kulturen hinweg.“ Der Arzt und Professor hat zahlreiche Bücher verfasst, darunter „Prinzip Menschlichkeit. Warum wir von Natur aus kooperieren.“

Anfangs nur eine Vision von Außenseitern 

Was als Vision einiger Weniger angefangen hatte, die das derzeitige Wirtschaftsmodell als unvollkommen und nicht sozial ausgewogen erachten, findet heute immer mehr Anhänger. Zumal die der Gemeinwohl-Ökonomie zugrunde gelegten Werte auch in unserer christlich geprägten Kultur fest verankert sind. Wertschätzung und soziale Verantwortung sind zwei dieser Werte, die gerade in der GWÖ einen hohen Stellenwert haben und gelebt werden.

Auch wenn die soziale Verantwortung in unserer jetzigen Wirtschaftsform, der sozialen Marktwirtschaft, bereits zum Tragen kommt und Abgaben und Steuern der BürgerInnen zum Teil wieder der Allgemeinheit zufließen – etwa in Form von Geldern für das Kranken- und Sozialsystem, für Bildung und Infrastruktur – so hat dieses System Schwächen, indem es beispielsweise von multinationalen Konzernen „angezapft“ werden kann. Es findet ein regelrechter Wettlauf um Subventionen statt. Unternehmen betreiben großen Aufwand für ihre Standorte in den jeweiligen Ländern, um Subventionen wie Steuererleichterungen oder finanzielle Förderungen für ihren Betrieb einzustreichen. Harald Welzer, ein Befürworter der GWÖ, schreibt in seinem Buch „Selbst denken“: „Normalerweise dienen Wirtschaftsunternehmen dem Ziel, Gewinn zu machen, der privat vereinnahmt wird. Bei eigentümergeführten Unternehmen geht er an die Besitzer, bei börsennotierten an die Shareholder (Anteilseigner)“. Mit anderen Worten: Nicht selten werden die Kosten sozialisiert und die Gewinne privatisiert. Ein gemeinwohlorientiertes Unternehmen ist Welzer zufolge dagegen interessiert am Wohlergehen aller Menschen einer Gesellschaft.

Bemerkbar macht sich das an einer wachsenden Zahl von GWÖ-Unternehmen, die ihre MitarbeiterInnen am Unternehmenserfolg direkt beteiligen und dadurch die Motivation der Beschäftigten fördern – was letztlich dem Unternehmen wieder zu Gute kommt.

Die GWÖ ist der Überzeugung, dass sich eine Gesellschaft durch Kooperation, Solidarität und soziale Sicherheit trägt und ständig weiterentwickelt und auch davon, dass anderen zu helfen und sich gegenseitig zu unterstützen das eigene Wohlbefinden, den Selbstwert und die Zufriedenheit steigert.

Ein gutes Beispiel hierfür ist die in unserer Region ebenfalls vielerorts gepflegten Nachbarschaftshilfe. Nachbarn helfen sich untereinander, indem sie sich zum Beispiel gegenseitig Maschinen ausleihen oder ihre Arbeitskraft anbieten. Das spart Zeit und Geld, man kommt sich näher, lernt sich besser kennen, das Gemeinschaftsgefühl kann wachsen.

Heute hat aber leider so gut wie jeder Haushalt eine Bohrmaschine oder ein eigenes Trampolin im Garten. Mit der Folge, dass die Menschen immer individueller agieren, oder am Beispiel des Trampolins, die Kinder im eigenen Garten spielen und es kaum mehr ein Miteinander mit Anderen auf öffentlichen Spielplätzen gibt. Hier stehen die Geräte dann oftmals unbenutzt herum.

