Veränderte Familienstrukturen, Mode und auch die globalisierte Welt verändern das Bild unserer Friedhöfe und die Anforderungen

Bestattungskultur im Wandel

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Als ein Projekt des Architekten Heydecker ist die Urnenwand auf dem evangelischen Friedhof unter der Burghalde.

Kempten – Schon aus der Steinzeit sind Bestattungsriten bekannt und bis heute sind sie ein wichtiger Teil der meisten Kulturen. „Sie sind eine spezifisch menschliche Erscheinung und kommen im Tierreich nicht vor. Sie sind eng an die jeweiligen Jenseitsvorstellungen einer Kultur geknüpft und gehören deshalb meistens in deren religiösen Bereich“, wie sich in Wikipedia nachlesen lässt. Und weiter: „Bestattungsriten können als Übergangsriten angesehen werden, da sie den Bestattenden dazu dienen, ihre Trauer zu kanalisieren und die durch den Tod ausgelöste Störung in der Gemeinschaft zu verarbeiten und Aussagen über das Jenseits zu treffen.“

Bestattungen sind nicht nur so alt wie die Menschheit, sondern ebenso Spiegel des Wohlstands der Verstorbenen. Dass auch der Umgang mit Sterben, Tod und Bestattung im Laufe von Jahrhunderten – und darüber hinaus – dem Wandel unterworfen war und ist, kann auf alten Friedhöfen noch gut nachvollzogen werden. So wichen beispielsweise die bis ins 18. Jahrhundert üblichen Kreuze und Stelen einst den dann in Mode kommenden antikisierenden Grabmälern. Eine enge Verknüpfung gibt es darüber hinaus mit der jeweiligen Religionszugehörigkeit – oder Religionslosigkeit – der verstorbenen Person. Man hat die Wahl zwischen Erd- und Feuerbestattung, von denen besonders letztere heutzutage in fast allen erdenklichen Varianten angeboten wird und einst in der christlichen Welt fast einer kleinen Revolution gleich kam: jahrhundertelang wurde die Feuerbestattung abgelehnt (die katholische Kirche erlaubt die Einäscherung offiziell erst seit 1963), da man in der Erdbestattung die Voraussetzung für die Wiederauferstehung sah. Im orthodoxen Judentum und im Islam ist eine Feuerbestattung bis heute grundsätzlich nicht erlaubt.

Bestattungskultur im Wandel 

Seit einigen Jahren ist ein augenfälliger Wandel bei Bestattungsgepflogenheiten zu beobachten. Die „pflegeleichten“ Gräber der Neuzeit haben schon längst begonnen imposante oder auch bescheidenere Grabdenkmäler zu verdrängen. Aufgelassene Grabstätten von Verstorbenen, deren Angehörige zu weit entfernt leben, um sich zu kümmern, lassen Friedhofsanlagen zunehmend wie ein von Motten befallenes Tuch erscheinen und nicht nur zum optischen Problem für Friedhöfe werden. Sinkende Fallzahlen bescheren ihnen steigende Defizite – ein Grund, warum (wie berichtet) auch in Kempten aktuell bei den Gebühren nachgebessert wird. Es sind die veränderten Lebenswelten der Menschen, die neue, attraktive Bestattungsmodelle erforderlich machen. Wer sich mit der Sepulkralkultur – der Kultur des Todes, Sterbens, Bestattens, Trauerns (sepulkral: Grab(mal) oder Begräbnis betreffend) – befassen möchte, kann das übrigens in einem eigenen Sepulkralmuseum in Kassel (www.sepulkralmuseum.de) tun, wo diese Themen in einer Dauerausstellung beleuchtet werden. Seit dem Frühjahr 2014 widmet sich das Museum auch dem Thema „Religionen und ihre Bestattungsriten in Deutschland“, da, so auf der Website der Einrichtung zu lesen, „das Thema Beisetzung von Migranten auf deutschen Friedhöfen in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat“, nicht nur bezüglich der fünf großen Weltreligionen, sondern ebenso mit Blick auf die vielen kleineren Glaubensgemeinschaften.

