Zero Waste oder volle Tonne?

Von Müll-Ansammlern und Müll-Verweigerern

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So geht müllfreies Einkaufen: Mit Baumwolltaschen, Dosen und Boxen für Schüttgut, auslaufsichere Schraubgläsern für Antipasti und Co.. Das Wäschenetz ist für Obst und Gemüse gedacht. Geschirrtücher sind praktisch zum Einwickeln von Brot und Backwaren.
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Das kommt doch am Ende eh alles in einen Container? Von wegen, Glas hat einen Recyclinganteil von bis zu 80 Prozent und wird daher sogar von Hand nachsortiert.
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Ob Bio oder Nicht-Bio: Rund 320.000 Einwegbecher wandern jedes Jahr in den Müll. Abhilfe schaffen Pfandbecher oder selbst mitgebrachte Kaffeebecher.
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Auf Märkten und im Bio-Supermarkt findet man weitgehend unverpacktes Obst und Gemüse.

Recyceln lernen bei uns schon die Kindergartenkinder. Von echter Abfallvermeidung sind wir in Deutschland aber noch weit entfernt. Woher kommt der viele Müll und wie gelingt ein müllfreieres Leben?

VON STEFFI KOLLER

Wer kleine Kinder hat, der weiß: Die Müllabfuhr kommt fast jede Woche, um blaue, grüne oder schwarze, meist überquellende Tonnen zu leeren. Beeindruckt winkt mein Sohn dem orange leuchtenden Müllauto, das so schön blinkt und so zuverlässig unsere Abfälle schluckt.

Hurra – die Müllabfuhr ist da!

Praktisch, so eine funktionierende Abfallwirtschaft! Ich denke an die Müllstreiks in Neapel und bin froh, dass wir solche Probleme nicht haben. Trotzdem drängt sich die Frage auf, wieso wir so viel Müll produzieren. Egal, ob Bio-, Restmüll oder Papier, nie verlässt eine Tonne leer die Einfahrt. Anscheinend ist die Idee der Abfall-Kreislaufwirtschaft noch nicht richtig bei uns angekommen. Wir rühmen uns zwar mit dem deutschen Recycling-System, doch eigentlich müsste unser Motto heißen: „reject – reuse – recycle“. Und an den anderen beiden „re‘s“ müssen wir noch kräftig arbeiten. Denn das würde auch bedeuten, Dinge gar nicht erst anzuschaffen (reject), viel mehr wieder zu verwenden, zu reparieren oder weiterzugeben (reuse) und erst ganz am Ende: sinnvoll recyclen. Im europäischen Vergleich sind wir als Müllverursacher ganz vorn mit dabei. Laut einer Studie des Onlineportals billiger.de verursacht jeder Deutsche im Durchschnitt 188 Kilogramm Restmüll, 118 Kilogramm Biomüll und 147 Kilogramm Wertstoffe im Jahr. Auch der Abfallreport 2016 des zuständigen Bundesministeriums kommt zu dem Schluss, dass „trotz leicht sinkender Zahlen“ immer noch zu viel Abfall in Deutschland erzeugt wird. Dabei kommt die Stadt Kempten im Abfall-Ranking noch ganz gut weg. Wir gehören angeblich zu den „Müllvermeidern“ und verursachen „nur“ 165 Kilogramm (Rest)-Müll. Müll-Hochburgen sind dagegen im Ruhrgebiet, in Berlin und auch in Franken zu finden.

ZAK, zack – weg mit dem Müll

Dass es uns nicht so geht wie den bestreikten Bewohnern von Neapel, dafür sorgt der Zweckverband für Abfallwirtschaft (ZAK) und seine Dienstleister. Die Zeiten der Böden belastenden Mülldeponien sind längst Geschichte – ein modernes Müllheizkraftwerk verbrennt den gesammelten Restmüll und wandelt ihn in Heiz-Energie um. Der Biomüll wandert in eine Vergärungsanlage und Altholz dient im Holzheizkraftwerk zur Energiegewinnung für das Fernwärme-Netz. Alles in allem eine Menge „Holz“, das hier verbrannt wird. Und ein lukratives Geschäft für die Abfallverwerter. Der Abfallverband steht finanziell gut da und ist seit diesem Jahr komplett schuldenfrei. Langfristige Investitionen in die Müllverbrennung rechnen sich, denn es ist auch zukünftig keine geringere Abfallmenge zu erwarten. Da lohnt sich auch der Einbau einer 8,2 Millionen Euro teuren neuen Rauchgasreinigung in das Müllheizkraftwerk. Im Einzugsgebiet Oberallgäu und Lindau wurden von Januar bis September 2017 rund 44.287 Tonnen Müll eingesammelt. Nur zwölf Prozent davon sind Gewerbemüll. Beim Hausmüll ist eine leichte Steigerung (rund drei Prozent) im Vergleich zum letzten Jahr festzustellen. Diese ist laut ZAK vorwiegend durch Neubauten und neu georderte Hausmülltonnen entstanden. Die Städte Kempten und Lindau produzieren jeweils rund ein Viertel der gesamten Müllmenge.