Ein grundsätzliches Problem unserer „Sozialen“ Marktwirtschaft ist mittlerweile, dass große Konzerne und Handelsketten eine riesige Marktmacht besitzen. Sie können in hohem Maße Arbeitsbedingungen und Einkaufspreise bestimmen. Wird ein Billiglohnland zu teuer, weil die Produktion z. B. durch die Einführung von mehr Gesundheitsfürsorge für die ArbeiterInnen teurer werden würde, verlagert man die Herstellung in ein anderes Billigstlohnland, wo Umweltauflagen und Arbeitssicherheit vielleicht noch keine große Rolle spielen. Für Schäden an Mensch und Natur, getreu dem Verursacherprinzip, müssen leider noch viel zu Wenige auch wirklich in voller Höhe aufkommen, so dass diese sich auch in den Verkaufspreisen nicht niederschlagen müssen. Natürlich sind solche Produkte dann günstiger im Vergleich zu Herstellern, die gerechte Löhne bezahlen, den Umweltschutz achten und die Arbeitssicherheit berücksichtigen.

Leider läuft auch hierzulande einiges aus dem Ruder. Bestes Beispiel ist die Landwirtschaft, oder besser gesagt: Die Agrarindustrie. Nennenswerte Förderung bekommt derjenige, der Großställe mit einer riesigen Zahl von Tieren baut. Gefördert wird nicht der kleinbäuerliche Betrieb, welcher durch geringe oder gar keine Dünge- und Spritzmittelausbringung die Böden schont und sie so für die nachfolgenden Generationen gesund erhält, damit die so wichtige Artenvielfalt erhalten bleibt und unser kostbares Grundwasser nicht verunreinigt wird.

Sind nun wir Konsumenten gefragt oder die Unternehmen oder doch die Politik? Die GWÖ verfolgt hier eine klare Linie: Nicht das monetär erfolgreichste Unternehmen, oder jenes das am geschicktesten juristische und steuerliche Kniffe oder Konglomerate aufbaut, wird gefördert, sondern jene, die ihre Unternehmensführung am Gemeinwohl ausrichten. Nur, wie soll das gehen? Wie ist das mess- und nachweisbar? Die GWÖ- Bewegung hat hierfür ein sinnvolles Werkzeug entwickelt, die sogenannte Gemeinwohl-Bilanz. Ein Index, der durch das Erstellen der GWÖ-Bilanz ermittelt wird, gibt transparent Auskunft darüber, wie das jeweilige Unternehmen hinsichtlich dem Gemeinwohl gewirtschaftet hat. Sie beleuchtet das unternehmerische Handeln in Bezug auf Wahrung der Menschenwürde, Solidarität, der ökologische Nachhaltigkeit, sozialen Gerechtigkeit sowie der Demokratie, der Mitbestimmung und der Transparenz. Dem stehen die sogenannten Berührungsgruppen „gegenüber“. Diese sind Lieferanten, Geldgeber, MitarbeiterInnen, Kunden, Mitunternehmer und das gesellschaftliche Umfeld. All diese „Partner“ werden zu den oben genannten Werten in Beziehung gesetzt. Reduziert ein Unternehmen zum Beispiel die negativen ökologischen Auswirkungen seines Wirtschaftens durch Energieeinsparung in der Produktion, bekommt es Pluspunkte. Umgekehrt gilt aber auch, dass z. B. bei Verletzung der Menschenwürde, feindlichen Übernahmen, Verstößen gegen Umweltauflagen, Ungleichbezahlung zwischen Frauen und Männern oder der Verhinderung eines Betriebsrates Minuspunkte anfallen. Unterm Strich bleiben Punkte (positiv oder negativ) übrig, woraus ersichtlich ist, wie das jeweilige Unternehmen im Sinne des Gemeinwohls – oder eben nicht – im jeweiligen Geschäftsjahr gewirtschaftet hat.

Bei einer positiven Gemeinwohl-Bilanz soll ab einem bestimmten Punktestand der bilanzierte Betrieb von Gesetzeswegen belohnt werden. Wer für das Wohl von Mensch und Natur einen Mehraufwand hat (der sich u. U. in höhere Preise niederschlägt), soll keinen Nachteil erleiden und auch wettbewerbsfähig bleiben. Möglich wäre dies z. B. durch Steuererleichterungen und Bevorzugung bei öffentlichen Ausschreibungen.