Noch wenig "Globalisierung" auf Friedhöfen 

In Kempten hält sich die Nachfrage für Bestattungsriten anderer Religionen derweil in Grenzen. So werden rund 90 Prozent der hier lebenden türkischen Muslime nach ihrem Ableben in die Türkei überführt, wie Michael Kaps, Leiter der Friedhofsverwaltung der Stadt Kempten, beim Rundgang über den Zentralfriedhof angibt. Der Bereich für muslimische Gräber ist entsprechend schwach bestückt. Ein paar wenige Kinder sind hier beerdigt und noch weniger Erwachsene – selbstredend den islamischen Vorgaben folgend nach Osten ausgerichtet. Die Dialogbeauftragte der DITIB-Moschee in der Füssener Straße, Ilknur Altan, und Imam Hasan Ovali bestätigen die von Kaps genannte Zahl, denken aber, dass sie sich mit den nächsten Generationen ändern könnte. Für ihre Beerdigung in der Türkei treten viele der türkischen Migranten schon zu Lebzeiten beispielsweise dem DITIB-Bestattungsfonds bei, in den sie jährlich zwischen 50 und 60 Euro einbezahlen. Seit etwa sieben Jahren gibt es in der Moschee in der Füssener Straße auch eine eigene Kühlkammer mit Leichenwaschraum, die auch von Mitgliedern umliegender Moscheen mitgenutzt wird. Dort werden die bei Verstorbenen üblichen rituellen Waschungen durchgeführt, in der Regel vom Imam, oftmals auch von Verwandten. Wie Altan erklärt, wird der Leichnam anschließend – „da man nichts mitnimmt“ – nackt in Tücher gewickelt, in denen er ohne Sarg beigesetzt wird. Nicht so in Bayern, wo generell und ebenso für Muslime Sargpflicht besteht – „noch“, sind sich Altan und Ovali einig, dass die liberale Handhabung einiger anderer Bundesländer auch hier irgendwann kommen werde. Vor allem bei einer Überführung klappt es eher selten, dass die islamische Vorgabe, Beerdigung innerhalb von 24 Stunden, eingehalten werden kann. Das Ziel lautet aber: „so schnell wie möglich“, meint Altan. An vielen unterschiedlichen Informationsquellen findet man Hinweise, dass muslimische Gräber nicht wieder neu belegt werden sollten. Altan und Ovali wollen das nicht bestätigen, schon allein weil dann die vielen Menschen in Metropolen wie Istanbul gar nicht bestattet werden könnten, schüttelt Altan den Kopf. Damit der Körper des Verstorbenen auch ohne Sarg in der Erde nicht zerdrückt wird, wird er in eine Art Spalt auf einer Seite der Grube gelegt und, zumindest bei weicher Erde, mit einer dünnen Schicht Holz bedeckt. Dabei ist natürlich auch zu beachten, dass die Brust gen Mekka ausgerichtet sein muss, die Füße aber nicht in diese Richtung zeigen dürfen. Der Körper muss also leicht gedreht gebettet werden.

Während in Deutschland der Trend verstärkt zu einer der vielen Formen von Feuerbestattungen geht, wollen Russland-Deutsche „zu 99 Prozent eine Erdbestattung“ und davor eine offene Aufbahrung, erzählt Alexander Jakob vom gleichnamigen Bestattungsunternehmen, dass in diesem Kulturkreis weder Kosten für die Beerdigung noch für das Grab gescheut werden.

Vielen Kemptenern unbekannt ist die auf dem Katholischen Friedhof liegende Ecke mit jüdischen Grabstätten, die, so Kaps, allerdings „nicht mehr im Bestattungsbetrieb ist“, sondern nur mehr zum Gedenken gepflegt werde.