Wiederverwenden statt wegwerfen!

Auch wenn das Geschäft mit dem Müll gutes Geld verspricht, beim Zweckverband für Abfallwirtschaft ist Müllvermeidung ein großes Thema. Anfang des Jahres wurde dort eine Stelle geschaffen, die sich mit dem Thema befasst. Das EU-geförderte Interreg Projekt „Surface“ wird nun von Claudia Mayer mit Leben gefüllt. Sie treibt eifrig Projekte zum Thema voran. Denn wir alle haben Dinge im Keller, die zu schade zum Wegwerfen sind. An die will Mayer jetzt ran. Eine „ReUse“ Box, so der Arbeitstitel, ist eines von vielen Projekten, die im nächsten Jahr anlaufen sollen. Der Sammelkarton soll ähnlich der „Sperrmüll-Börse“ auf den Wertstoffhöfen das Sammeln von Alltags-Gegenständen zu Hause erleichtern. Hinein dürfen gebrauchte Dinge wie Bügeleisen, Elektrogeräte oder Spielsachen, die noch gut in Schuss sind. Sie werden anschließend in Gebrauchtwaren-Kaufhäusern angeboten. Mayer hat aus ihrer Zeit als Geschäftsführerin des „Unternehmen Chance“ in Lindau Erfahrung damit.

Das Image von Secondhand-Möbelläden ist bei uns noch stark mit „Trödel“ verknüpft. „Dabei findet man dort oft echte Möbelschätze, die für einen moderaten Preis verkauft werden“, erklärt sie mir. Wiederverwendung soll also beim ZAK wieder chic gemacht werden. Und dafür hat Claudia Mayer zahlreiche weitere Projekte auf dem Schirm. Auch ein regionales Netzwerk für Reparaturwerkstätten ist geplant. Selbst das Umweltbundesamt widmet sich seit Jahren der Frage, wie man Hausmüll reduzieren kann. Denn dass bei Möbeln, Elektronik und anderen Haushaltsartikeln eine große Wegwerfmentalität herrscht, betrübt nicht nur Mayer. Im November findet erneut die „europäische Woche der Abfallvermeidung“ statt. Unter dem Motto „Gib Dingen ein zweites Leben“ laufen Mitmach-Aktionen zu den Schwerpunkten Abfall vermeiden und natürliche Ressourcen schonen.

Am Samstag geht’s zum Reycylinghof

Samstagvormittag steht in Deutschland im Zeichen des Recyclinghofes. Dann wartet die Auto-Kolonne vor der Ampel des Wertstoff-Hofes, um fleißig zu recyclen. Den rund 300.000 Bürgern im Einzugsgebiet des ZAK stehen hierfür 38 Wertstoffhöfe und 542 Wertstoffinseln zur Verfügung. Und die sind gut ausgelastet. Laut den aktuellen Zahlen des ZAK landeten dort dieses Jahr 19.000 Tonnen Altpapier, 6800 Tonnen Altglas sowie 4900 Tonnen Altmetalle. Bei Altpapier und Altglas ist der recyclebare Anteil mit circa 80 Prozent übrigens besonders hoch. Zudem wird bei der Wiedereinschmelzung deutlich weniger Energie verbraucht als bei der Herstellung von neuem Glas. Glas wird deshalb nach der Leerung nachsortiert. Gar nicht gut ist hingegen die Recyclingbilanz der Kunststoff-Verpackungen. Denn die Wiederverwertung von Verbundsystemen wie Tetrapacks ist technisch aufwändig und kostenintensiv.

Die gesetzlichen Vorgaben für den Recyclinganteil liegen seit 15 Jahren bei lediglich 36 Prozent. Das wird bei der Verwertung heute leicht erreicht und könnte noch deutlich gesteigert werden. Aktuell wandert der Rest jedoch einfach in die Verbrennung. Ab dem Jahr 2019 gibt es einen Anreiz für die Verwerter, den Recycling-Anteil zu erhöhen. Das neue Verpackungsgesetz schreibt vor, dass 63 Prozent Recyclinganteil bei Kunststoffen zu erbringen sind. Bei Glas und Papier sollen zukünftig sogar 90 Prozent Recycling Materialien verwendet werden.