Denn Kommunen ist es zumindest unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt, nicht mehr nur das billigste Ausschreibungsangebot nehmen zu müssen, sondern jenes, das auch Gemeinwohl-Kriterien berücksichtigt, möglicherweise etwas teurer, dafür unterm Strich aber nachhaltiger ist. In der Regel kommen diese nach festen Wertungskriterien definierten Ausschreibungen bei Großaufträgen zum Einsatz. Damit lässt sich ein „anderes Wirtschaften“ in der Praxis anwenden.

Alles nur Utopie?

Mehrere Banken (z. B. Sparda), Universitäten (z. B. Barcelona), Gemeinden (z. B. Vinschgau) und große Unternehmen (z. B. VauDe) haben in der Zwischenzeit erfolgreich die Gemeinwohl-Bilanz erstellt und ihr wirtschaftliches Handeln den GWÖ-Kriterien angepasst.

Auch folgende Beispiele zeigen, dass die Praxis der Gemeinwohl-Ökonomie sehr gut und wirtschaftlich gesund gelingen kann. Und zwar zur Zufriedenheit und zum Wohle aller Beteiligten, nicht nur einiger weniger.

Im Allgäu gibt es zahlreiche regionale Wirtschaftsgemeinschaften (ReWiG) – Informationen rund um die ReWiG Allgäu unter https://projekte.rewig-allgaeu.de - und dazu ein Regiogeld – auch Regionalgeld. Diese praktische Alternativen sind ein Konzept für Bürgerbeteiligungsgesellschaften, die bereits schon landauf wie landab gut eingeführt sind und funktionieren. Diese alternative Wirtschaftsform kombiniert den Auf- und Ausbau eines regionalen Güterkreislaufs, durch und mit einem regionalen Geldkreislauf. Im Klartext: Geld, Ware und Dienstleistungen stammen aus der Umgebung, die Wertschöpfung bleibt in der Region, ein Gedanke auch hinter „Schex in the City“ vom City-Management Kempten.

Diese regionalen Wirtschaftsgemeinschaften bieten eine innovative Lösung zur regionalen Erfüllung der Grundbedürfnisse, wie Ernährung, Kleidung, Wohnen und Energie. Die genossenschaftlich organisierten Bürger können ihr Geld über diese regionalen Wirtschaftsgemeinschaften in nachhaltige Unternehmen, Betriebe sowie Dienstleister ihres Raumes investieren, die wesentlich zur sozialen und ökologischen Wertschöpfung beitragen.

Gute Beispiele für gelungene GWÖ 

Die Siedlung Herzogsägmühle in Peiting steht für Regionalität, Vernetzung vor Ort, gerechtes Wirtschaften, Finanzierung des sozialen Netzes (Lebensqualität in der Region durch hohe soziale Standards) und ökologische Nachhaltigkeit.

Das Unternehmen Zotter Schokoladenmanufaktur aus der Steiermark ist zu hundert Prozent biofair. Bereits seit 2004 werden nur noch fair gehandelte Bohnen und Zucker verwendet. Und seit nunmehr zehn Jahren sind alle Zutaten biologisch.

SEKEM ist eine ägyptische Fair-Trade-Kooperative, die seit nunmehr fast 40 Jahren besteht. Sekem brachte mit biologisch-dynamischer Landwirtschaft die Wüste zum Blühen und produziert neben Bio-Lebensmitteln auch Gesundheitsprodukte und Textilien aus ökologischem Anbau. Mit ihrer Arbeit unterstützten Sie bis heute über 700 Farmer und brachten diese dazu auf ökologischen Landbau umzustellen. Der Gründer Ibrahim Abouleish wurde 2003 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet, für ein „Geschäftsmodell für das 21. Jahrhundert, in dem Geschäftserfolg und die soziale und kulturelle Entwicklung der Gesellschaft durch eine Ökonomie der Liebe integriert sind“. Aus den Erträgen werden Kindergärten, Waldorfschulen und Kliniken finanziert. Eine freie Universität öffnete 2009 ihre Pforten. Jeden Morgen versammeln sich die Beschäftigten aus den Betrieben, um gemeinsam den vorausgegangenen Tag zu würdigen und den neuen zu begehen. Die zentralen Werte Menschenwürde, Gleichheit und Demokratie werden auch in der Kooperative gepflegt. In den Bildungseinrichtungen wird „freies und klares Denken“ sowie „künstlerischer Ausdruck“ angestrebt. Die Gesundheitszentren arbeiten mit Ganzheits- und Naturmedizin