Auch einige ausgefallene Trends Während das Angebot für Erdbestattungen sehr überschaubar ist – Einzel- oder Doppel- bzw. Mehrfachgrab in der Reihe oder im Park – bietet die Feuerbestattung einen ganzen Reigen an Möglichkeiten und liegt ebenso im Trend wie die wachsende Nachfrage für pflegefreie Gräber. Laut Jakob sorgen immer mehr Menschen vor und legen schon zu Lebzeiten fest, wie und wo sie einmal bestattet werden wollen, oftmals verbunden mit dem Wunsch, ihre Angehörigen zu entlasten – gegebenenfalls auch durch eine anonyme Bestattung. Ein Punkt sind natürlich auch die anfallenden Kosten. Zum Beispiel muss der Sarg für Erd- wie Feuerbestattung aus Holz sein, aber für die Verbrennung im Krematorium ist die Hürde sicher nicht so groß, einen deutlich günstigeren Fichtensarg dem teuren Modell aus Eiche vorzuziehen. Werden dann die Kosten für die Verbrennung hinzugerechnet, schmilzt die Ersparnis zwar schnell wieder zusammen. Dennoch sind gerade viele der neueren Feuerbestattungsformen auch finanziell eine attraktive Alternative. Aber auch bei konventioneller Variante macht sich der gegenüber dem Erdgrab kleinere Urnenplatz preislich unter anderem schon beim Erdaushub bemerkbar: Für den Sargplatz nennt Jakob hier rund 700 Euro gegenüber etwa 100 Euro bei einer Urne. Für seine Mutter und Seniorchefin des Unternehmens hat die Urnenbestattung zumindest einen entscheidenden Vorteil: „die Asche ist sauber“, mögliche Krankheitserreger würden bei der Verbrennung abgetötet und falsche Gelenke & Co. zudem anschließend „ausgefiltert“. Bei einer Erdbestattung lande dagegen alles im Erdreich. Als einziger Anbieter in Kempten gibt es dort die Naturbestattung „Tree of Life“ der Baum des Lebens. Dabei wird ein Baum nach Wahl mit Substratgemisch aus der Asche des Verstorbenen und spezieller Vitalerde gepflanzt und nach einer Durchwurzelungsdauer von etwa einem halben Jahr im eigenen Garten oder einem anderen dafür vorgesehenen Ort angepflanzt.

Einen Trend zu Hausaufbahrungen hat das ebenfalls in Kempten ansässige Bestattungsunternehmen Kurt Erhard ausgemacht und aufgegriffen: der Wunsch von Angehörigen den Verstorbenen zu Hause aufzubahren, um sich individuell und in gewohnter Umgebung verabschieden zu können.

Eine recht luxuriöse bzw. kostspielige Variante der Feuerbestattung bietet unter anderem das älteste Kemptener Bestattungsunternehmen Weiss an: die Diamantbestattung, bei der nach der Einäscherung aus einem Teil der Asche ein Diamant gefertigt wird, der als Schmuckstück getragen werden kann.

Da die Asche eines Verstorbenen viel mehr Spielraum zulässt als eine Erdbestattung mit Sarg, konnte sich das Angebot im Lauf der Zeit auch entsprechend entfalten. Heute kann man die Asche von Verstorbenen in den Wind verstreuen oder auf einer Almwiese in den Bergen beisetzen, am Familienfelsen, im Berg-bach, am Familienbaum, sie in einer wasserlöslichen Urne auf See bestatten oder – die wohl mit Abstand teuerste Variante – die Urne in den Weltraum schießen lassen. Aufgrund der in Deutschland strengeren Gesetzen, sind einige Bestattungsarten allerdings nur im freizügigeren Ausland, wie der Schweiz oder den Niederlanden möglich, was von hiesigen Bestattungsunternehmen auf Wunsch problemlos organisiert wird.

Bestattungsmöglichkeiten in Kempten 

Ein großes Angebot gibt es aber trotz des in Bayern sogar besonders strengen Bestattungsgesetzes selbst in Kempten und es soll noch weiter ausgebaut werden.

Nicht erstrebenswert ist für Kaps allerdings das Modell Urnenwand, wie die Urnen-Nischenplätze auf dem ältesten Friedhof Kemptens, dem evangelischen Friedhof unter der Burghalde. Sie waren einst als Projekt des Architekten Heydecker mit Platz für insgesamt 201 Urnen in Einzel-, Doppel-, Vierer- oder Achternischen entstanden und 1937 in die Hände der Stadt übergegangen. Warum nicht mehr davon? „Die Urne steht in 30 Jahren noch genau so da“, da dort nichts verrottet, erklärt Kaps. Wohin also mit der Urne, wenn die Laufzeit des Platzes von den Nachkommen nicht verlängert wird? Vielleicht ja ein Grund, warum die Nutzungsrechte bei vielen der Grabnischen schon seit vielen Jahrzehnten bestehen und nur mehr sehr selten überhaupt aufgegeben wird.

Neben dem gängigen Erd- und Urnenbestattungsangebot in schon zahlreichen Varianten ist das Spektrum für individuelle Wünsche vor allem auf dem städtischen Zentralfriedhof beachtlich. Von Einzel- bis Mehrfachbelegungen, mit liegenden, stehenden oder ganz ohne Grabplatten, mit eigener Grabpflege, Beauftragung einer Gärtnerei oder per Rasenmäher durch die Friedhofsverwaltung, mit viel Gestaltungsmöglichkeit oder mit wenig – auch auf dem Friedhof scheint der Kunde inzwischen König zu sein.