Wie kann man Müll vermeiden?

Zunächst sollte man seinen Müll sammeln und begutachten, rät die Expertin Shia Su. So bekommt jeder einen Überblick, was am meisten ins Gewicht fällt. Sie hat ein Buch mit dem Titel „Zero Waste“ geschrieben. Ihr Credo heißt, wenig überraschend, „refuse, reuse, recycle.“ Das gilt für alle Lebensbereiche, von Lebensmitteln über Putzmittel bis zur Kleidung. Sie empfiehlt etwa statt Zahnpasta in Plastiktuben Zahnpulver auf Bambuszahnbürsten. Und Shampoo-Flaschen aus Plastik weichen dem guten alten Stück Seife. Das Buch zum Thema kann man, ganz Zero Waste-

konform, in der Stadtbibliothek ausleihen. Oder man liest in zahlreichen Blogs online, welche Tricks und Kniffe zur Müllvermeidung es gibt. Ich gehe dazu auf Müllrecherche vor meiner Haustür. Erste Station: die Papiermüll-Tonne. Ein immer voller Geselle, dessen Inhalt wenigstens weitgehend recylet wird. Werbeprospekte, Broschüren von Onlineshops, Versicherungen und Co. landen jede Woche im Briefkasten. Wer das eindämmen will, kann sich kostenfrei in die „Robinson-Liste“ auf „Robinsonliste Online“ eintragen. Die Schutzgemeinschaft für Verbraucherkontakte bewahrt dann zukünftig vor unerwünschter Werbung. Kassenbons gehören übrigens nicht in den Papiermüll, sondern in die Restmülltonne. Das beschichtete Thermopapier lässt sich nämlich nicht recyceln. Ein weiterer großer Müllproduzent wird mir direkt ins Haus geliefert: Online Bestellungen, verpackt in Kartons und Plastiktüten. Und damit bin ich nicht allein. Im europäischen Vergleich geben wir Deutschen in Online Shops am meisten Geld aus. Der Verpackungsmüll dabei ist beachtlich, denn meist sind Kleinteile und Kleidungsstücke alle einzeln in Plastik eingepackt. Wer dagegen regional vor Ort einkauft, spart sich diesen Müll und stärkt die heimische Wirtschaft.

Restmüll oder Recycling?

Ich schaue als nächstes in unsere Restmüll-Tonne. Was dort viel Platz einnimmt, sind Windeln. Hier sind wir dank „Stoffwindeln“ und „windelfrei“ vermutlich nicht ganz vorne dabei. So ein durchschnittliches Windelbaby verbraucht rund 4000 bis 5000 Wegwerfwindeln in seinem Leben. Und die wandern alle hier hinein. Daneben nutzen Eltern gerne Feuchttücher, die (bestenfalls) auch in der Mülltonne enden. Ökologisch gesehen sind Feuchttücher fragwürdig, besonders wenn sie statt im Windeleimer in der Kanalisation landen und Kläranlagen verstopfen. Sie zersetzen sich nicht und werden im schlechtesten Fall am nächsten Strand wieder angespült.

Verpackungen gehören übrigens nicht in den Restmüll, sondern in den gelben Sack, außer sie sind stark verschmutzt. Hier steckt übrigen in meinem Haushalt das größte Einsparpotential. Man muss sich nur mal im Supermarkt umschauen, fast alles, was dort angeboten wird, ist bunt umhüllt. Zahlreiche Plastikverpackungen für Obst und Gemüse, Joghurtbecher, Milchtüten und Käseverpackungen werfen wir täglich in den Grünen Sack. Der Einkauf im Supermarkt und der Verzehr von Fertiggerichten treibt unsere Müllbilanz ordentlich nach oben. Wer Müll vermeiden will, sollte hingegen frisch kochen und idealerweise auf Märkten oder im Bioladen einkaufen. Daneben gibt es in vielen großen Städten mittlerweile sogenannte „Unverpackt“ Läden, in denen lose Ware angeboten wird. Auch Mehrweg-Verpackungen wie Joghurt im Glas sind eine sinnvolle Alternative zu den Wegwerfartikeln. Denn ein Pfandglas kann rund 50-mal wiederbefüllt werden. Und Wasser-Sprudler für Mineralwasser und Leitungswasser sind eine echte Müllspar-Alternative zu Wasser aus Einweg-Plastikflaschen.

Ein Marmeladeglas voll Müll?