Der Demeter-Betrieb Buschberghof gilt als Keimzelle für Gemeinschaftshöfe in Deutschland. Seit 1987 strebt der Hof die Umsetzung eines weitestgehend geschlossenen Wirtschaftskreislaufs an, der über den landwirtschaftlichen Betrieb hinaus die VerbraucherInnen in die Produktion mit einbezieht. Das Konzept der solidarischen Landwirtschaft SoLaWi ist so einfach wie genial: Ein Hof versorgt sein Umfeld mit Lebensmitteln und das Umfeld stellt dem Hof die nötigen Finanzmittel bereit, um wirtschaften zu können (Beispiele bei uns im Allgäu gibt es zuhauf: SoLaWi Unterthingau, Gemeinschaftsgarten in Dietmannsried-Überbach, Hummelhof in Kempten-Elmatsried). Die VerbraucherInnen übernehmen Verantwortung für die Produktion biologischer Lebensmittel, indem sie eine Abnahmegarantie von sechs Monaten oder einem Jahr geben. Im Gegenzug erhalten sie Einblick und Einfluss auf die Produktion. Sie werden Teil des Betriebsorganismus. Dem Konzept liegt die Idee zugrunde, dass die Natur innerhalb gesunder Kreisläufe genügend Überschüsse produziert, um die Menschen in der Region zu ernähren. Die lokale Produktion und der lokale Verkauf werden unterstützt. Das Prinzip der wechselseitigen Verantwortung über biologische und regional-saisonale Produktion wird auch in Lebensmittelkooperativen („Foodcoops“) und sogenannten Gemüse-Abo-Kisten umgesetzt.

Die deutsche Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken (GLS), eine Genossenschaftsbank, ist die erste Universalbank in Deutschland, die nach sozial-ökologischen Grundsätzen arbeitet. Sie finanziert tausende Unternehmen und Projekte in den Bereichen freie Schulen und Kindergärten, regenerative Energien, Behinderteneinrichtungen, Wohnen, nachhaltiges Bauen, ökologische Landwirtschaft und Leben im Alter. Als Ausschlusskriterien gelten für das gesamte Bankgeschäft unter anderem Alkohol, Atomenergie, Embryonenforschung, grüne Gentechnik, Rüstung, Tabak, Kinderarbeit und Tierversuche. Alle an Unternehmen vergebenen Kredite werden veröffentlicht. Kredite werden grundsätzlich nicht weiterverkauft, ebenso wenig gehören spekulative Geschäfte zu ihrem Geschäftsmodell.

Die Druckerei Uhl-Media in Bad Grönenbach ist als ganzheitlich nachhaltig agierende Druckerei aufgestellt und am Markt positioniert. Die Gedanken der Gemeinwohl-Ökonomie teilen sie in punkto sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit und Fairness. Für das Geschäftsjahr 2013 wurde der Einstiegsbericht für Gemeinwohl-Unternehmen erstellt. Dieser bildet die Grundlage für eine spätere Gemeinwohl-Bilanz, welche auditiert wird.

Mondragón – die im Baskenland beheimatete weltgrößte GenossInnenschaft umfasst 260 Unternehmen und Genossenschaften in mehreren Ländern mit 74.000 Mitarbeitern. Basis ist die grundsätzliche Gleichheit der arbeitenden GenossInnen und demokratische Betriebsorganisation. Die Gewinne werden zu einem kleinen Teil an die MitarbeiterInnen ausgeschüttet und zu einem großen Teil reinvestiert; ein weiterer Teil fließt in den „Zentralen Fonds für Zusammenarbeit“, der neue Projekte und Arbeitsplätze schafft. Bis zu zehn Prozent des Nettogewinns fließen in das Gemeinwesen und in als sehr wichtig eingestufte Bildungsprojekte.