Etwas zurückgegangen ist laut Kaps die Nachfrage nach dem zuvor sehr stark nachgefragten „Kemptener Modell“, ein Urnenwahlgrab, für dessen gärtnerische Pflege gesorgt wird. Komplett „ausverkauft“ sei die in einem Rondell angelegte Stelen-Urnenanlage. „Der Urnenwand am nächsten“ komme das Angebot „Blätter im Wind“ – Stelen aus hellem Kalkstein, verbunden durch Edelstahlrohre, an denen Blätter aus geschmolzenem Glas als Schrift- und, falls gewünscht, Bildträger angebracht sind.

Als „Renner“ bezeichnete er den „Schmetterlingsgarten“, wo in jeder Grabstätte zwei Urnen mit einer gemeinsamen Grabplatte beigesetzt werden können, auf denen außer kleineren Blumenschalen oder Kerzen nichts abgestellt werden darf. Die Pflege der gesamten Anlage liegt bei der Friedhofsverwaltung. Der Gedanke hinter der schmetterlingsförmig gestalteten Anlage ist der Schmetterling als Symbol für den Wiederauferstehungsglauben der Christen.

Mit der „Friedensallee“ bietet der Zentralfriedhof auch eine besondere Form der Naturbestattung. Maximal sieben (Bio-)Urnen können dort im Wurzelbereich einer Linde beigesetzt werden. Vor dem Baum wird ebenerdig eine kleine Gedenktafel aus Messing für den Verstorbenen verlegt. Grablichter werden geduldet, Blumenschmuck dagegen nur für einen kurzen Zeitraum nach der Beerdigungsfeier. Pflege und Gestaltung unterliegt ausschließlich der Friedhofsverwaltung.

Was laut Kaps „vor 20 Jahren noch undenkbar war“, schlägt in Kempten inzwischen mit rund 300 Bestattungen pro Jahr zu Buche: Bestattungen im anonymen Gemeinschaftsgrab, gepflegt von der Friedhofsverwaltung. Blumen oder Kerzen sind zwar nicht erlaubt, werden aber geduldet, denn Kaps weiß: „Angehörige brauchen eine Anlaufstelle“, eine Erfahrung, die er auch bei anderen Grabarten gemacht hat, bei denen Schmuck solche Art eigentlich nicht vorgesehen ist. Als problematisch hat er auch erlebt, wenn Angehörige nicht schon zu Lebzeiten des Verstorbenen über dessen Verfügung für eine anonyme Bestattung informiert wurden. Das wirke dann oft „wie ein Schock“. Anonym bestattet werden immer mehrere, meist aus ganz Bayern stammende, Urnen an drei Terminen im Jahr.

Auch den Sozialgräbern ist ein Bereich der Friedhofsanlage vorbehalten. Rund 15 Personen, die entweder von Amts wegen bestattet werden, weil sie keine Angehörigen mehr haben und/oder niemand für die Bestattungskosten aufkommen kann, finden hier laut Kaps pro Jahr ihre letzte, bescheidene Ruhe.

Auf Initiative des „Bunten Kreis Allgäu e.V.“ gibt es ein Kindergrabfeld für so genannte „Sternenkinder“, die vor, während oder nach der Geburt gestorben sind und hier auch mit einem Gewicht unter den bestattungspflichtigen 500 Gramm eine würdige letzte Ruhestätte finden können.

Virtuelle Welt macht auch vor dem Tod nicht halt

Dynamik ist offensichtlich auch nach dem Ableben noch gefragt. So hat bereits der QR-Code auf dem Grabstein Einzug in die sepulkrale Welt gefunden, der nach dem Abscannen die virtuelle und immer wieder neu gestaltbare Trauerseite über den Verstorbenen aufs Display des Smartphones zaubert.

Eine weitere Form der virtuellen Trauer bieten Gedenkseiten im Internet. Hier können Bilderalben angelegt, Texte verfasst und virtuelle Trauerkerzen entzündet werden. Als Vorteile werden, unter anderem, die weltweite Erreichbarkeit genannt und die Langlebigkeit verglichen mit der nur einmalig kurz erscheinenden Todesanzeige in der Zeitung.

Christine Tröger

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