Die Mitglieder der „Zero ­Waste Bewegung“ raten außerdem dazu, eigene Behälter zum Einkaufen mitzunehmen. Darf der Einzelhandel denn grundsätzlich in mitgebrachte Behälter abfüllen? Ein Anruf bei der Stadt Kempten bringt Klarheit. Paul Lenz vom Amt für Verbraucherschutz und Lebensmittelüberwachung erklärt: „Mitgebrachte Behälter dürfen auf der Theke abgestellt und befüllt werden. Der Behälter darf nur nicht in die Zone hinter der Theke, da dies laut Hygieneverordnung die Ware eventuell nachteilig beeinflussen könnte.“ Funktioniert also grundsätzlich, man muss nur auch an die Behälter denken und diese auch zum Einkaufen mitnehmen.

Positiver Nebeneffekt für „Zero Waste“ Anhänger ist die Ersparnis. Denn Produkte ohne Verpackung schonen den Geldbeutel. Impulskäufe sind eher selten und man bezahlt ja auch die Verpackung nicht mit. Natürlich ist auch die Auswahl entsprechend kleiner. Das zeigt sich auch bei meinem eigenen Warenkorb. Kaufe ich viel auf dem Wochenmarkt oder im Bioladen ein, gelingt es mir, mit deutlich weniger Verpackungsmüll nach Hause zu kommen. Im Supermarkt oder Discounter ist dagegen alles großzügig eingepackt. Bio-Bananen und Tomaten schwitzen unter Plastikfolie. Bio-Käufern stößt so ein Verpackungswahnsinn wie bei eingeschweißten Bio-Gurken ohnehin sauer auf.

Natürlich spielt auch die Optik oft eine nicht unwesentliche Rolle bei der Größe und Art der Verpackung. Zero Waste Anhänger pfeifen darauf und reduzieren ihren Einkauf auf das Wesentliche. Und manche schaffen es so, mit einem Marmeladeglas voll Müll pro Jahr auszukommen. Bewaffnet mit Baumwolltaschen, Tupperdosen und Geschirrtüchern bestreiten sie ihren weitgehend müllfreien Alltag. In die Baumwolltaschen wandert loses Gemüse und Obst, Geschirrtücher dienen als Einwickelpapier für Snacks vom Bäcker oder für Brot. Und in die mitgebrachte Dose wandern Wurst, Käse oder „fast food“ ganz ohne unnötige Hüllen.

„To go“-Müll der Eiligen

Was im Supermarkt „To Go“ daher kommt, produziert Berge von Verpackungs-Müll. Laut der deutschen Umwelthilfe werden in Deutschland 320.000 Einwegbecher stündlich verbraucht. Sie sind nicht recyclebar und wandern in die Restmülltonne. Mit Mehrwegbechern könnte jeder Deutsche rund 34 Wegwerfbecher pro Jahr einsparen. In einigen deutschen Städten hat sich da schon etwas getan. Zwei Jungunternehmer aus Rosenheim haben eine Alternative entwickelt. Und das Pfandsystem „Recup“ für Kaffee-Liebhaber erfunden. Der „Recup“ ist ein recyclebarer Mehrweg-Becher aus Kunststoff. Er kostet einen Euro Pfand und kann bei Bäckereien, Cafés und anderen Gastropartnern zurückgegeben werden. 500 Mal wird er wieder befüllt, bevor er recycled wird. Das Projekt kam der Stadt Kempten gerade recht. Denn sie sieht beim „Kaffeebecher-Müllberg“ ebenfalls Handlungsbedarf. So wurde interessierten Gastronomen bereits im Sommer das Projekt vorgestellt. Zur langen Einkaufsnacht am 2. Dezember werden nun die ersten „Kemptener“ Recup-Becher ausgegeben. Fest dabei sind die Bäckerei Wipper, die Bäckerei Deibler in Lenzfried sowie das Café Centro. Weitere Gastropartner sollen bald schon folgen. Auch für Pendler sind die Becher praktisch, denn sie können auch in anderen teilnehmenden Städten zurückgegeben werden.

Und wie sieht es bei eigenen mitgebrachten Bechern aus? Die Becher dürfen vom Personal befüllt werden, aber nicht hinter die Theke wandern, erklärt Lenz von der Stadt Kempten dazu. Am einfachsten geht das bei Kaffeestationen, wo Kunden selbst den Kaffee „zapfen“ können. Der schnelle Kaffee „To Go“ kann in Kempten also zukünftig schon mal mit „grünerem“ Gewissen getrunken werden. Oder noch besser: Man setzt sich zum Kaffetrinken wieder mal in Ruhe hin und blinzelt in die Herbstsonne. Denn das spart Müll und entspannt zugleich.

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