Erfolgreiche Beispiele finden sich auf allen Kontinenten und in praktisch allen Ländern dieser Welt. Konsequent weiter gedacht stellt sich die Frage: Was Unternehmen uns vormachen, kann das auf ganze Staaten übertragen werden? Können Mitbestimmung oder der Naturschutz zum Gemeinwohl erklärt werden?

Die direkte Demokratie in Form von Volksabstimmungen macht Mitbestimmung schon heute möglich. Doch wer möchte nicht sprichwörtlich den Ast erhalten, auf dem er gerade sitzt? Soll bedeuten, dass eine intakte Natur das wertvollste und kostbarste ist und was für alle Lebewesen fürs (Über-)Leben die Grundlage ist, wie die Luft zum Atmen.

Zum Beispiel Equador geht hier einen Schritt voran und hat die Rechte der Natur und die Rechte des buen vivir (Normen über die „gesunde Umwelt“) umfangreich in ihre Verfassung aufgenommen. Auch Bolivien verankert das Recht auf eine gesunde Umwelt in ihrer Verfassung. Der Schutz und Erhalt der Umwelt werden darin als öffentliches Interesse anerkannt. Die Natur hat einen Eigenwert zugesprochen bekommen. Und etwas das einen „eigenen Wert“ hat, kann nicht Eigentum anderer sein. Weiter hat die Natur in dieser Verfassung das Recht auf eine vollständige Wiederherstellung der degradierten, geschädigten oder zerstörten Ökosysteme, diese Wiederherstellung wird als „ökologische Restaurierung“ bezeichnet.

Ein Leben in solidarischer Gemeinschaft und im Einklang mit der Natur (im Kreislauf der Natur, wo jeder nur so viel entnimmt wie er auch zum Leben braucht und somit Raum für Pflanzen und Tiere lässt), wird länderübergreifend herbeigesehnt und auch schon umgesetzt.

Zu guter Letzt

Sinnvolle Wertschöpfung funktioniert nicht nur ohne Gewinnstreben, sondern sogar ohne Geld. Viele essentielle Bedürfnisse werden inmitten des Kapitalismus abseits von Markt- und Geldbeziehungen befriedigt. Die kapitalistische Ökonomie beruht ganz selbstverständlich auf unbezahlten, freiwilligen Leistungen, vor allem von Frauen, die hochwertvolle Beziehungsarbeit leisten. Ihnen gegenüber erscheint es besonders zynisch, wenn behauptet wird, dass Menschen ohne Konkurrenz und Profitstreben keine Leistungen erbringen würden. An einige dieser „unsichtbaren Leistungen“, auf die der Kapitalismus angewiesen ist, sei hier erinnert: Betreuung und Pflege (älterer Menschen), Sterbebegleitung (Hospiz), Ehrenamt Feuerwehr u.v.m.

Das Prinzip des Schenkens und Wohlwollens (Adam Smith) ist universal und selbst innerhalb kapitalistischer Gesellschaften unausrottbar. Der Ansatz der Geschenkökonomie schlägt vor, dieses Prinzip auf die gesamt Wirtschaft auszuweiten. Doch zuvor wäre ein weiterer Schritt notwendig: Dass das Geldverdienen als oberster Zweck des Wirtschaftens und Arbeitens von den Motiven Sinn, Lebensqualität, Fürsorge, Kreativität und Gemeinwohl abgelöst wird.

Hauptquelle: „Gemeinwohlökonomie“ von Christian Felber, Deuticke-Verlag.

Die Grüne Seite setzt zum Jahreswechsel einmal aus und erscheint wieder am 8. Februar 2017.#

Von Andreas Leising

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